Lena, die Unsicherheit und die Burg als Schutz

„Immer diese Unsicherheit!“ Damit beginnt Lena heute die Stunde. „Diese Gedanken: Ist das richtig?  Darf ich das überhaupt entscheiden? Das nervt mich!“

Ich kenne diese Seite von Lena noch nicht und bin etwas erstaunt. Sie hat einen dominanten Vater, dem sie kaum etwas entgegensetzen kann. Ob sie dieser Unsicherheit ein Symbol zuordnen könne?

„Der Kuschelhund, der liegt einfach so da.“ Lena nimmt ihn hoch und legt ihn vor sich auf den Boden. „Der ist völlig ohne Energie,“ stellt sie fest.

„Und was macht ihn so energielos?“ Das schlechte Gewissen. Lena legt ein oranges Kissen gegenüber vom Hund auf den Boden. „Jetzt hat der Hund gar keine eigene Energie mehr.“  

Ich schlage ihr vor, das Kissen wegzulegen. „Eigentlich ist der Grund mein Vater. Dazu fällt mir Gagamel ein, der böse Kerl, der die Schlümpfe bedroht.“ Ich muss lachen.

Lena nimmt den Hund zu sich auf den Schoß.

„Sie könnten ihm sagen, dass er zu ihnen gehört,“ schlage ich vor. „Gut, ok – aber der denkt, das bleibt dann nicht so .“ Nach einer Weile kann Lena ihm versprechen, dass sie ab jetzt immer auf ihn hören wird.

„Wir sind eine Räuberbande,“ sagt Lena plötzlich lachend, „wir gehören zusammen! – Wir sind zu mehreren in einer Burg… und wenn Gagamel kommt, dann passen alle auf und machen das Tor nicht auf oder werfen was runter…“

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Ob jetzt alles gut und sie geschützt sei? Lena nickt und freut sich. Aber das überzeugt mich irgendwie nicht.   

„Sind da nicht noch zwei andere Anteile?“ gebe ich zu Bedenken, „der Mütterliche und die Gutmütige?“ Lena stimmt erstaunt zu. „Und sind die vielleicht in der Küche?“ „Ah, stimmt, die kochen etwas, wollen ihm was davon geben und machen ihm dann heimlich die Tür auf! Da muss einer aufpassen, denen muss einer sagen, dass sie den nicht reinlassen dürfen! Der würde drinnen wieder riesengroß werden, draußen ist er klein!“
Wie kann sie sich absichern?

Es gibt e. Alarmanlage – und die beiden sehen das auch ein, dass der ihr Mitgefühl verwirkt hat!“

In der nächsten Sitzung erzählt Lena, dass sie sich mehrmals an die Burg erinnert und einmal auch Krebse über die Mauer hinunter geworfen hat. Sie habe damit den Vater ganz gut von sich fernhalten können. Der Gedanke „ich muss ihn mal wieder besuchen“ hat sich damit nicht mehr durchsetzen können und sie habe sich dabei gut gefühlt.

Eva und die Mütterlichkeit

Eine gute Mutter zu sein ist auch für mich manchmal ein innerer Konfliktstoff, da der Anspruch einerseits eine vertraute Seite von mir ist und andererseits steht er im Widerspruch zu meinem Wunsch nach Freiraum und Selbstverwirklichung, sodass es sich manchmal wie ein Riss in meinem Inneren anfühlt. Meine Patientin Eva erlebt einen solchen inneren Konflikt immer wieder, heute anhand der Verteilung der Räume in ihrem Zuhause.
„Wenn mein Mann im Homeoffice ist, fühle ich mich unfrei, so als würde er mich kontrollieren,“ eröffnet sie heute die Sitzung. Das habe ich schon öfter von Frauen gehört, die Mütter sind, sich um den Haushalt kümmern und berufstätig sind. Eva hat einen anstrengenden Job.
 
Ihr fällt auf, dass die Tochter und ihr Mann ein Zimmer für sich haben, während sie in einer Ecke im Schlafzimmer einen kleinen Schreibtisch und einen Sessel für sich hat. Manchmal zieht sie sich in den Keller zurück, bügelt und legt Wäsche zusammen, um eine zeitlang für sich zu sein.

Auf mein Nachfragen hin bemerkt Eva einen Druck in der Herzgegend.
Wir arbeiten eine Weile damit und mit ihren Gefühlen und den Gedanken dazu, bis sie sich zu der Überzeugung verdichten, dass sie sich keinen Raum nehmen darf.
Eva hat plötzlich eine Idee: sie könnte das Wohnzimmer für sich zu beanspruchen.
„Mein Mann müsste anklopfen, aber die Kinder nicht.“
Ich finde die Idee richtig gut. Wie sie denn das Zimmer gestalten würde?
„Vogelwild!“ sagt Eva strahlend, „nach meinen eigenen Bedürfnissen!“.

Dann fällt ihr ein, dass die zweite Tochter, die seit Kurzem in einer nahegelegenen Stadt lebt, möchte, dass zu Hause „alles so bleibt, wie es ist“. Evas Gesichtsausdruck verändert sich jetzt entsprechend dem innerlich zusammengefallenen Kartenhaus in Richtung Resignation.
Ich halte dagegen: „Ich kenne diesen Wunsch von Kindern, die das Elternhaus verlassen haben, sie möchten immer wieder ins vertraute Nest zurückkehren, aber die Tochter verändert sich und Sie als Mutter auch!“  Eva nickt und findet die Situation jetzt unfair.
„Das klingt nach Motherism“, sage ich spontan, ohne nachzudenken, einfach in der Vorstellung, dass Eva ein Ideal von Mütterlichkeit verinnerlicht hat, ein Muster von Erwartungen an diese Rolle, die sie selbst zu stark einschränkt.
Meine Mutter hat sich „nur aufgeopfert“, sagt Eva.

Später finde ich per Internetrecherche heraus, dass es zwei Bedeutungen von Motherism gibt: die Diskriminierung von Nur-Müttern und die Wertschätzung von Mütterlichkeit als liebevolle Fürsorge für andere und die Umwelt. Da lag ich wohl falsch.
Mir ging es um die Erwartungen an „die gute Mutter“, die sich einschränkt, weil sie das Ideal verinnerlicht hat, meist ohne es zu merken. Als Forschungsthema ist „die Mutter als weibliche Person“, Anspruch und Realität, so gut wie nicht vorhanden.

Es existiert ein gesellschaftliches Rollenbild, das besonders von berufstätigen Müttern kaum mehr zu erfüllen ist, aber innerlich noch wirkt. Nach aktuellen Forschungsansätzen besteht Muttersein vor allem in einem grundsätzlichen, umfassenden Verantwortungsgefühl für den Nachwuchs, was die körperliche Sicherheit, die seelische Zufriedenheit und die gesamte Entwicklung betrifft.
Immer wieder sitzen Mütter vor mir mit schlechtem Gewissen, Schuld- und Versagensgefühlen, weil ein jugendlicher Sohn oder die Tochter sich nicht gemäß den Normalitätsanforderungen entwickelt. Der Partner bleibt dabei seltsamerweise außen vor.

Und viele Frauen haben in den Häusern und Wohnungen kein eigenes Zimmer, sie sorgen für die anderen. Eva sieht die Situation jetzt anders. „Ich werde das Wohnzimmer umräumen, wie ich will!“
Damit geht sie lachend zur Tür raus. Was für ein mutiger Entschluss. Und gleichzeitig denke ich: Wieso auch nicht?

Ninas Einsamkeit, das Jammern und das Problem mit der Zukunft

Nina kann sich oft nicht entscheiden, vor allem, wenn es um körperliche Beschwerden geht, dann jammert sie, nach der richtigen Lösung oder Behandlung suchend, und geht ihren Freundinnen damit auf die Nerven. Kein Wunder, dass sie sich zurückziehen. Heute will Nina von mir wissen, wie sie zu eigenen Entscheidungen kommt, und wie sie es schafft, mit dem Jammern aufzuhören.

Ich packe zunächst meine verhaltenstherapeutischen „Tipps und Tricks“ aus:
sie kann ihr Problem aufschreiben, Für und Wider bewerten, sie kann konkret um eine Meinung oder Unterstützung nachfragen, sie kann recherchieren und dann versuchen wahrzunehmen, was ihr Gefühl und ihre Intuition sagen. Ihre Reaktion ist für mich verblüffend: „Eigentlich suche ich eine Mutter“, sagt Nina. Sie hat ihre Mutter früh verloren.

„Sie vermitteln vermutlich, dass Sie sich nicht anlehnen, sondern selbst entscheiden wollen, sodass die Ratschläge der Freundinnen ins Leere laufen, und beide Seiten deshalb frustriert sind“, gebe ich zu Bedenken. Nina lacht kurz und stimmt mir zu.

Dann fällt mir noch etwas ein: „Sie können vielleicht benennen, wie Sie sich fühlen, zum Beispiel, dass Sie gerade verzweifelt sind,“ schlage ich, weiter nach Lösungen suchend, vor. „Sie sind doch dann manchmal verzweifelt?“
Plötzlich kommt Nina in Fahrt, und sie erzählt, wie es in der DDR war, wo sie aufgewachsen ist. Es sei viel über Krankheiten geredet worden, wenn sich die Familie traf oder Nachbarinnen sich unterhielten. Das habe niemanden gestört.
Und jetzt wird Nina etwas klar: „Wir waren getragen von einer gemeinsamen Zukunft, jeder hatte an seinem Platz Anteil an der Gemeinschaft, egal ob es die Putzfrau war, der Handwerker oder der Chef, wir wurden so geprägt, dass wir den Kommunismus aufbauen, etwas Gutes, das in der Zukunft lag, und dafür war die Gemeinschaft wichtig. Damals hätte man mich kurz nervig gefunden, aber mich nicht gemieden, wenn ich gejammert hätte, man hätte gesagt ‚die jammert halt‘, aber ich hätte dazugehört. Ich bin schon lange im Westen. Aber irgendwie hat man mir die Zukunft genommen.“

Endlich verstehe ich den Hintergrund für Ninas frustrierende Suche nach Verbundenheit und Unterstützung, und dass ihr Jammern von dem Gefühl der Aussichtslosigkeit genährt wird, das zu finden, was sie kannte. Und von dem Widerstand gegen die allgemeine Erwartung, in ihrem Leben grundsätzlich selbstständig entscheiden zu müssen und zu wissen, was sie will. Und ich verstehe ihre Fassungslosigkeit, dass andere sich überfordert abwenden, wenn ihre Haltlosigkeit offenbar wird.
Wie ratlos müssen die Freundinnen sein, wenn sie Nina sagen, sie soll doch froh sein, sie habe Arbeit, eine schöne Wohnung und könne doch jetzt, wo die Kinder aus dem Haus sind, machen, was sie will. Für Nina fehlt etwas.

Nina hat etwas gesucht, was sie von früher kennt. Ihr Gefühl von einem Defizit im Miteinander erscheint mir realistisch, Einsamkeit ist ein zentrales Thema in der aktuellen Gesellschaft. Ich werde ihr helfen, eine Gemeinschaft zu finden, die menschliche Verbundenheit und gegenseitige Unterstützung einschließt. Und Nina hat schon eine Idee.

http://www.abstrakte-Kunst.de – Bild von Christina Lück

Einsamkeit. Was wissen wir darüber?

Es gibt sie bereits, die Minister of Loneliness, die Einsamkeitsminister, und zwar in England und in Japan. Bei uns wird über Einsamkeit abstrakt gesprochen, in Büchern und Statistiken, aber von meinen Patient*innen höre ich Sätze wie „ich war am Wochenende wieder allein, und es ging mir schlecht“. Kein Wunder, als Single auf dem Land. Man passt dann nicht in sein Umfeld, der Kontaktmangel quält einen und macht hilflos. Wer einsam ist, benennt es nicht.
Nach meiner Erfahrung  – es war für mich ein Neubeginn an einem fremden Ort – entsteht eine Negativspirale: ich hatte wenig Kontakt und fühlte mich einsam, je einsamer ich mich fühlte, umso weniger konnte ich auf andere zugehen. Es war wie verhext, das Gefühl von einem inneren Loch wurde größer, das konnte sowieso niemand füllen. Alleinsein ist generell ein Gefühl, das tief gehen kann. Es triggert eine „nie ganz erlöschende Kinderangst“ (Sigmund Freud).

Wenn jemand sich als einsam beschreiben würde, wäre er stigmatisiert, umgeben von einer Aura von Versagen und dem Verdacht einer undefinierbaren psychischen Störung ausgesetzt, womöglich bekäme man es mit einer überbordenden Bedürftigkeit zu tun.
Als ich vor vielen Jahren neu hergezogen war und bei Gelegenheit kundtat, dass ich neue Freunde suchte, wirkte das auf andere so, als hätte ich eine ansteckende Krankheit. Direkt darf man dieses Thema also nicht angehen.

Was hat die Wissenschaft bisher über Einsamkeit herausgefunden?
„Einsamkeit ist ein vernachlässigtes Problem“ titelt Frank Padberg von der LMU München. Am meisten leiden Personen um die 20 und um die 80 Jahre unter Einsamkeit. Und wer dieses widrige Gefühl länger aushalten muss, hat ein größeres Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten und Depressionen. Und umgekehrt, wer daran erkrankt, fühlt sich eher einsam.

Wovon hängt es ab, ob jemand sich einsam fühlt? Padberg und sein Team haben herausgefunden:  Jemand fühlt sich einsam, wenn er sich von anderen Menschen leichter bedroht fühlt und entsprechende Signale verstärkt wahrnimmt. Oder wenn er meint, er sei selbst schuld und etwas sei mit ihm nicht in Ordnung. Und wenn er glaubt, er könne seinen Zustand nicht beeinflussen oder ändern. Häufig liegt es an einem Mangel an Bindung oder Übung in der Kindheit.

Die Politikerin Diana Kinnert spricht in ihrem Buch „Die neue Einsamkeit“ für die jüngere Generation, wenn sie feststellt: wir sind alle gut vernetzt, aber die wirkliche Verbindlichkeit fehlt. Das durchzieht nach meiner Erfahrung die ganze Gesellschaft: der Mangel an Verbindlichkeit.

Und wie geht es denen, die in einer Partnerschaft leben? 13 % der Frauen und 15 % der Männer in Paarbeziehungen bezeichnen sich als einsam. Spielt Corona eine Rolle? Mit Home-Office, Kinder beaufsichtigen, Angst vor Jobverlust… Nein. Es gibt eher deutliche Zusammenhänge mit Misshandlung in der Kindheit, auch dem Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Man kann emotional oder/und sozial isoliert sein, und jede*r reagiert unterschiedlich stark darauf.

Entscheidend ist das Gefühl der Einsamkeit und nicht die objektive Situation. Wer sich mit etwas, jemandem oder etwas Größerem verbunden fühlt, und wenn es ein Therapeut ist, kann dem Einsamkeitsgefühl entkommen, auch wenn er in seinem Umfeld allein ist. Aber das sollte sich natürlich durch eine Therapie ändern, wenigstens ein bisschen, und es muss passen, zu dem, was man sich wirklich wünscht.

Martina, die Fahrstuhlangst und der Ausstieg aus der Enge

Wir haben am Anfang beide angenommen, dass wir in kürzester Zeit ihre Fahrstuhlangst erfolgreich behandeln könnten. Martina wohnt in einem Haus mit vielen Stockwerken, und der Fahrstuhl fällt manchmal aus. Dann muss sie zähneknirschend, egal wie viele Einkaufstaschen sie in der Hand hat, zum 6. Stock hinauflaufen.

Aber weit gefehlt, wir haben zwar am Anfang ein EMDR gemacht, eine Methode, die fast immer hilft, blockierende Überzeugungen zu überwinden, aber Martina konnte den Fahrstuhl nach wie vor nicht benutzen, und andere Themen schoben sich in den Vordergrund.

Nachdem nun – viele Sitzungen später – der Fahrstuhl erneut das Thema ist, und Martina mehr innere Selbständigkeit und Sicherheit erreicht hat, staune ich, wie ihre Angst sich jetzt entlarven lässt und der Hintergrund verständlich wird:

Martina schließt die Augen. Es gelingt ihr ganz gut, sich zu entspannen. Dann stellt sie sich vor, dass sie vor dem Fahrstuhl steht, und bekommt ein Gefühl der Enge am Hals, so als ob jemand sie würgen würde. Dieser Jemand drückt sie in den Fahrstuhl hinein, sie wehrt sich nicht. Es ist dort stickig und eng, der Schatten steht neben ihr, und sie weiß, dass er über sie bestimmt, seine Ausstrahlung ist eindeutig.

„Wenn ich wegrücke, rückt er nach“, stellt Martina fest. „Ich fühle mich nicht bedroht, aber mir ist mulmig. Die Person neben mir bestimmt, was ich mache, und er hat jetzt den Knopf in den 4. Stock gedrückt… aber ich möchte raus!“ Das klingt hilflos.
Ich frage einfach mal nach, in welchem Stockwerk sie denn aussteigen möchte.
„Ich möchte in den 3. Stock aber ich kann nichts tun!“  
„Sie können doch auf Stopp drücken“, behaupte ich spontan, „das geht!“

Martina drückt auf „Stopp“. Sie rückt von der Person weg, und er kommt zu ihrem Erstaunen nicht nach. Sie steigt im 3. Stock aus. „Wenn er mir nachkommt, stelle ich mich ganz nah vor seine Nase und sage: „Mit mir nicht mehr!“ Sie atmet auf.
Nach einer Weile öffnet Martina die Augen und schaut mich fragend an.

„War das mein Vater?“, fragt sie unsicher. Ihr Vater hatte ein Geschäft und die ganze Familie war eingespannt gewesen.
„Hat es sich am Anfang so angefühlt, dieser Schatten, das Dunkle und Kontrollierende?“ frage ich zurück.
„Ja, und dann hat mein Ex-Mann das Bestimmen und Kontrollieren übernommen“.
 
Ob sie jetzt mit dem Fahrstuhl fahren könne? will Martina wissen. Und bevor ich antworten kann, sagt sie: „Ach egal! Ich bin in den 3. Stock gefahren, wo ich hinwollte, und ich habe mich aus der Enge befreit. Ich lasse mich nicht mehr von außen bestimmen.“ Ihre braunen Augen leuchten ein bisschen.
Als nächstes möchte sie probieren, mit der S-Bahn in die Stadt zu fahren. Vielleicht werde sie ihre Familie  besuchen, was lange nicht ging. Aber erst, wenn sie das möchte.  

Erik, die Schreibblockade und das Misstrauen

Viele kennen den Bestseller von Stefanie Stahl „Das Innere Kind muss Heimat finden“, und ich arbeite schon lange und immer wieder mit dem Symbol des Inneren Kindes, mit dem abgespaltene, schwer aushaltbare Erfahrungen und Verletzungen aus der Kindheit bewusst erfahren und integriert werden können.

Schon lange hat mein humorvoller, kluger Patient Erik eine Schreibblockade, sodass er mit seinen 26 Jahren beruflich nicht weiterkommt. Er hat viel Phantasie, mit ihm kann ich gut mit inneren Bildern und dem „Inneren Kind“ arbeiten.

Diesmal wird Erik in der Stunde wütend auf seine scheinbar unüberwindbare Blockade und zeigt seine Verzweiflung darüber. Was nur mit ihm los sei? Was er machen könne, um sich davon zu befreien? Wir hatten schon einiges versucht.

Heute schlage ich als Symbol für diesen blockierenden Anteil ein Inneres Kind vor, und Erik überlegt und erspürt, was das wohl empfindet.
Der kleine Erik sei überzeugt, dass er keinen Fehler beim Schreiben machen dürfe, deshalb vermeide er es. Er, der große Erik, sieht das Kind als Figur aus Glas. Das erstarrte Kind wolle nicht mit ihm sprechen, weil es ihm nicht vertrauen könne. Das fühlt sich nach einer Sackgasse, nach einem Dilemma an. Was jetzt? Ich muss die beiden in Kontakt bringen und überlege.
 
„Es braucht vielleicht eine höhere Instanz“, schlage ich dann vor und zähle ein paar auf. Ich fange mit Gott an als Symbol für die universelle schöpferische Energie, und als ich dann – eher spaßhalber – „auf einer Wolke“ hinzufüge, hellt Eriks Gesicht sich auf: Es sei eine Wolke, die helfen könne, die wisse die Wahrheit. Und die sei irgendwie auch in ihm, das gebe ihm Zuversicht.

„Das Glaskind steht im Feuer“, sagt Erik nun tonlos, und er nehme es überall hin mit. Es könne niemandem vertrauen.
Es braucht eine ganze Weile, bis Erik das Kind im Dialog überzeugen kann, dass es ihm vertrauen könne und bis es glauben kann, dass es nicht mehr allein ist. Es bleibe sonst lieber in seiner Höhle. Es würde doch nur Schmerz auf ihn warten.
Endlich, nach gutem Zureden, dass der große Erik verlässlich sei und ihn beschütze, kommt es aus seinem Versteck hervor. Sie umarmen sich. Und das Feuer erlischt.

Und was  jetzt? Wohin mit dem Kind, das nun in Eriks inneren Welt lebendig existiert und ein Seelenanteil von Erik geworden ist?
Schließlich findet Erik einen „guten Platz“ für das Kind und bringt es dorthin, auf eine Wiese, zu anderen Kindern. Erik möchte nun von dem Kleinen wissen, was denn das Feuer gewesen sei, das um ihn herum war, und es antwortet: „das war das nicht vertrauen können.“
 
Das hat mich berührt, weil ich das kenne, so wie viele andere, das sich um etwas sorgen, das Grübeln und nach einer Lösung suchen, das getrieben und blockiert sein, das einen innerlich verzehrt, manchmal verbunden mit brennenden Schmerzen.
Vertrauen zu können ist oft schwer, und etwas ganz Wunderbares, wenn man es nach dem Krisenmodus, in dem man manchmal feststeckt, doch wieder spüren kann. Und wenn man wieder weiß und aushalten kann, dass man Vieles nicht planen und wissen kann. Dass es aber möglich ist,  daran zu glauben und darauf zu vertrauen, dass es weitergehen und irgendwie gut werden wird. Dann atmet man auf und ist wieder mit sich und der Welt verbunden.

Alina und die Me-time

“Gönne dir Me-time, und du kannst besser für andere sorgen” lese ich im Internet (Psychology.today). Das ist aus meiner Sicht dann keine Me-Time, weil es wieder eine Funktion für andere hat, so als wäre es nicht an sich notwendig und sinnvoll, sich um sich selbst zu kümmern, um in die Mitte zu kommen und Eindrücke zu verarbeiten. Man braucht Zeit, nachzudenken, nachzuspüren, bei sich zu sein.

Im ‚Englischen Wörterbuch steht einfach: “When you can do what you want to do” (dictionary.cambridge.org). Genau, das klingt erholsam! Tun, was man selbst will.

Auf Deutsch übersetzt heißt Me-time „Ich-Zeit“ und das bedeutet, sich Zeit für sich zu nehmen.

Alina ist Ende dreißig und berichtet mir von ihrem Urlaub am Strand mit ihrem Partner und seiner 7-jährigen Tochter Lisa.
„Das mit der Me-time war schwierig“, sagt Alina halb lachend.
Sie findet es selbst komisch, aber sie habe kein schlechtes Gewissen gehabt, sich auch einmal abzuseilen und allein ins nächste Dorf zu fahren oder am Strand entlangzuwandern, aber es habe sich trotzdem nicht gut angefühlt.

Sie habe dann herausgefunden, dass sie sich ausgeschlossen gefühlt habe, wie manchmal in der Schule früher. Sie sei immer sehr lebendig gewesen.
Ich warte darauf, dass ich mich therapeutisch einbringen kann. Die Themen Me-time, Care-Arbeit und sich ausgeschlossen fühlen bieten sich an, aber Alina ist schon beim nächsten Thema. Sie hat den Hintergrund ihrer Beklemmung verstanden, ich habe das kurz verständnisvoll kommentiert, und nun spricht sie über ihre Pläne für die Zukunft.

Am Ende der Stunde, während Alina noch auf einem zweiten Stuhl sitzt, wo sie sich Ihren Plan einer längeren Reise real vorgestellt, erspürt und entschieden hat, dass sie es doch tun sollte, reflektiere ich meine Therapeutenrolle für Alina.
War das jetzt gerade Me-time für sie? Oder haben wir etwas versäumt anzusprechen?

Ich spreche meine Gedanken – und mein ehrliches Gefühl – dann auch aus:

„Ich habe gewartet, wo ich therapeutisch einhaken kann, aber Sie brauchen das gar nicht, Sie sind so begabt, klug und kompetent, Sie können so viel und…“
„Sie wissen doch“, sagt Alina darauf, ich muss das einfach alles erzählen, dann sortiert es sich und wenn Sie das jetzt so sagen, dann fliegen meine Ängste einfach zum Fenster raus.“ Wir müssen beide lachen, und ich glaube, wir fühlen uns beide in dem Moment glücklich.

„Aber nicht, dass Sie mich wegschicken“, fügt Sie beim noch schnell Rausgehen hinzu, „ich brauche Sie, um alles zu sortieren!“

„Typisch Mann“ und was sich verändert

Aktuell bemühen sich viele Männer, nicht mehr typisch zu sein. Sie lesen Bücher, in denen steht, dass Männer gelernt haben, keine Gefühle zuzulassen und dass sie nicht mit ihnen umgehen können, und dass es an der Zeit ist, das zu lernen. Weil es Ihnen dann besser gehen, ihre Beziehungen sich verbessern und Konflikte sich leichter lösen lassen würden.

So weit, so gut. Aber was gelernt wurde, in den Knochen steckt und im Umfeld ständig sichtbar und normal ist, ist schwer zu ändern. Trotz Einsicht und aufgeklärter Einstellung.
Ein gutes Beispiel dafür erzählt mir Walter in einer Sitzung. Er ist unzufrieden in seinem Job, kann das aber nicht so recht mit seinem Chef klären und seinen Ärger nicht ausdrücken, deshalb hat er sich ein passendes Buch von einem Coach gekauft.  

„Ich sitze neulich abends mit dem Buch in der Hand im Wohnzimmer“ erzählt er, „und lese, dass man als Mann Gefühle zulassen und über sie sprechen soll, und ich sehe das natürlich ein und stimme dem innerlich zu.
Und gerade da kommt mein Sohn zur Tür herein und beschwert sich aufgeregt über einen Lehrer, er werde ungerecht behandelt, der habe es auf ihn abgesehen… Mit halbem Ohr höre ich zu und sage zu ihm, dass er jetzt sofort ins Bett gehen soll, anstatt hier so ein Theater zu veranstalten.

Dann halt ich inne, mein Blick richtet sich wieder auf die Buchseite, und ich merke plötzlich: genau das, was da steht, was man nicht machen soll, habe ich gerade bei meinem Sohn getan, seine Gefühle weggeschoben und unterdrückt.

In dem Moment habe ich gedacht, das kann ja wohl nicht wahr sein! Ich habe ihn zurückgerufen und ihn die Situation in der Schule und seine Gefühle von Ungerechtigkeit schildern lassen, und ihm auch erzählt, wie es mir in ähnlichen Situationen früher ging.
Ich hatte mich zum Beispiel mal über eine Note in Mathe geärgert und vom Lehrer die Antwort bekommen: „Lass‘ mal gut sein, Ärger schwächt“. Also macht man lieber einen Deckel drauf und fühlt sich stark. Das wird ja erwartet, dass man stark ist.

Die Tochter kam noch dazu, und es wurde ein schönes Gespräch, nah und verbunden, und mein Sohn hat sich beruhigt, er fühlte sich nicht mehr allein und nicht mehr so hilflos.
Unglaublich, wie automatisch die gelernten Muster ablaufen und man sie an die Kinder weitergibt.“

Wir lassen das beide auf uns wirken und staunen gemeinsam über die Kehrtwende.
Und ich ergänze noch, dass unterdrückter Ärger Magenschmerzen macht. Und unterdrückte Wut oft der Grund für Kopfschmerzen ist. Wo soll die Gefühlsenergie auch hin, sie staut sich im Körper.

„Mit dem Problem sind Sie außerdem nicht er einzige“, füge ich hinzu. „ich höre öfter auch von Frauen, dass sie sich mit einem Mann zwar übereinstimmend über feministische Themen unterhalten können, er sich dann aber anders verhält, ohne es zu merken.“
Und später denke ich: Wie gut, dass sich was tut, es ist ein weiter Weg.

Liegt das Glück in mir?

Die Quellen des Glücks liegen innen, in meinem Selbst, ich muss in der Tiefe suchen, mich vielleicht belehren lassen, mich finden, Buddha, Seneca und Menschen wie Mutter Theresa fragen, mein Ego überwinden, herausfinden, was ich (wirklich) will, Ziele setzen und erreichen oder einfach bescheidener sein. Das habe ich gedacht und vermutlich ganz viele andere auch. Dass es an und in mir liegt, das Geheimnis des glücklich seins.

Wer kennt es und zeigt mir den Weg? Schaffe ich das, bis ich alt und grau bin, glücklich zu sein? Mutter Theresa war jedenfalls sehr unglücklich, sie fühlte in sich ein schwarzes Loch, das wissen wir aus ihren Tagebüchern. Buddha war am Ende seines Lebens immerhin zufrieden als Fährmann, so beschreibt es Hermann Hesse in „Siddharta“. Aber was ist mein eigener, persönlicher Schlüssel zum Glück? Zufriedenheit finde ich langweilig, weil ich es mit Stillstand verbinde, während doch alles Lebendige wachsen will.

Vielleicht geht es gar nicht um Glück im Leben? Auch das ist eine wichtige Frage. Stefan Aust, der ein erfülltes Leben als Korrespondent hatte, wurde im Alter gefragt, was ihn glücklich macht, und die Antwort machte mich nachdenklich: es sei ihm nie um glücklich sein gegangen.

„Meine Mutter will Zufriedenheit, ich will glücklich sein, Zufriedenheit reicht mir nicht!“ sagt meine Patientin Rita neulich zu mir. Das weiß sie sicher. Aber sie kommt zu mir, weil sie die Tage voller grauer Sinnlosigkeitsgefühle überwinden will und nicht weiß, wie. Der Schlüssel zum Unglück wird bald klar: sie will immer alles richtig machen. Sie sperrt sich ein. Festgefahrene Überzeugungen, die Lebendigkeit blockieren, die im Laufe der Kindheit oder Jugend entstanden sind zu überwinden ist mein Ziel als Psychotherapeutin, vieles löst sich erst durch Schmerz, Trauer und Körperbewusstsein, den Weg gehe ich auch für mich selbst immer wieder. Aber das allein macht noch nicht glücklich.

Das Glück liegt vielleicht gar nicht im Kopf und hängt nicht primär von der inneren Einstellung ab.
Es könnte sein, dass es vorwiegend davon abhängt, welche Quellen des Glücks ich im Außen habe, wie viel Verbundenheit ich spüre, wie ich am Leben teilnehme, wie eingefahren oder kreativ ich bei meinen alltäglichen Aktivitäten bin. Lasse ich mir am Tag Freiräume und Luft zum Atmen?

Gerald Hüther, der bekannte Neurowissenschaftler, wird nicht müde, in seinem Podcast über das Altwerden zu wiederholen, dass unser Gehirn Glückshormone ausschüttet, wenn wir uns gern um etwas kümmern und die anerzogene Orientierung am Funktionieren und Arbeiten überwinden. Das Gehirn sei plastisch. Macht etwas Neues und verbindet euch mit anderen Menschen! Das ist seine Botschaft.

Wenn wir uns anderen Menschen zuwenden, fühlen wir uns lebendig, wenn wir arbeiten und Dinge erledigen, sind wir bestenfalls zufrieden. Routinen geben uns ein Gefühl der Sicherheit, aber aus ihnen auszubrechen, etwas auch mal anders zu machen als gewohnt, eine Fahrt ins Blaue zu wagen, neue Kontakte zu suchen, das alles löst das Gefühl von lebendig sein aus. Sicherheit und Geborgenheit sind wichtig, aber zu viel davon macht träge.

Geht es überhaupt um Glück? Oder ist es wichtiger, dass man Lebendigkeit sucht und dem Leben vertraut, dass man einen Schritt nach vorn macht, ohne schon genau zu wissen, was kommt, dass man nicht an immer dieselben Orte fährt, dass man sich bewegt und sich bewegen lässt, und dass man dabei die Kriterien „wie werde ich gesehen, was erreiche ich damit, ist das sinnvoll, wie stehe ich da, kann ich das, bin ich ein guter Mensch“ usw. durch ein einziges Kriterium ersetzt, das im Kontakt entsteht: Fühlt es sich lebendig an?

Die alte Schachtel…

…bin ich selbst, und das fühlt sich gut an, und sie, die Schachtel, gefällt mir.
Als die Schachtel entstand, war sie bereits gut befüllt. Und es kam immer mehr hinzu. Im Inneren wurde es manchmal recht eng und mitunter entstand ein Durcheinander. Das war in Ordnung, denn immer wieder mal nahm jemand etwas heraus oder legte etwas Passendes hinein.

Irgendwann, nach vielen Jahren, wurde es ruhiger um sie. Wurde sie noch gebraucht?
Sie war es so gewohnt, für andere nützlich zu sein, das war ihre Bestimmung. Es ging ihr gut, aber wofür und wozu war sie jetzt noch da? Sie ahnte, dass sie ein Verfallsdatum hatte.
Sollte sie mit ihrem ruhigen Dasein zufrieden sein und die Fülle im Inneren nur noch aufbewahren? Sie selbst konnte wenig tun, sie stand im Regal und hoffte, dass etwas in ihr Leben kam, das ihr eine neue Bedeutung geben würde und Freude an ihrem Dasein.

Der Tag kam. Das Leben steht ja nicht still. Jemand stellte eine Schachtel neben sie, schön anzuschauen und mit Gebrauchsspuren, so wie sie selbst, und dann kam noch jemand und platzierte eine weitere in Sichtweite, sodass die Schachteln sich sehen konnten, und das Innere der Schachteln wurde neu geordnet.

Auch jetzt wurde Dinge herausgeholt und hineingelegt. Und manchmal nahm jemand die alte Schachtel aus dem Regal, ließ den Deckel offen stehen und schaute mit Freude auf den bunten Inhalt. Das passierte mit jeder Schachtel, und sie alle fühlten sich so wohl, geschätzt und beachtet, als hätten sie wahre Schätze in sich. Aber war es nicht so?

Wieso war es je anders gewesen?

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