Ehefrauen heute

Was mir verheiratete Frauen, meist mit Kindern, in den Therapiestunden erzählen, hat eher selten mit grober Gewalt zu tun, aber häufig mit Unterdrückung, Einschüchterung und eigener Machtlosigkeit:
„Seit ich verheiratet bin, bin ich immer kleiner geworden.“
„Bei meinen Freundinnen ist es dasselbe, wie bei mir: entweder läuft gar kein Sex mehr oder nur ein paarmal im Jahr. Lust habe ich keine mehr, weil keine Nähe da ist.“
„Mein Mann meint, er verdiene schließlich das ganze Geld…(und deshalb könne er etwas erwarten).“
„Er hat immer die besseren Argumente und meine akzeptiert er nicht.“
„Ich gehe abends ganz früh ins Bett, sonst macht er den Fernseher aus und dann will er Sex.“
„Ich will manchmal kuscheln und einfach Zärtlichkeit, aber das funktioniert bei ihm nicht, er kommt gleich zur Sache.“
„Er meint, er tue doch alles für die Familie und ich sei trotzdem unzufrieden!“


„Er versteht nicht, dass ich manchmal genervt bin von den Kindern, der vielen Hausarbeit, dem Garten und meinem Job. Ich hätte es doch gut. Er müsste den ganzen Tag arbeiten.“
„Ich dachte, wir sind dann zusammen eine Familie und glücklich, aber jetzt habe ich das Haus, das ich wollte und einen Garten und die Kinder, aber alles ist Arbeit. Ich hätte gern mehr Leichtigkeit, aber ich habe das alles auf meinen Schultern! Wir streiten wegen Kleinigkeiten, und er zieht sich dann hinter den PC zurück.“
Was sage ich als Therapeutin dazu? Ich sehe die Überlastung von beiden Ehepartnern und spüre die Enttäuschung. Ich schaue auf den Rahmen, das Setting, die Bedingungen und sage: „Es liegt nicht an Ihnen, sondern am Konzept Kleinfamilie. In der mittleren Lebensphase hat man es als (Klein-)familie schwer, man trägt Verantwortung und bleibt selbst oft auf der Strecke. Sorgen Sie gut für sich, nehmen Sie sich Auszeiten! Für sich und mit ihrem Mann.“

Die Märchen von König Blaubart und dem Schneider zeigen es aus meiner Sicht deutlich: es braucht mehr Familie, z. B. Brüder, und Nachbarn, Freunde, Freundinnen und ein Regelwerk von außen (die „Obrigkeit“), damit Entlastung, Sicherheit und mehr Leichtigkeit möglich werden.
Jede*r ist seines Glückes Schmied? Stimmt auch – irgendwie, es sind nicht nur die Umstände. Aber was es mit der individuellen Geschichte der Personen, den Frauen und den Männer selbst zu tun hat, dass sie unglücklich sind, sich hilflos, ungenügend und gefangen fühlen, ist jeweils unterschiedlich und soll ein anderes Mal erzählt werden.

Ehefrauen, König Blaubart und der schlaue Schneider

In manchen Märchen ist nicht mit der Hochzeit Schluss, so als wäre das zwangläufig ein glückliches Ende, sondern sie ist der Anfang von Unglück. Und das besteht mitunter in Bedrohung und Erfahrung von Gewalt für die Frau vom König oder vom Schneider – statusunabhängig.

Im Grimm’schen Märchen vom König Blaubart zum Beispiel. Als sie ihn als Tochter aus einfachen Verhältnissen auf Drängen ihres Vaters heiratet, graust sie sich vor seinem blauen Bart, und das bleibt auch in der Ehe so. Es ist wie eine düstere Ahnung. In seiner Abwesenheit darf sie alle Kammern im Schloss öffnen, nur eine nicht. Die Neugier ist jedoch größer als die Drohung, dass ihr Leben dann verwirkt sei, wenn sie es täte. Sie nimmt den kleinen goldenen Schlüssel, sperrt die Kammer auf, wirft einen Blick hinein und sieht an der Wand „lauter tote Weiber hängen“. Sehr gruselig! Sie ist also nicht die erste, die mit dem Tod bestraft werden soll. Der goldene Schlüssel, mit dem sie diese Kammer geöffnet hatte, bekommt in der Kammer Blutflecken, die sich nicht entfernen lassen, König Blaubart weiß also Bescheid, als er zurückkommt, und so soll sie sterben. Am besten sofort. Blaubart wetzt das Messer, gnadenlos, aber kurz vor knapp wird die Königin von ihren drei Brüdern gerettet und der König von ihnen getötet. Was für ein Krimi. Wir atmen auf. –
Ich lese aus dem Märchen die Botschaft, dass man eine unterdrückende Partnerschaft überleben kann, sofern man Ressourcen aus der Herkunftsfamilie hat, auf die man zurückgreifen kann. Hier sind es die drei Brüder, die sie beauftragt hatte, herbeizueilen und sie zu retten, falls sie sie mal in der Not rufen würde. Sie hatte also weise vorgesorgt für den Notfall und dem Ehemann von Anfang an misstraut. Blauäugig war sie nicht gegenüber Blaubart.
Überaus perfide erscheint mir der Dreh vom König, die Neugier seiner Frau mit dem „kleinen goldenen Schlüssel“ und dem strikten Verbot zu reizen, wohlwissend, dass Verbotenes besonders verlockend ist und keine der bisherigen Frauen widerstehen konnte.  Er hat es inszeniert, dass sie sterben muss. Seine Ehefrauen sind allesamt selbst schuld, meint er vermutlich, denn sie hätten ihm ja nur gehorchen und sich seiner Herrschaft widerstandslos – isoliert auf seinem Schloss – unterwerfen müssen. Er war schließlich ein König und sie die Tochter eines einfachen Mannes.

In dem Märchen „Lieb und Leid teilen“ der Brüder Grimm erfahren wir von einem gewalttätigen Schneider, der seine Frau schlägt, und der vor die Obrigkeit kommt, weil die Nachbarn eingegriffen haben. Er muss versprechen, seine Frau nicht mehr zu schlagen, sondern „Lieb und Leid mit ihr zu teilen“. Und so greift er seine Frau zukünftig stattdessen bei den Haaren, „rauft“ und verfolgt sie und wirft scharfe Gegenstände nach ihr. Wieder kommt er vor die Obrigkeit und redet sich raus: Er habe die Auflage erfüllt, sie nicht geschlagen, und Lieb und Leid mit ihr geteilt, denn es sei ihr lieb und ihm leid gewesen, wenn er sie beim Werfen nicht getroffen habe, und umgekehrt.
Dieses Märchen erzählt von der plumpen Schläue eines einfachen Mannes, der seine Gewalt gegen die Ehefrau mit Ausreden rechtfertigt. Seine Strafe bekommt er trotzdem, die Obrigkeit lässt sich nicht täuschen.
Wie tröstlich, dass es für das Opfer von Gewalt Nachbarn und eine Instanz gibt, die einschreitet! Zum Glück gibt es in diesem Fall Nachbarn, vielleicht auch Freunde oder Freundinnen, die die Gewalt mitbekommen und sich nicht scheuen zu handeln.

Was bei Entscheidungen hilft: Zwei Stühle!

Du willst oder musst eine Entscheidung treffen?
Setz‘ ich auf einen Stuhl und stell‘ dir die eine Option deiner Frage, was du tun sollst, vor. Wie fühlt es sich an?

Dann setz‘ dich auf den zweiten Stuhl und fühle dich in die andre Option ein. Und zwar so, als hättest du dich bereits dafür entschieden. Was für Gedanken kommen dir in den Kopf, was nimmst du in deinem Körper wahr?

Dabei wird auf der Gefühlsebene klar, was du möchtest und was nicht, welche Gefühle mit deiner Entscheidung verbunden sind und was dich hemmt. Oder du merkst einfach, was sich für dich besser anfühlt, A oder B.

Das Bauchgefühl, das mehr weiß, als dein Kopf und viel mehr Nervenzellen enthält, wird auf diese Weise, dem Trennen der beiden Möglichkeiten, deutlich und hilft dir bei deiner Entscheidung.

Vor vielen Jahren hatte ich mich zu einem Seminar angemeldet, bei dem es um Brustkrebs ging. Aber ich kam morgens nicht aus der Tür. Mir fiel immer noch etwas ein, was ich dringend tun musste, bevor ich aufbrach, um mit der S-Bahn in die Stadt zu fahren. Bis es „letzte Eisenbahn“ war, aber ich fühlte mich maximal unwohl dabei, das Haus zu verlassen.

Mir fiel die Übung mit den zwei Stühlen ein, denn ich konnte überhaupt nicht einordnen, was in mir vorging. Ich setze mich auf einen Stuhl und stellte mir vor, ich würde zu Hause bleiben. Wohlgefühl stellte sich ein und ein schlechtes Gewissen, fernzubleiben, auch weil ich es schon bezahlt hatte.
Auf dem zweiten Stuhl fühlte ich Angst, ich atmete flach und in meinen Gedanken tauchte die Vorstellung auf, dass ich selbst Brustkrebs bekommen könnte. Das war es also! Darauf wäre ich über Nachdenken nie gekommen.

Es ist nicht schwer zu raten, ob ich es in Kauf nahm, zu spät zum Seminar zu kommen und doch noch aufbrach. Nein, ich wollte diese Angstvorstellung nicht aushalten müssen. Viel später habe ich an einem solchen Seminar teilgenommen, ohne Angst und ohne Erklärung, warum es zu diesem Zeitpunkt keine Angst auslöste. Das war ja eigentlich auch egal.

Aus dem Kartenset „Hilf dir selbst“ von Pichlkastner

Nico und die Angst

Wir haben in der Therapie schon einige Male über Nicos Angst vor anderen Menschen gesprochen, aber bewältigt hat er sie noch nicht. Genauer gesagt: In manchen Situationen hat sie nachgelassen, er geht jetzt mittags mit Kollegen in die Kantine, aber in einer aktuellen Situation wurde sie wieder ausgelöst. Ich glaube, wir waren beide etwas frustriert davon, dass wir mit seiner sozialen Angst nicht recht vorwärts kamen.
Erst in der heutigen Stunde habe ich wirklich verstanden, warum die Angst für ihn so schlimm war und dass ein Dilemma dahintersteckte, ein Sackgassenproblem, ein nicht wollen können. Klingt verzwickt, war es auch.

Nico hatte mir erzählt, dass in die Wohnung gegenüber ein neuer Nachbar eingezogen sei, ein Mann in seinem Alter, Mitte 30, er sei sympathisch und um Kontakt bemüht. Das genüge schon, damit er ängstlich reagiere. Wenn sie sich im Haus flüchtig begegneten, fielen im Vorübergehen meist ein paar nette Worte.
Von Nico weiß ich, dass er zurückgezogen lebt, seine Freundin nur am Wochenende sieht und es genießt, am Abend allein und ungestört zu sein.  
Klaus, der neue Nachbar, habe neulich bei ihm geklingelt und gefragt, ob sie ein Bier zusammen trinken wollen, und ob Nico Fußball schaue? Das habe ihn kalt erwischt, und aus lauter Verlegenheit habe er genickt. Aber heute passe es ihm nicht, habe er gerade noch rausgebracht. Er habe die Tür schnell wieder zugemacht, das habe bestimmt unhöflich gewirkt und sei peinlich gewesen!

Seitdem habe er Angst, dass Klaus wieder klingeln könnte. Er wisse nicht, wie er in so einer Situation Nein sagen könne. Er denke immer wieder darüber nach, und dann gehe es ihm schlecht.
Er will Klaus nicht das Gefühl geben, dass er ihn ablehne, eine Zurückweisung könnte ihn verletzen. Und eigentlich wolle er den netten Kontakt nicht verlieren. Er wolle sich nicht wie ein komischer Kauz fühlen. Der andere solle nicht denken, was ist denn das für einer.
Aber wenn er einmal Ja sage und sich jemand mit ihm anfreunden wollte, habe er das nicht mehr unter Kontrolle, es könnte ausufern. Klaus könnte immer mehr Kontakt wollen. Dann werde es immer schwieriger, Nein zu sagen. Ganz schön verzwickt, denke ich, und blicke nicht mehr so recht durch.

Nachdem mir deutlich wurde, dass meine Vorschläge, Klaus auf seine Frage, den Abend zusammen zu verbringen, etwas zu entgegnen wie „das ist nicht so meins“ oder „nichts für ungut, aber ich habe abends immer noch zu tun“ oder etwas Ähnliches nichts an der Panik von Nico änderten, versuchte ich mich nochmal neu und tiefer in Nicos Dilemma reinzudenken. Was löste denn nun die quälende Angst und die Hilflosigkeitsgefühle aus, in denen Nico feststeckte?
Mir fiel eine Situation ein, die mir half, die Intensität und den Hintergrund der leidvollen inneren Blockade von Nico besser zu verstehen: Ich erinnerte mich an ein ähnliches Ja-Nein-Erlebnis auf einer Reise, wo ich den Konflikt zwischen dem Wunsch nach Kontakt zu einem Mann und die Angst davor nicht auflösen konnte. Es fühlte sich an wie innerlich gefangen. Es war wohl genau dieses „zwischen Baum und Borke“ sein, das Nico zu schaffen machte. Ja oder Nein? Jein, haben Fanta 4 mal gesungen.
Ich versuchte also,  meine widersprüchlichen Gefühle von damals in Worte zu fassen, insbesondere den angstvoll abgewehrten Wunsch nach Kontakt.


Nico kamen die Tränen, seine Traurigkeit schien schmerzhaft tief zu gehen.
Er verstand jetzt, dass er sich gefangen fühlte zwischen dem unterdrückten Wunsch nach Kontakt und der Angst davor, dass es ihm zu viel wurde. Er war seit seiner Kindheit gewohnt, allein zu sein. Den Wunsch nach Zuwendung, Kontakt und Freundschaft konnte er nicht mehr zulassen, aber er war da.
Lebhafte Erinnerungen tauchten nun auf, wie er damals, vor allem in der Schule, nach peinlichen Erlebnissen immer mehr zum Außenseiter geworden war und schließlich die meiste Zeit in seinem Zimmer verbracht hatte, wo er sich sicher fühlte. Seine Eltern seien erst abends nach Hause gekommen, ihnen sei es nicht aufgefallen, und sie wollten ihre Ruhe haben. Er habe sich immer mehr zurückgezogen und dafür gesorgt, dass ihm niemand mehr zu nahe kam. Und eine Zurückweisung in Kauf zu nehmen, kam sowieso nicht infrage.

Bisher hatte mir Nico sein Problem mit der Annäherung von anderen so geschildert, als müssten wir, am besten ich, eine Art von Zauberspruch finden, mit dem er Menschen wie Klaus von sich fernhalten könne, ohne dass es zu ablehnend wirkte. Das nicht hinzubekommen, löste Anspannung und Grübeln bei Nico aus. Es erschien ihm ausweglos, und ich hatte mich so hilflos gefühlt wie er.
Jetzt aber, als der Wunsch nach Kontakt fühlbar wurde, löste sich innerlich ein Knoten. Ich konnte ihm ansehen, wie schmerzhaft es für ihn war zu spüren, wie sehr er Kontakt und Zuwendung vermisst und ersehnt hatte.  Der Wunsch und die Angst waren eigentlich gleich stark gewesen, wie zwei Kräfte, die gegeneinander wirkten und ihn innerlich in der Zange gehabt hatten. Zu groß war die Angst gewesen, wieder verletzt oder beschämt zu werden. Zu viele schlechte Erfahrungen – vor allem aus der Schulzeit – hatten zum Rückzug ins Alleinsein geführt.

Plakatausschnitt von Blade Runner 2045

Der Schmerz, den er jetzt spürte, und mit dem er in diesem Moment nicht allein war, war schwer für ihn auszuhalten, aber es tat auch gut, dass er da sein durfte.
Nico wirkte nach einer Weile erschöpft und erleichtert. Und ich dachte daran, was ich mal von einem Regisseur in einem Interview gelesen hatte: Der Schmerzpunkt muss auf die Bühne, sonst taugt das ganze Stück nichts. Ich freute mich, dass Nicos Herz für den Wunsch nach Kontakt nun offener war.
Wie es weitergehen würde mit ihm und Klaus, war noch unklar und würde uns noch beschäftigen. Leicht würde es nicht werden, aber leichter als bisher.

Das Märchen vom Teufel mit den drei goldenen Haaren

Über ein Glückskind und den Zauber der Unerschrockenheit

1 Ein Glückskind wird an den König verkauft und entrinnt dem Tod

Es fängt gut an für das Glückskind, es hat noch ein Stück Eihaut am Kopf nach der Geburt, und das gilt als Zeichen, und außerdem wird geweissagt, dass er mit 14 Jahren die Tochter des Königs heiraten werde. Da jeder im Dorf und im Land an dieses Narrativ glaubt, gilt und wirkt es.
Aber wo Licht ist, ist auch Schatten, und wo ein Glückskind ist, da gibt es auch einen neidischen Gegenspieler, den König: ein einfacher Dorfjunge soll seine Tochter nicht bekommen, er muss diesen Jungen aus der Welt schaffen! Die Eltern verkaufen das Glückskind in der Vorstellung, dass er am Königshof eine gute Erziehung genießen werde. Der König aber entledigt sich des Kindes, indem er es in einer Schachtel in ein tiefes Wasser wirft. Aber was ein Glückskind ist, dem kann etwas Schlimmes passieren, aber es geht gut aus, und er wird gerettet. Er wird an einer Mühle aus dem Wasser gefischt und von den liebevollen Müllersleuten großgezogen. Bis er 14 Jahre alt ist.

Das Narrativ vom Glückskind hat sich bestätigt, und auch er selbst lernt, sich auf sein günstiges Schicksal und auf sich selbst zu verlassen, wir nennen das heute „gesunden Narzissmus“.
Aber wir als Leser*innen glauben nicht daran, dass es ein lebenslanges unverdientes Glück geben kann. Das Schicksal kann nicht nur wohlgesonnen sein. Wie soll der Junge denn in diesem Leben etwas lernen und erfahren, welche Schlüsse soll er später mal aus seinem Unglück ziehen? Wie bei jeder Ideologie, die immer einseitig ist, und wie bei jedem Glücksversprechen wird etwas verschwiegen. Der König als Gegenspieler ist real, er ist intrigant, machtbesessen und gierig, das kann nicht gutgehen.

2 Das Glückskind wird vom König reingelegt und kommt dennoch ans Ziel

Wie es der Zufall will, erfährt der König, als er auf Reisen an der Mühle Halt macht, dass das Glückskind überlebt hat. Er schickt ihn mit einem Brief zur Königin, das Glückskind macht sich auf den Weg, verirrt sich und übernachtet – unerschrocken – bei den Räubern im tiefen Wald. Diese haben Mitleid mit dem arglosen Jungen und ersetzen heimlich den Brief mit der Anweisung, das Glückskind bei Ankunft am Hof zu töten, durch einen Brief, dass er die Prinzessin heiraten solle. Und so geschieht es dann auch, weil es kommen muss.

Und wieder gerät ihm die Gefahr zum Glück, dem Unerschrockenen und Arglosen. Er lässt das Schicksal walten, und es führt und beschützt ihn, es wirkt und wird real. Das Gute bleibt unsichtbar, der Teufel ist real und das Glückskind wird ihm noch begegnen. Das Gute infrage zu stellen, sind wir gewohnt, wir vertrauen seiner Wirkkraft nicht, aber wer traut sich zu sagen, es gäbe keinen Teufel?

3 Das Glückskind wird vom König zum Teufel geschickt und macht sich auf den Weg

Als aber nach ein paar Jahren der König heimkommt und die Weissagung erfüllt findet, wird er böse und meint, so leicht soll das Glückskind seine Tochter nicht bekommen. Er soll ihm die drei goldenen Haare des Teufels bringen. Was für eine groteske Idee, auch Herrschsucht ist kreativ. Auf diese Weise will der König ihn zum dritten Mal loswerden. Wir haben es geahnt: Glück und Wohlstand müssen verdient sein, schwere Prüfungen werden ihn erwarten.
Auf seinem Weg zum Teufel kommt das Glückskind in zwei Städte, in der ersten ist der Marktbrunnen ausgetrocknet, in der zweiten wachsen keine goldenen Äpfel mehr am Baum der Stadt, und niemand weiß warum. Das Glückskind sagt den beiden Wächtern der Städte, er wisse alles, und verspricht, ihnen den Grund zu sagen, wenn er zurückkäme. Auch der Fährmann, der ihn zum Eingang der Hölle übersetzt und klagt, dass er nie abgelöst werde, bekommt das Versprechen, es auf der Rückfahrt zu erfahren. Das Glückskind vertraut darauf, dass er jede notwendige Erkenntnis, jede wichtige Lösung herausbekommen kann. Und dann steht das Glückskind vor dem Tor zur Hölle. Wir sind gespannt.  

Erstaunlich, diese Selbstüberzeugung, „ich weiß alles“, das sogenannte „narzisstische Größenselbst“ führt hier die innere Regie. Das Glückskind muss nicht, wie zu erwarten wäre, eigene Probleme auf seinem Weg des Erwachsenwerdens (er dürfte 17 oder 18 Jahre alt sein) lösen, sondern die von anderen Menschen. Er selbst wird von seiner Zuversicht getragen.

4 Das Glückskind geht mutig in die Hölle und bekommt Hilfe

Das Glückskind findet zunächst die Großmutter des Teufels vor, diese hat Mitleid mit ihm und will ihm helfen, die drei goldenen Haare zu bekommen und die Antworten auf die drei Fragen. Der Teufel werde ihn fressen, wenn er ihn fände, sagt sie und verwandelt ihn in eine Ameise, die versteckt sie in einer Rockfalte. Für uns Leser*innen ist die Vorstellung furchteinflößend, dass der Teufel am Abend heimkommt und gierig brüllend wiederholt, er rieche Menschenfleisch! Wie lässt sich diese Bestie beruhigen? Durch ein gutes Essen, das ihm die Großmutter vorsetzt und ein gemütliches, mütterliches Lausen seiner Haare.

Aus dem Film „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“, Kika, siehe YouTube

Das Glückskind muss dem Symbol des Bösen, dem Teufel, etwas Gutes, einen Rest Göttliches, seine drei goldenen Haare abgewinnen. Er muss dem ursprünglich Bösen unerschrocken begegnen, um das weltlich Böse, die Herrschaft des Königs, zu besiegen. Und gerade in der Begegnung mit dem Bösen, beschützt durch die Großmutter, dem mütterlichen Element, kommt das Glückskind zu tiefem, rettendem Wissen, das er den Wächtern in den zwei Städten und dem armen Fährmann weitergibt. Das Glückskind strebt nicht nach Macht, er will Erkenntnis erlangen, helfen und befreien. Der Teufel als Personifizierung unserer Schattenseiten ist in diesem Märchen nur  allzu menschlich, abhängig von Versorgung und Zuwendung,  seinen Schwächen ausgeliefert, sodass man, nein frau, ihn austricksen und überwinden kann. Hinter der bedrohlich zur Schau getragenen Stärke zeigt sich ein kindlich bedürftiger, ungefährlicher armer Teufel. Und damit erinnert er an den krankhaften Narzissten, der viel Unheil anrichtet, damit man nichts von seiner Bedürftigkeit ahnt.

5 Der Teufel wird überlistet

Als der Teufel eingeschlafen ist, reißt die Großmutter ihm ein goldenes Haar aus, der Teufel schreckt auf und will wissen, was ihr einfiele! Sie gibt vor, sie habe einen Traum gehabt und ihm wohl aus Versehen in die Haare gefasst, ein Marktbrunnen sei versiegt, woran das wohl liege? Der Teufel weiß die Antwort: eine Kröte sitze unten im Brunnen, die müsse man töten.
Nachdem der Teufel erneut eingeschlafen ist, reißt die Großmutter ihm ein weiteres goldenes Haar aus, und der Teufel schreit zornig auf. Sie habe es im Traum getan, redet sie sich raus, sie habe von einem Apfelbaum geträumt, der keine goldenen Äpfel mehr trage, was da wohl die Ursache sei? Auch das weiß der Teufel, es läge an einer Maus, die an der Wurzel des Baumes nage, die müsse man töten. Wenn sie ihn noch einmal im Schlaf störe, bekäme sie eine Ohrfeige (was für eine Drohung für einen Teufel!). Das hält die Großmutter nicht davon ab, auch das dritte Haar auszureißen. Sie kann ihn wiederum besänftigen und erzählt ihm von dem Fährmann. Das sei einfach, meint der Teufel, der Fährmann müsse nur dem nächsten, den er übersetze, die Fährstange in die Hand geben, dann sei er frei.

Die Kröte in der Tiefe des Brunnens der Stadt steht symbolisch für Habgier und Unkenrufe, die den Lebensquell versiegen lassen. Die Maus, die an der Wurzel des Baumes der anderen Stadt nagt, steht für Kleinmut, sammeln und horten und für nagende Zweifel, die den Baum zerstören, der goldene Äpfel hervorbringen konnte, was an die Geschichte vom Paradies erinnert. Und der Fährmann erfüllt aus Gewohnheit seine Pflicht, von der er nun nicht mehr loskommt, er weiß nicht mehr, wie er seine Situation ändern kann. Er ist in der Routine gefangen. Die Kröte, die Maus und den Fährmann finden wir mühelos in uns selbst.

6 Das Glückskind kehrt heim und bestraft den König

Am nächsten Tag verwandelt die Großmutter das Glückskind in seine menschliche Gestalt zurück. Er zieht glücklich heimwärts, verrät dem Fährmann und den Wächtern in den zwei Städten die Ursache des Übels. Sie töten die Kröte und die Maus, und zum Dank bekommt er je zwei mit Gold beladene Esel. So kommt er zum Königshof zurück und ist mit seiner Frau glücklich wiedervereint.
Der König aber will wissen, woher er das Gold habe, wo er das denn fände. Das Glückskind verweist ihn auf das Ufer, wo der Fährmann ihn übergesetzt hat, dort liege es herum wie Sand. Sogleich macht sich der König auf den Weg. Als der Fährmann ihn übergesetzt hat, gibt er dem König die Fährstange in die Hand, und von nun an muss der König Fährmann sein, für immer. Er bringt Menschen, die sind wie er, über das Wasser zum Tor zur Hölle. Futter für den Teufel. Niemand sei von dort zurückgekehrt, heißt es. Und niemand sagt ihm, dass es einfach ist, sich zu befreien: man muss das Ruder abgeben.

Das Glückskind hat von Anfang an seine eigene Wirklichkeit, seine Überzeugung, seine Fiktion vom Glück gelebt, während der König, die Wächter und die Leute in der Stadt und der Fährmann ihre Funktion leben, von der sie nicht lassen können. Bis auf den herrschsüchtigen König werden sie befreit durch die Wahrheit des Glückskindes, der versteht zu leben.

Aschenputtel: Selbstvertrauen und Intuition

Die meisten von uns kennen eine Aschenputtel-Situation, begleitet von Hilflosigkeitsgefühlen.
Wie kommt nun Aschenputtel aus ihrer misslichen Lage raus?
Sie muss von morgens bis abends in der Küche arbeiten und nachts in der Asche neben dem Herd schlafen, sie muss Hohn und Spott ihrer zwei Stiefschwestern ertragen, der Stiefmutter ist das recht, der Vater hält sich raus und kümmert sich um seine Geschäfte. Sie ist alleingelassen, wird ausgenutzt und gedemütigt. Wir fühlen mit ihr. Wäre es nicht normal, dass sie auf Rache sinnt? Aber so gewinnt man nicht die Oberhand, was Aschenputtel schließlich gelingt. Sie lässt sich nicht unterkriegen, und das gefällt uns – Aschenputtel, Cinderella, ist das beliebteste Märchen.

Aschenputtel hat ein inneres, unabhängiges Selbstwertgefühl und Urvertrauen, beides ist durch ihre verstorbene Mutter in ihr angelegt. Ein guter Mensch zu sein, was die sterbende Mutter ihr ans Herz legt, und über den Tod hinaus geliebt und beschützt zu sein sind Überzeugungen, die Aschenputtel die Abwertungen, die wir heute Mobbing nennen würden, ertragen lässt. Deshalb ist es ihr auch möglich, heimlich auf den Ball des Königs zu gehen, nicht aufzugeben, und sich zuzutrauen, den Prinzen für sich zu gewinnen, ohne sich vor Scham über ihre armselige Situation selbst in die Ecke zu stellen. Was für eine Stärke, die sie in ihrer Lage entwickelt! Nicht nur die Tauben und die prächtigen Kleider und Schuhe, sondern vor allem ihre innere Überzeugung, dass sie es wert ist, geliebt und gesehen zu werden, ermöglichen ihr den Schritt heraus aus der Asche, aus der Zeit der Pubertät, dem Widerspruch zwischen innerem Potential und äußeren Möglichkeiten. Sie vertraut sich selbst und ihrer Intuition, sie fühlt, dass sie auf den Ball gehört und nicht in die Asche.

Es geht nichts Böses von Aschenputtel aus. Sie wehrt sich nicht, sondern sucht einen Ausweg, sie will auf dem Ball tanzen, sie ergreift die Initiative und nimmt teil am Konkurrenzkampf um den Posten der zukünftigen Königin. Etwas in ihr weiß, dass sie eine Chance hat, sie geht unbeirrbar ihren Weg. Und hat Erfolg, weil sie von Innen strahlt und nicht voller Eitelkeit auf Äußerliches fokussiert ist wie ihre Stiefschwestern.

Es ist ein Fest auch für uns Leser*innen, wenn Aschenputtel sich aus ihrer verachteten Position befreit, auf dem Ball tanzt und den Prinzen für sich gewinnt. Gib‘ niemals deine Träume auf, scheint uns das Märchen aufzufordern, auch du kannst scheinen und glänzen, hab‘ Vertrauen! Wir kennen das wunderbare Gefühl, zunächst im Abseits zu stehen und dann die Chance zu bekommen, gesehen zu werden. Und während die Stiefmutter auf Aschenputtels Bitte hin, auch auf den Ball gehen zu dürfen, ihr dreimal eine unmögliche Aufgabe (Sortieren der Hülsenfrüchte aus der Asche) stellt, sind es ihre  Seelenhelfer, die Tauben und die innere Mutter, die ihr dies ermöglichen, nicht Anstrengung und Leistung. Die Hülsenfrüchte sortieren sich wie von selbst und die verstorbene Mutter, deren Seele im Haselbaum lebt, liefert was nötig ist, um dahin zu kommen, wo Liebe und Befreiung auf sie warten.

Warum nur läuft sie dem Prinzen nach dem Ball dreimal davon? Sie entkommt jedes Mal, springt beim ersten Mal ins Taubenhaus, hinten wieder heraus und eilt in die Küche an ihren Platz. So vermeidet sie den Neid der Stiefschwestern. Und der Prinz, der ihr gefolgt ist, lässt das Taubenhaus umholzen, aber finden kann er sie so nicht, das wäre zu einfach, er muss mehr, bzw. etwas anderes investieren, um seine Seelenverwandte wiederzufinden. Dass er ein Prinz ist, reicht nicht aus.
Er lässt sich also etwas einfallen und die Treppe mit Pech bestreichen, Aschenputtels Schuh bleibt daran kleben, aber was jetzt? Er muss im ganzen Land nach ihr suchen – mithilfe des Schuhs, der nur der Richtigen, der einen passt.
War Aschenputtel zuvor unsicher, ob der Prinz sie wirklich liebt? Oder wollte sie, dass er von ihr nicht nur den glanzvollen Auftritt sieht, sondern auch ihre Schattenseite, ihr Leben in der Asche, Symbol der Trauer und Vergänglichkeit?


Er muss sich bemühen, sie zu finden, über die Lumpen und ihre Schmach hinwegsehen und sich damit als würdig erweisen. Nur im Glanz seines Schlosses mit ihr zu tanzen hätte nicht genügt, er muss in die grauen Bereiche vordringen, wo seine Geliebte arm und schwach ist, und dennoch dieselbe ist, die ihn beeindruckt hat. Was wäre das auch für eine Liebe, die nur im Positiven verweilt? Die nur den Lifestyle kennt, der sich sehen lassen kann? Die Performances der Stiefschwestern waren gut, aber letztlich selbstzerstörerisch, sie verstümmeln ihre Füße, angestachelt von der statusbewussten Mutter, damit der Schuh passt.

Das Märchen von Aschenputtel lässt uns heilsam glauben, dass es sich lohnt, ein guter Mensch zu sein und dass die, die sich überlegen fühlen und andere unterdrücken, nicht ans Ziel kommen. Den Stiefschwestern hacken die Tauben am Ende die Augen aus, dadurch müssen sie zukünftig nach Innen schauen.
Lasst euch nicht entmutigen, scheint uns das Märchen zu sagen, wenn wir uns mal wieder –  vor allem als Frauen – nicht gesehen, ausgegrenzt und missachtet fühlen, habt Vertrauen in euch selbst.

Das Märchen von Rumpelstilzchen und die Muster narzisstischer Beziehungen

Ist Rumpelstilzchen ein Kobold, ein Zwerg oder ein kleiner Teufel? Auf jeden Fall ist er ein magisches, übernatürliches Wesen, das Hilfe anbietet, Abhängigkeit ausnutzt und eine Forderung stellt, die der Frau im Märchen, der Müllerstochter, zwar nicht das Leben kostet, aber deren Lebendigkeit: ihr Kind.
Die Müllerstocher muss dreimal Stroh zu Gold spinnen, beim ersten und zweiten Mal ist sie in größter Not, weil der König ihr den Tod androht, wenn sie es nicht schafft, beim dritten Mal stellt er ihr die Heirat in Aussicht, wenn sie es schafft. Und gerade da, wo sie eine Wahl hätte, verspricht sie Rumpelstilzchen, der sie schon zweimal gerettet und das Stroh zu Gold gesponnen hat, ihr erstes Kind.

In diesem Märchen sind lauter Narzissten am Werk, prahlerisch, egozentrisch, machtmissbrauchend, fordernd und vereinnahmend ohne Rücksicht, so etwas kann auch tödlich enden. Die Müllerstochter, die einzige Frau im Märchen, kommt gut aus der Sache raus, weil sie nicht aufgibt, eine Chance aushandelt und Ressourcen einsetzt (einen Boten losschickt). Weil es ihr gelingt, den Unheiligen in der Retterpose, den Zwerg, beim Namen zu nennen.
Keiner in dem Märchen hat einen Namen, dadurch wirken die Figuren verallgemeinert. Erst zum guten Ende, als der böse Zwerg benannt werden kann – Gefahr benannt, Gefahr gebannt – wird die Frau im Märchen, die schöne Müllerstochter, ihn los – und er zerstört sich selbst.

Es beginnt mit einer Prahlerei: Ihr Vater gibt mit ihr beim König maßlos an und behauptet, seine Tochter könne Stroh zu Gold spinnen. Er missbraucht sie für sein Prestigebedürfnis.
Der König ist gierig nach Gold, missbraucht sein Amt und seine Macht, sperrt die Müllerstochter ein, verwendet sie so, um seinen Reichtum zu vergrößern. Und bedroht sie – einmal reicht ihm die Kammer voll Gold nicht –  zweimal mit dem Tod, um noch reicher zu werden. Sein Motiv, sie beim dritten Mal heiraten zu wollen, ist das Gold: Eine reichere Gemahlin werde er nicht finden, heißt es. Um Liebe geht es in diesem Märchen nicht.

Rumpelstilzchen hilft der Müllerstochter jedes Mal, erst fordert er als Gegenleistung dafür, eine Nacht lang Stroh zu Gold zu spinnen ihr Halsband, dann ihren Ring, nichts Wertvolles, denn sie ist arm. Wir LeserInnen fühlen mit der Figur der Müllerstochter. Nicht auszudenken, wenn sie unschuldig sterben müsste wegen der Prahlerei Ihres Vaters! Sie ist gefangen in einer Kammer und soll eine unmögliche Aufgabe lösen. Missbraucht und ausgeliefert durch zwei Vaterfiguren.

Rumpelstilzchen, der Retter, zunächst der Gute, nutzt schließlich das Begehren der Müllerstochter aus, Königin zu werden und fordert beim dritten Mal ihr erstes Kind..
Nach der Heirat und Geburt des Kindes hat die Müllerstochter das Rumpelstilzchen vergessen. Als es kommt, will sie das Kind nicht hergeben, bietet ihm große Reichtümer an, aber es muss „etwas Lebendes“ sein, Reichtümer will Rumpelstilzchen nicht.
Sie weint und jammert, bis es Mitleid mit ihr hat und ihr noch eine Chance gibt: sie soll innerhalb von drei Tagen seinen Namen erraten (was es für unmöglich hält).
Sie schickt eine Boten los, der sich über ungewöhnliche Namen im ganzen Land erkundigen soll.

Diesem gelingt es schließlich, Rumpelstilzchen bei einem Tanz um ein Feuer vor seiner Hütte zu belauschen, bei dem es seinen Namen nennt – „Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß“.
Als am dritten Tag die Müllerstochter seinen Namen nennt, fährt Rumpelstilzchen vor Wut mit dem rechten Bein in die Erde und reißt sich mit dem linken entzwei. Die Gefahr ist gebannt, und wir atmen auf.

Ein königliches Kind kann keinem Zwerg gehören, das passt nicht. Mithilfe der magischen Kraft des Zwerges konnte die Müllerstochter Status und Reichtum erlangen, aber ein Zwerg bleibt ein Zwerg. Und wir LeserInnen sind erleichtert, dass alles wieder seine Ordnung hat, so wie es gehört. Oder gibt es jemanden, der Mitgefühl mit Rumpelstilzchen hat, das doch an seinem Unglück und Tod selbst schuld ist? Wer zu viel verlangt, bekommt am Ende nichts, und es geschieht ihm recht.

Was wir heute über Narzissten in Beziehungen lesen, hat man früher aus Erfahrung in Märchen weitergegeben. Rumpelstilzchen ist eine Figur, die an das „Innere Kind“ des Narzissten erinnert, begabt und fähig, aber allein und maßlos. Und es darf auf keinen Fall vor der Welt erkannt und benannt werden. Nur er selbst, die Person, darf wissen, dass er ein „Zwerg“ ist und sich nach etwas Lebendigem sehnt.
Im Märchen finden sich weitere narzisstische Muster:
Der übertriebene Wunsch nach Anerkennung und Bestätigung (der Vater), das rücksichtslose Handeln und der Drang nach Macht bis zur Freiheitsberaubung (der König), das anfänglich fürsorgliche, scheinbar selbstlose Rettungsangebot (Rumpelstilzchen), das entwenden wollen der Lebendigkeit und Herzensgefühle der Frau, symbolisch ihres Kindes. Sie als Frau ist nur dafür da, ihnen, dem Vater, dem König und dem Zwerg, das zu geben, was diese brauchen und unter Bedrohung einfordern.


Und die Lösung, damals wie heute, ist die Erkenntnis und das benennen können: er ist nur ein Rumpelstilzchen! Er kann viel, strebt nach Größe und Macht, will und kann aber nicht allein sein! Das war’s dann mit ihm, er verliert seine Macht. Wie gut, dass die Frau im Märchen, zur Königin geworden, letztlich unabhängig handeln kann. Für viele Frauen in einer solchen Beziehung ist das meist ein schmerzvoller Weg, sich und die eigene Lebendigkeit zu befreien, sich selbst zu retten und die innere Herzensliebe zu behalten.

Entweder-Oder

Karin ist 36 Jahre alt und kommt erneut in die therapeutische Sprechstunde,
um einen Konflikt zu besprechen, der ihr schlaflose Nächte bereitet.

„Will ich oder will ich nicht?“ fragt sie sich.
Jens und sie haben sich kürzlich in der Techno-Szene kennengelernt. Es sei so wunderbar mit ihm, so harmonisch, leicht und schön! Aber eigentlich wünsche sie sich eine feste Beziehung, und er wolle sich nicht binden. Ihre Zerrissenheit kann ich gut verstehen.

Ich schlage ihr vor, sich auf dem einen Stuhl vorzustellen, sie habe sich getrennt. Aber Karin korrigiert: sie will keine Trennung, sondern eine Freundschaft „ohne Plus“. Noch bevor sie ihren Platz gewechselt hat, beginnt sie zu weinen.
„Das ist so schlimm,“ sagt sie, „das geht nicht… ich kann nicht Nein sagen.“ Und nach einer Weile:
„Hm, Sex ist mit ihm eigentlich eher sportlich.“ Karin merkt plötzlich, dass ihr dabei ein tieferer Kontakt zu ihm fehlt.

Auf dem zweiten Stuhl stellt sie sich vor, dass sie den Tag mit ihm genießt und alles so nimmt, wie es kommt.
Jetzt spürt sie, dass sie sich dabei übergeht und „sich anlügt“, wenn sie weiter mit ihm ins Bett geht. Und gleich drauf kommt die Frage: Wie sagt sie ihm, dass sie keinen Sex mehr möchte?
„Wie Sie es empfinden, dass sie sich anlügen würden“, schlage ich vor. Karin nickt.
Nach einer Pause fügt sie hinzu: „Wenn er ein Freund ist, wird er es verstehen“. Das fühlt sich gut an, Karin wirkt erleichtert und verlässt heiter die Praxis.

Aber wie so oft, ist das noch nicht der Weisheit letzter Schluss, und im emotionalen Speicher der Erfahrungen wartet noch etwas darauf, ins Bewusstsein zu kommen und gefühlt zu werden.
Eine Woche später berichtet sie, dass es wieder so traumhaft schön mit ihm gewesen sei. Aber jetzt fühle sie den Schmerz, dass sie ihn länger nicht sehen wird, er bereite sich auf eine Abschlussprüfung vor und habe wenig Zeit. Erst nach einem Monat würden sie sich wiedersehen.
Noch schlimmer sei es aber, dass sie eingesehen habe, dass ihre Beziehung so bleiben würde, wie sie ist. Das tue ihr sehr weh. Er wolle seine Ungebundenheit behalten und habe noch Kontakte zu anderen Frauen – und auch das werde sich nicht ändern. Sie wünsche sich aber Geborgenheit und vielleicht noch ein Kind.
Aber wo sie überhaupt den Mann finden könne, der zu ihr passt und der bei ihr bleibt?

Diesmal schlage ich Karin vor, sich den schlimmsten Moment dieser enttäuschenden Situation vorzustellen und zuzulassen.
„Wenn er weg ist, das ist das Schlimmste, dann ist alles grau und tot“, sagt Karin und beginnt zu schluchzen, während ich versuche, sie mit mitfühlenden Lauten zu begleiten.
Als sie bei diesem Moment bleibt, fühlt sie in der Brustmitte zwar den Schmerz, aber ihr wird auch bewusst, dass alles andere noch da ist, die Blumen in ihrem Garten, ihre Freundinnen, ihre Familie, einfach alles, was zu ihrem Leben gehört und ihr Freude und Verbundenheit vermittelt. Auch wenn der Schmerz noch da sei. Aushaltbar.

 „Wie schön“, sage ich, nachdem Karin zwischen dem Schmerz und dem Schönen innerlich eine Weile hin- und hergependelt ist, „dass Sie diese Liebe und Lebendigkeit spüren können!“ Ich freue mich mit ihr. Und bin gespannt auf die nächste Stunde.

Das Märchen von der Kleinen Meerjungfrau

Eine Freundin erzählte mir neulich, sie habe einen Mann kennengelernt, mit dem sie ganz wunderbar übereinstimme, das Zusammensein mit ihm fühle sich leicht und sinnlich an, aber sie leide darunter, dass er sich nicht binden wolle.

Ihre Schilderung erinnert mich an das Märchen von der Kleinen Meerjungfrau von H. C. Andersen, dem eine persönliche Tragik des Autors zu Grunde liegt. Der Mann, den er liebte, heiratete eine Frau, und er konnte (besonders als Adliger) nicht über seine Gefühle sprechen, er musste stumm bleiben, wie die Meerjungfrau in dem Märchen, das er nach diesem Verlust schrieb. Er erzählt darin ausführlich von einer wunderschönen, sinnlichen, mit Farben und Leichtigkeit durchfluteten Unterwasserwelt und der unstillbaren Sehnsucht der kleinen Meerjungfrau nach Menschwerdung, Unsterblichkeit und Liebe.

„Warum bekamen wir keine unsterbliche Seele?“ fragt die kleine Seejungfer ihre Großmutter betrübt, „ich wollte alle meine hundert Jahre, die ich zu leben habe, dafür hingeben, einen Tag ein Mensch zu sein und Teil zu haben an der himmlischen Welt!“
„Nur wenn ein Mensch dich so lieb gewinnt, dass du für ihn mehr wirst als Vater und Mutter…“, bekommt sie zur Antwort. „Er gäbe dir eine Seele und behielte doch die eigene.“

Die kleine Meerjungfrau, Jüngste von fünf Schwestern, darf mit 15 Jahren hinaufsteigen und die Menschenwelt besuchen, wonach sie sich schon lange intensiv gesehnt hat. Sie verliebt sich, als es endlich so weit ist, in einen Prinzen, sie rettet ihn nach seinem Schiffbruch, kann auf ihr verzweifeltes Drängen bei der Meerhexe Beine bekommen, um zu ihm zu kommen, muss aber ihre Stimme dafür hergeben. Wenn sie seine Liebe nicht erringt, muss sie sterben und zu Meerschaum werden.
Der Prinz nimmt sie bei sich auf und hat sie lieb, heiratet aber eine Prinzessin, von der er glaubt, sie habe ihn beim Schiffbruch gerettet. Sie ist in seinen Gedanken, nicht die kleine Meerjungfrau, die es somit nicht geschafft hat, seine Liebe zu erringen, die nun sterben und zu Meeresschaum werden muss.


Ihre Schwestern aber haben eine Gnade erwirkt, es gibt noch eine Wahl:
„Er oder du musst sterben, bevor die Sonne aufgeht.  (…) Töte den Prinzen und komm zurück!“, rufen sie flehentlich. Sie geben ihr ein Messer, um die Tat zu vollbringen.
Die kleine Meerjungfrau liebt den Prinzen jedoch zu sehr, nimmt Abschied von ihm und seiner Braut und wählt den eigenen Tod.  

Aber nach dem Sturz in die Meereswogen ist sie nicht tot, sie begegnet den Töchtern der Luft. Diese haben auch keine unsterbliche Seele, aber sie können sich durch gute Taten selbst eine schaffen. Das dauert dreihundert Jahre, aber wenn sie gute, liebenswerte Kinder finden und darüber lächeln, wird diese Zeit um ein Jahr verkürzt.

Ich stelle mir vor, dass dieses Ende der Geschichte ein Trost für Andersen war, der nicht die eine unsterbliche Liebe erringen konnte und stumm bleiben musste, der aber durch seine Märchen unsterblich werden konnte.

Für meine Freundin ist der Konflikt zwischen dem Wunsch nach der leichten, sinnlich-schönen Unterwasserwelt und der Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, die auch ein Scheitern beinhalten kann, noch ungelöst. Sie schildert mir immer wieder, wie schön es mit dem neuen Mann sei. Ich verstehe sie gut: Sie sehnt sich nach einer Liebe, die andauert, und gleichzeitig es ist für sie zu schmerzhaft, ihn aufzugeben, auch wenn auf ein Wochenende mit ihm die Traurigkeit des Alleinseins folgt.

Vermutlich wird es wieder so ausgehen wie beim vorherigen Mann, der sich nicht binden wollte, sie wird nach einiger Zeit die Hoffnung auf eine partnerschaftliche Liebe mit ihm enttäuscht aufgeben.
Ich wünsche ihr, dass sie sich traut, ihrer Sehnsucht zu folgen. Dass sie ein kleines Stück Unsterblichkeit erlebt, die zwischen zwei Seelen entstehen kann, wie das, was sich auch die kleine Meerjungfrau gewünscht hat. Und dass sie Erfüllung auch in dem findet, was sie Gutes tut.

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