Erik, die Schreibblockade und das Misstrauen

Viele kennen den Bestseller von Stefanie Stahl „Das Innere Kind muss Heimat finden“, und ich arbeite schon lange und immer wieder mit dem Symbol des Inneren Kindes, mit dem abgespaltene, schwer aushaltbare Erfahrungen und Verletzungen aus der Kindheit bewusst erfahren und integriert werden können.

Schon lange hat mein humorvoller, kluger Patient Erik eine Schreibblockade, sodass er mit seinen 26 Jahren beruflich nicht weiterkommt. Er hat viel Phantasie, mit ihm kann ich gut mit inneren Bildern und dem „Inneren Kind“ arbeiten.

Diesmal wird Erik in der Stunde wütend auf seine scheinbar unüberwindbare Blockade und zeigt seine Verzweiflung darüber. Was nur mit ihm los sei? Was er machen könne, um sich davon zu befreien? Wir hatten schon einiges versucht.

Heute schlage ich als Symbol für diesen blockierenden Anteil ein Inneres Kind vor, und Erik überlegt und erspürt, was das wohl empfindet.
Der kleine Erik sei überzeugt, dass er keinen Fehler beim Schreiben machen dürfe, deshalb vermeide er es. Er, der große Erik, sieht das Kind als Figur aus Glas. Das erstarrte Kind wolle nicht mit ihm sprechen, weil es ihm nicht vertrauen könne. Das fühlt sich nach einer Sackgasse, nach einem Dilemma an. Was jetzt? Ich muss die beiden in Kontakt bringen und überlege.
 
„Es braucht vielleicht eine höhere Instanz“, schlage ich dann vor und zähle ein paar auf. Ich fange mit Gott an als Symbol für die universelle schöpferische Energie, und als ich dann – eher spaßhalber – „auf einer Wolke“ hinzufüge, hellt Eriks Gesicht sich auf: Es sei eine Wolke, die helfen könne, die wisse die Wahrheit. Und die sei irgendwie auch in ihm, das gebe ihm Zuversicht.

„Das Glaskind steht im Feuer“, sagt Erik nun tonlos, und er nehme es überall hin mit. Es könne niemandem vertrauen.
Es braucht eine ganze Weile, bis Erik das Kind im Dialog überzeugen kann, dass es ihm vertrauen könne und bis es glauben kann, dass es nicht mehr allein ist. Es bleibe sonst lieber in seiner Höhle. Es würde doch nur Schmerz auf ihn warten.
Endlich, nach gutem Zureden, dass der große Erik verlässlich sei und ihn beschütze, kommt es aus seinem Versteck hervor. Sie umarmen sich. Und das Feuer erlischt.

Und was  jetzt? Wohin mit dem Kind, das nun in Eriks inneren Welt lebendig existiert und ein Seelenanteil von Erik geworden ist?
Schließlich findet Erik einen „guten Platz“ für das Kind und bringt es dorthin, auf eine Wiese, zu anderen Kindern. Erik möchte nun von dem Kleinen wissen, was denn das Feuer gewesen sei, das um ihn herum war, und es antwortet: „das war das nicht vertrauen können.“
 
Das hat mich berührt, weil ich das kenne, so wie viele andere, das sich um etwas sorgen, das Grübeln und nach einer Lösung suchen, das getrieben und blockiert sein, das einen innerlich verzehrt, manchmal verbunden mit brennenden Schmerzen.
Vertrauen zu können ist oft schwer, und etwas ganz Wunderbares, wenn man es nach dem Krisenmodus, in dem man manchmal feststeckt, doch wieder spüren kann. Und wenn man wieder weiß und aushalten kann, dass man Vieles nicht planen und wissen kann. Dass es aber möglich ist,  daran zu glauben und darauf zu vertrauen, dass es weitergehen und irgendwie gut werden wird. Dann atmet man auf und ist wieder mit sich und der Welt verbunden.

Alina und die Me-time

“Gönne dir Me-time, und du kannst besser für andere sorgen” lese ich im Internet (Psychology.today). Das ist aus meiner Sicht dann keine Me-Time, weil es wieder eine Funktion für andere hat, so als wäre es nicht an sich notwendig und sinnvoll, sich um sich selbst zu kümmern, um in die Mitte zu kommen und Eindrücke zu verarbeiten. Man braucht Zeit, nachzudenken, nachzuspüren, bei sich zu sein.

Im ‚Englischen Wörterbuch steht einfach: “When you can do what you want to do” (dictionary.cambridge.org). Genau, das klingt erholsam! Tun, was man selbst will.

Auf Deutsch übersetzt heißt Me-time „Ich-Zeit“ und das bedeutet, sich Zeit für sich zu nehmen.

Alina ist Ende dreißig und berichtet mir von ihrem Urlaub am Strand mit ihrem Partner und seiner 7-jährigen Tochter Lisa.
„Das mit der Me-time war schwierig“, sagt Alina halb lachend.
Sie findet es selbst komisch, aber sie habe kein schlechtes Gewissen gehabt, sich auch einmal abzuseilen und allein ins nächste Dorf zu fahren oder am Strand entlangzuwandern, aber es habe sich trotzdem nicht gut angefühlt.

Sie habe dann herausgefunden, dass sie sich ausgeschlossen gefühlt habe, wie manchmal in der Schule früher. Sie sei immer sehr lebendig gewesen.
Ich warte darauf, dass ich mich therapeutisch einbringen kann. Die Themen Me-time, Care-Arbeit und sich ausgeschlossen fühlen bieten sich an, aber Alina ist schon beim nächsten Thema. Sie hat den Hintergrund ihrer Beklemmung verstanden, ich habe das kurz verständnisvoll kommentiert, und nun spricht sie über ihre Pläne für die Zukunft.

Am Ende der Stunde, während Alina noch auf einem zweiten Stuhl sitzt, wo sie sich Ihren Plan einer längeren Reise real vorgestellt, erspürt und entschieden hat, dass sie es doch tun sollte, reflektiere ich meine Therapeutenrolle für Alina.
War das jetzt gerade Me-time für sie? Oder haben wir etwas versäumt anzusprechen?

Ich spreche meine Gedanken – und mein ehrliches Gefühl – dann auch aus:

„Ich habe gewartet, wo ich therapeutisch einhaken kann, aber Sie brauchen das gar nicht, Sie sind so begabt, klug und kompetent, Sie können so viel und…“
„Sie wissen doch“, sagt Alina darauf, ich muss das einfach alles erzählen, dann sortiert es sich und wenn Sie das jetzt so sagen, dann fliegen meine Ängste einfach zum Fenster raus.“ Wir müssen beide lachen, und ich glaube, wir fühlen uns beide in dem Moment glücklich.

„Aber nicht, dass Sie mich wegschicken“, fügt Sie beim noch schnell Rausgehen hinzu, „ich brauche Sie, um alles zu sortieren!“

„Typisch Mann“ und was sich verändert

Aktuell bemühen sich viele Männer, nicht mehr typisch zu sein. Sie lesen Bücher, in denen steht, dass Männer gelernt haben, keine Gefühle zuzulassen und dass sie nicht mit ihnen umgehen können, und dass es an der Zeit ist, das zu lernen. Weil es Ihnen dann besser gehen, ihre Beziehungen sich verbessern und Konflikte sich leichter lösen lassen würden.

So weit, so gut. Aber was gelernt wurde, in den Knochen steckt und im Umfeld ständig sichtbar und normal ist, ist schwer zu ändern. Trotz Einsicht und aufgeklärter Einstellung.
Ein gutes Beispiel dafür erzählt mir Walter in einer Sitzung. Er ist unzufrieden in seinem Job, kann das aber nicht so recht mit seinem Chef klären und seinen Ärger nicht ausdrücken, deshalb hat er sich ein passendes Buch von einem Coach gekauft.  

„Ich sitze neulich abends mit dem Buch in der Hand im Wohnzimmer“ erzählt er, „und lese, dass man als Mann Gefühle zulassen und über sie sprechen soll, und ich sehe das natürlich ein und stimme dem innerlich zu.
Und gerade da kommt mein Sohn zur Tür herein und beschwert sich aufgeregt über einen Lehrer, er werde ungerecht behandelt, der habe es auf ihn abgesehen… Mit halbem Ohr höre ich zu und sage zu ihm, dass er jetzt sofort ins Bett gehen soll, anstatt hier so ein Theater zu veranstalten.

Dann halt ich inne, mein Blick richtet sich wieder auf die Buchseite, und ich merke plötzlich: genau das, was da steht, was man nicht machen soll, habe ich gerade bei meinem Sohn getan, seine Gefühle weggeschoben und unterdrückt.

In dem Moment habe ich gedacht, das kann ja wohl nicht wahr sein! Ich habe ihn zurückgerufen und ihn die Situation in der Schule und seine Gefühle von Ungerechtigkeit schildern lassen, und ihm auch erzählt, wie es mir in ähnlichen Situationen früher ging.
Ich hatte mich zum Beispiel mal über eine Note in Mathe geärgert und vom Lehrer die Antwort bekommen: „Lass‘ mal gut sein, Ärger schwächt“. Also macht man lieber einen Deckel drauf und fühlt sich stark. Das wird ja erwartet, dass man stark ist.

Die Tochter kam noch dazu, und es wurde ein schönes Gespräch, nah und verbunden, und mein Sohn hat sich beruhigt, er fühlte sich nicht mehr allein und nicht mehr so hilflos.
Unglaublich, wie automatisch die gelernten Muster ablaufen und man sie an die Kinder weitergibt.“

Wir lassen das beide auf uns wirken und staunen gemeinsam über die Kehrtwende.
Und ich ergänze noch, dass unterdrückter Ärger Magenschmerzen macht. Und unterdrückte Wut oft der Grund für Kopfschmerzen ist. Wo soll die Gefühlsenergie auch hin, sie staut sich im Körper.

„Mit dem Problem sind Sie außerdem nicht er einzige“, füge ich hinzu. „ich höre öfter auch von Frauen, dass sie sich mit einem Mann zwar übereinstimmend über feministische Themen unterhalten können, er sich dann aber anders verhält, ohne es zu merken.“
Und später denke ich: Wie gut, dass sich was tut, es ist ein weiter Weg.

Liegt das Glück in mir?

Die Quellen des Glücks liegen innen, in meinem Selbst, ich muss in der Tiefe suchen, mich vielleicht belehren lassen, mich finden, Buddha, Seneca und Menschen wie Mutter Theresa fragen, mein Ego überwinden, herausfinden, was ich (wirklich) will, Ziele setzen und erreichen oder einfach bescheidener sein. Das habe ich gedacht und vermutlich ganz viele andere auch. Dass es an und in mir liegt, das Geheimnis des glücklich seins.

Wer kennt es und zeigt mir den Weg? Schaffe ich das, bis ich alt und grau bin, glücklich zu sein? Mutter Theresa war jedenfalls sehr unglücklich, sie fühlte in sich ein schwarzes Loch, das wissen wir aus ihren Tagebüchern. Buddha war am Ende seines Lebens immerhin zufrieden als Fährmann, so beschreibt es Hermann Hesse in „Siddharta“. Aber was ist mein eigener, persönlicher Schlüssel zum Glück? Zufriedenheit finde ich langweilig, weil ich es mit Stillstand verbinde, während doch alles Lebendige wachsen will.

Vielleicht geht es gar nicht um Glück im Leben? Auch das ist eine wichtige Frage. Stefan Aust, der ein erfülltes Leben als Korrespondent hatte, wurde im Alter gefragt, was ihn glücklich macht, und die Antwort machte mich nachdenklich: es sei ihm nie um glücklich sein gegangen.

„Meine Mutter will Zufriedenheit, ich will glücklich sein, Zufriedenheit reicht mir nicht!“ sagt meine Patientin Rita neulich zu mir. Das weiß sie sicher. Aber sie kommt zu mir, weil sie die Tage voller grauer Sinnlosigkeitsgefühle überwinden will und nicht weiß, wie. Der Schlüssel zum Unglück wird bald klar: sie will immer alles richtig machen. Sie sperrt sich ein. Festgefahrene Überzeugungen, die Lebendigkeit blockieren, die im Laufe der Kindheit oder Jugend entstanden sind zu überwinden ist mein Ziel als Psychotherapeutin, vieles löst sich erst durch Schmerz, Trauer und Körperbewusstsein, den Weg gehe ich auch für mich selbst immer wieder. Aber das allein macht noch nicht glücklich.

Das Glück liegt vielleicht gar nicht im Kopf und hängt nicht primär von der inneren Einstellung ab.
Es könnte sein, dass es vorwiegend davon abhängt, welche Quellen des Glücks ich im Außen habe, wie viel Verbundenheit ich spüre, wie ich am Leben teilnehme, wie eingefahren oder kreativ ich bei meinen alltäglichen Aktivitäten bin. Lasse ich mir am Tag Freiräume und Luft zum Atmen?

Gerald Hüther, der bekannte Neurowissenschaftler, wird nicht müde, in seinem Podcast über das Altwerden zu wiederholen, dass unser Gehirn Glückshormone ausschüttet, wenn wir uns gern um etwas kümmern und die anerzogene Orientierung am Funktionieren und Arbeiten überwinden. Das Gehirn sei plastisch. Macht etwas Neues und verbindet euch mit anderen Menschen! Das ist seine Botschaft.

Wenn wir uns anderen Menschen zuwenden, fühlen wir uns lebendig, wenn wir arbeiten und Dinge erledigen, sind wir bestenfalls zufrieden. Routinen geben uns ein Gefühl der Sicherheit, aber aus ihnen auszubrechen, etwas auch mal anders zu machen als gewohnt, eine Fahrt ins Blaue zu wagen, neue Kontakte zu suchen, das alles löst das Gefühl von lebendig sein aus. Sicherheit und Geborgenheit sind wichtig, aber zu viel davon macht träge.

Geht es überhaupt um Glück? Oder ist es wichtiger, dass man Lebendigkeit sucht und dem Leben vertraut, dass man einen Schritt nach vorn macht, ohne schon genau zu wissen, was kommt, dass man nicht an immer dieselben Orte fährt, dass man sich bewegt und sich bewegen lässt, und dass man dabei die Kriterien „wie werde ich gesehen, was erreiche ich damit, ist das sinnvoll, wie stehe ich da, kann ich das, bin ich ein guter Mensch“ usw. durch ein einziges Kriterium ersetzt, das im Kontakt entsteht: Fühlt es sich lebendig an?

Die alte Schachtel…

…bin ich selbst, und das fühlt sich gut an, und sie, die Schachtel, gefällt mir.
Als die Schachtel entstand, war sie bereits gut befüllt. Und es kam immer mehr hinzu. Im Inneren wurde es manchmal recht eng und mitunter entstand ein Durcheinander. Das war in Ordnung, denn immer wieder mal nahm jemand etwas heraus oder legte etwas Passendes hinein.

Irgendwann, nach vielen Jahren, wurde es ruhiger um sie. Wurde sie noch gebraucht?
Sie war es so gewohnt, für andere nützlich zu sein, das war ihre Bestimmung. Es ging ihr gut, aber wofür und wozu war sie jetzt noch da? Sie ahnte, dass sie ein Verfallsdatum hatte.
Sollte sie mit ihrem ruhigen Dasein zufrieden sein und die Fülle im Inneren nur noch aufbewahren? Sie selbst konnte wenig tun, sie stand im Regal und hoffte, dass etwas in ihr Leben kam, das ihr eine neue Bedeutung geben würde und Freude an ihrem Dasein.

Der Tag kam. Das Leben steht ja nicht still. Jemand stellte eine Schachtel neben sie, schön anzuschauen und mit Gebrauchsspuren, so wie sie selbst, und dann kam noch jemand und platzierte eine weitere in Sichtweite, sodass die Schachteln sich sehen konnten, und das Innere der Schachteln wurde neu geordnet.

Auch jetzt wurde Dinge herausgeholt und hineingelegt. Und manchmal nahm jemand die alte Schachtel aus dem Regal, ließ den Deckel offen stehen und schaute mit Freude auf den bunten Inhalt. Das passierte mit jeder Schachtel, und sie alle fühlten sich so wohl, geschätzt und beachtet, als hätten sie wahre Schätze in sich. Aber war es nicht so?

Wieso war es je anders gewesen?

Embodiment, was bedeutet das?

Etwas wird im Body, in unserem Körper, verkörperlicht? Aber was, Gefühle, seelische Störungen, Denkmuster? Ja, das alles und noch mehr, zusammengefasst unter dem Begriff des „Selbst“. Es steht gerade hoch im Kurs, man hört und liest häufig von Selbstliebe und Selbstvertrauen. Das „Ich“ sorgt dafür, dass wir funktionieren und unser Selbst braucht Liebe, Fürsorge, Abgrenzung und vor allem Wertschätzung, es ist das, was wir sind. Im Körper.

Selbstbildnis von Caspar David Friedrich – wo sieht man das Selbst des Menschen deutlicher, als in seinem Gesicht?


Aber was meint man denn nun genau, wenn man von dem Selbst spricht?
Im Selbst findet sich unsere Identität, unser Selbstbild, das, was wir über uns denken, wie wir uns positionieren, genauso wie unser Körpererleben und unsere Beziehungen zu anderen und zur Umwelt – unser Erleben.
Manches von unserem Selbst ist unbewusst und funktioniert einfach.
Unser Selbst kann aber auch reflektieren, nachdenken, sich, seine Umwelt und seine Beziehungen formen. Und außerdem sind da noch unsere Vorstellungen, innere Bilder und unsere Sinngebung.
Embodiment bedeutet also, dass unser Selbst „verkörperlicht“ ist, dass das, was wir erleben, im Körper geschieht und über ihn erlebt wird.

Und wozu nun diese Psychosomatik 2.0? Weil man mit diesem Konzept Krankheiten im Zusammenhang mit unserem Erleben besser, einheitlicher, verstehen kann:
Mal ist der Körper ein Teil der Störung, dann ist beides krank, der Körper und das Selbst (z. B. bei chronischen Schmerzen oder Beschwerden ohne Befund),
mal drückt sich die Störung vorwiegend im Körper aus, sodass die seelische Störung manchmal in den Hintergrund tritt (Magersucht, Migräne, Traumafolgestörungen),
mal ist es der Körper, der quasi „handelt“, er macht uns Probleme (z. B. bei Angstanfälle oder Symptome von Depressionen),
oder er wird selbst zum Objekt (z. B. bei Selbstverletzungen).
(Nach „Allgemeine Psychosomatische Medizin – Verkörpertes Selbst im 21. Jh.“ von Dr. Peter Henningsen)

Das Konzept von Embodiment anzuwenden heißt, dass das Selbst gesund werden muss, es als eins mit dem Körper verstanden wird, und dass der Körper unsere Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Fürsorge braucht.
Wenn wir eine Krankheitsdiagnose von außen bekommen, dann stimmt etwas für uns im Inneren und mit unserer Abgrenzung nicht, dann geht es darum, zu verstehen, was uns aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Und wie wir unsere Beziehung zu uns selbst, die Resonanz im Körper wieder ins Lot bringen.
Je nach Beschwerden brauchen wir dazu ein mitfühlendes, begleitendes Gegenüber, das uns hilft, uns im Körper wahrzunehmen und wie wir mit ihm in Beziehung sind, damit wir wieder im Körper und mit uns selbst eins sind, embodied.

Frauen und Hausarbeit, man lese und staune!

In einer Beilage der ZEIT von Mitte Juni ist über Frauen und Hausarbeit zu lesen:

„Frauen, die weniger verdienen als ihre Männer, arbeiten mehr im Haushalt. So weit, so erwartbar. Umgekehrt könnte man annehmen, dass Frauen mit einem höheren Gehalt als ihre Männer sich entsprechend weniger um Kind und Heim kümmern.
Doch das stimmt nicht. Vielmehr arbeiten Frauen mit höherem Gehalt sogar noch mehr im Haushalt als Frauen, die weniger verdienen als ihre Partner. Das Ergebnis einer Studie von Joanna Syrda von der britschen University of Bath. Die Forscherin hatte 6000 hererosexuelle Paare aus Nordamerika befragt.

Bisher gingen Wissenshaftler*innen generell davon aus, dass Frauen mehr Hausarbeit leisten, damit ihre Männer die Zeit und Energie haben, um zu arbeiten und die Familie zu versorgen. Daraus würde aber eben auch folgen, dass sich die Verteillung der häuslichen Arbeit umkehrt, wenn Frauen mehr Geld verdienen als ihre Männer.
„Seltsamerweise arbeiten Mütter aber sogar umso mehr im Haushalt, je größer der Gehaltsunterschied zum weniger verdienenden Mann ist!, sagt Syrda. Sie vermutet, dass die Vorstlelung vom „männlichen Ernährer“ in den gesellschaftlichen Normen so tief verwurzelt ist, dass beide Partner es als unangenehm empfinden, wenn die Frau mehr verdeint. Womöglich versuchen sie, die Situation zu kompensieren – indem die Frauen sich noch mehr ums Zuhause kümmern und die Männer noch weniger.
Der Effekt ist bei verheirateten Paaren übrigens stärker ausgeprägt als bei unverheiratet zusammenlebenden. Warum das so ist, weiß Joanna Syrda nicht. JS“

https://bit.ly/38sUzXy

Nach der Therapie, ein Rückblick als Märchen

Das Märchen vom Ritter

von Toni Prokrastinati

Es war einmal ein Ritter, der hatte schon viele Schlachten geschlagen in seinem Leben. Im Grunde wollte er immer für das Gute kämpfen und oft war ihm das auch gelungen.

Doch der Ritter fühlte sich müde und eingeengt, irgendwie fürchtete er, seine Kraft und Stärke zu verlieren. Und das machte ihn traurig und schwermütig.

Mit Wehmut dachte er an die Zeit zurück, als er noch mit seiner anmutigen Frau und seinen Kinder in seiner Burg glückliche Tage verlebt hatte.

Aber irgendwann hatte er den Weg zurück zu seiner Burg und seinen Lieben aus den Augen verloren und so saß er nun schwer atmend auf einem Fels und stützte sich auf sein Schwert.

Gleichsam federleicht, tänzelte da ein schillernd bunter Schmetterling heran und fragte den Ritter:

„Warum öffnest du deine Rüstung und dein Kettenhemd nicht ein wenig? Du wirst dann viel freier atmen können!“

Er befolgte den Rat und wirklich, ihm wurde sogleich leichter ums Herz – warum nur war er nicht selbst darauf gekommen?

Mit einem geheimnisvollen, tiefgründigen Blick voll wohlwollender Lebensweisheit entschwebte der schillernd bunte Schmetterling und ließ den verwunderten Ritter zurück.

Dieser sammelte sich und beschloss die Suche nach dem Weg zu seiner anmutigen Frau, seinen Kindern und seiner Burg wieder aufzunehmen.

Doch der Ritter stieß auf viele Hindernisse. Hohe Berge und tiefe Täler hemmten seine Schritte und er wusste oft nicht, welchen der verschiedenen Wege und Abzweigungen er nehmen sollte.

Und so stand er einmal vor einem Fluss und kam nicht weiter. Betrübt schaute er in das Wasser, als ihm plötzlich eine zierliche Nymphe entgegenblickte und sagte:

„Schau links, schau rechts, gar viele mal,

spür´ hin, was Herz und Seel´ Dir sagen –

und bald schon wirst Du den Aufbruch wagen!“

Mit einem geheimnisvollen, tiefgründigen Blick voll wohlwollender Lebensweisheit entschwand die zierliche Nymphe in den Fluten und ließ den verwunderten Ritter zurück.

Und tatsächlich, als er mehrmals flussaufwärts und -abwärts blickte, spannte sich in der Ferne eine Brücke über den Fluss und er ahnte, dass diese ihn seinem Ziel näher bringen würde.

Und so geschah es, dass der Ritter eines sonnigen Tages seine Burg wieder fand und erreichte.

Auf der blumenreichen Wiese davor erkannte er seine anmutige Frau inmitten der spielenden Kinder. Neben ihr stand eine elfengleiche Fee.

Alle winkten sie dem Ritter freudig zu.

Als der der Ritter näher kam, bemerkte er, dass sich die Fee und seine Frau mit einem verschmitzten Lächeln zuzwinkerten und fröhlich lachten.

Mit einem geheimnisvollen, tiefgründigen Blick voll wohlwollender Lebensweisheit entschwebte alsbald die anmutige Fee und ließ den nun glücklichen Ritter im Kreis seiner Lieben zurück.

Es wurde ein großes Fest gefeiert und der Ritter nahm sich vor, wenn er das nächste Mal ausziehen würde, würde er auf sein Herz und seine Seele hören und seine Burg nicht mehr aus den Augen verlieren…

                        Toni Prokastinati

Christian und die Eisenkugel

„Wie werde ich nur die Eisenkugel in meinem Bauch wieder los?“ fragte Christian. Er hatte viel Traumatisches erlebt und wir hatten bereits viele Stunden daran gearbeitet, auch letzte Woche. Heute trafen wir uns per Video.
Ich war genauso ratlos wie er. Er versuchte, die Kugel in der Vorstellung nach unten Richtung Ausgang zu verschieben, um sie loszuwerden, aber durch die raue Oberfläche hing sie fest. Es war nichts zu machen. Ich überlegte, was helfen könnte.

Plötzlich tauchte über seinem Kopf ein Lichtstrahl auf, der von oben rechts direkt oben auf seinen Kopf wies. Er wirkte so beeindruckend hell und deutlich, dass ich schnell ein Foto machte und ihm zuschickte.
Christian schaute auf das Bild, nahm diesen Lichtstrahl in sich auf und fing an zu weinen.
Die Verkrampfung löste sich, dann war da nur noch Erschöpfung. Ein gutes Gefühl breitete sich aus. Es gab nichts mehr zu sagen.
Manche Therapiestunden sind magisch, ganz ohne absichtliches Tun. Geweint hatte er noch nie.

Lea fühlt sich gemobbt – eine Therapiestunde

Als Lea aus dem Urlaub wieder da ist, will sie dringend mit mir über ihre Angst vor ihrer Kollegin sprechen. Sie sitze ihr im Büro gegenüber und reagiere nicht mal mehr auf ein „Guten Morgen“, das sei unerträglich.
Sie habe Angst, dieser Ablehnung wieder ausgesetzt zu sein. Die Kollegin scheine immer schlechte Laune zu haben, weil sie unfreundlich mit ihr spreche – nur das Nötigste. Es sei nicht zum Aushalten!

Erst einmal stehe ich auch etwas hilflos vor diesem Problem und versuche, mir etwas einfallen zu lassen, womit ich, und damit auch Lea, die Situation besser verstehen kann. Ob sie schon versucht habe, mit der Kollegin zu sprechen? Ja, sagt sie, aber die Kollegin habe gemeint, sie habe kein Problem mit mir, sie blockt also ab.

„Welche Farbe hat die Kollegin, wenn sie so unwirsch ist?“, frage ich Lea.
„Ein dunkles Grün“, sagt sie und zieht ihre Augenbrauen zusammen, „oder doch eher ein dunkles Rot“. Und dann gelingt es ihr, das Rot mit dem Atem etwas heller werden zu lassen, womit sich ihr Gesicht langsam wieder etwas entspannt. Das ist ein erster Schritt, um Lea inneren Abstand zu ermöglichen, eine Technik aus der Schmerztherapie.

Ein Rollenspiel könnte helfen, denke ich.  Ich stelle mir nun vor, dass ich diese Kollegin bin, dass ich meine Anträge bearbeiten und nicht gestört werden will. Lea erscheint mir jetzt weich und überaus gefühlvoll, sie will Kontakt und Aufmerksamkeit, und das nervt mich, ich habe viel zu tun.

Wir spielen nun eine Szene, die sich im Alltag öfter wiederholt: Lea möchte etwas von der Kollegin gezeigt bekommen, fragt nach, stößt auf deren Unwillen und auf ein genervtes Aufseufzen, das kränkt sie und macht sie hilflos.
„Kannst du mir das nochmal zeigen? Das wäre schön!“, sagt sie zu mir als Kollegin. Ja genau, so ist Lea, sie bringt ihr Gefühl in die Bitte mit rein. Wie kommt es rüber, wenn sie das „wäre schön!“ weglässt? Wir wiederholen die Situation ohne diesen Zusatz. Das kommt besser rüber. Als Kollegin kann ich einfach Ja oder Nein oder Später sagen, ich kann sachlich reagieren, ohne mich auf den Kontaktwunsch einlassen oder ihn durch Unfreundlichkeit zurückweisen zu müssen.
Lea versteht nun das Dilemma, dass sie es zwar gut gemeint hat und einen freundlichen Kontakt zur Kollegin herstellen wollte, diese aber darauf keinen Wert legt. Sie will sich nur auf ihre Arbeit konzentrieren, sodass Lea sich bei dieser Kollegin besser zurückhält, damit sie sich nicht gestört fühlt. Sie kann jetzt den Konflikt aus der Perspektive der Kollegin wahrnehmen und die Kränkung durch die Zurückweisung löst sich auf.

„Es ist wie bei meiner Mutter, der bin ich auch zu gefühlvoll, die bremst mich immer und zieht mich damit runter.“ Lea möchte sich angenommen fühlen, so wie sie ist, mit ihrer sprudelnden Fröhlichkeit und ihren mitunter heftigen emotionalen Turbulenzen. „Ich bin ganz anders als meine Mutter, die ist ein harter Knochen“, sagt sie, und ich denke, dass Lea – wie mit der Kollegin – häufig ihre Bemühungen verstärkt, in eine harmonische, lebendige Resonanz zu kommen, weil sie das braucht. Und ihr Gegenüber reagiert wiederum verstärkt zurückhaltend und sachlich. Dann hängen beide in der Polarisierung fest und der Frust wird für beide immer größer.

Dass kein guter Draht zur Kollegin da ist, wie sie sich das wünscht, kann Lea jetzt akzeptieren, auch wenn ihr das nicht leicht fällt. „Ich bin nun mal ein Sonnenschein“, sagt Lea beim Rausgehen, „aber manchen ist das eben zu viel“. Ich strahle zurück.




%d Bloggern gefällt das: