Feindbild Frau

Eine Doku auf arte.tv, hier der leicht gekürzte Text:
Täglich werden Frauen von Männern sexistisch beleidigt und bedroht. Weltweit registrieren Expert:innen einen antifeministischen Backlash, der auf dem Sprung scheint, salonfähig zu werden. Besonders betroffen: Frauen in öffentlich sichtbaren Positionen – wie Politikerinnen, Schauspielerinnen oder Unternehmerinnen. Wer steckt hinter den Angriffen und was sind die Motive?

Die ehemalige Kanzlerkandidatin der Grünen und jetzige Außenministerin Annalena Baerbock wurde während des Wahlkampfs beschimpft und mit Vergewaltigung und Mord bedroht. Beleidigungen und Bedrohungen wie diese bestimmen den Alltag vieler Frauen. Sie werden bei Redebeiträgen im Parlament gezielt gestört, nach dem Kommentar eines Spiels mit Hassmails überschwemmt oder nach veröffentlichten Statements für Geflüchtete auf der Straße verfolgt.
Besonders in der anonymen Welt der sozialen Medien versuchen immer mehr Männer, das Rad der Gleichberechtigung wieder zurückzudrehen. Online beleidigen und bedrohen sie Frauen und hetzen organisiert gegen diejenigen, die sich zu kontroversen Themen äußern. Auf ihren Internetseiten verbreiten sie frauenfeindliche Thesen und vernetzen sich weltweit. Die sogenannten Maskulinisten sind überzeugt, Frauen gegenüber überlegen zu sein und kämpfen gegen die Errungenschaften des Feminismus.

Regie: Ursula Duplantier
Land: Deutschland
Jahr: 2022
Herkunft :NDR
Abrufbar auf: https://www.arte.tv/de/videos/101916-000-A/feindbild-frau/?trailer=true
arte.tv: Aktuelles und Gesellschaft / Reportagen und Recherchen
Dauer 52 Min.
Verfügbar: vom 17/05/2022 bis 14/08/2022
Genre: Dokus und Reportagen
Nächste Ausstrahlung am: Mittwoch, 15. Juni um 01:00

English Version: Toni, heart palpitations and procrastination

A successful man in his prime, Toni, is sent to me by his second wife, and although he has no idea how therapy can help with his heart palpitations and insomnia, he comes and talks about his overload. He let me know right from the start that he had a good childhood and loving parents. That he has a good life. Everything is fine, he just has too much to do and can’t do enough. His large family needs him very often, but he is happy to help.

After using our conversations to delegate a few tedious tasks and implementing my suggestions for organizing his to-do’s, he comes up with another, much more difficult problem. Although his physical complaints and insomnia have improved, his busy desk is a heavy burden. He has an inexplicable resistance to doing his mail, tax returns, applications and letters, his large desk practically bends under all the paperwork. He puts off this work for far too long and, because of a guilty conscience, does not indulge in any leisure activities.

In my experience, I can’t get any further with this topic with techniques – it’s about understanding the inner resistance. In his imagination, Toni stands in front of his full desk – what does it trigger?
„I have no choice, I have to do all this.“ He senses restlessness in the heart area, it moves to his head. He keeps his attention on the restlessness until it subsides. „I want to dodge, but I’m not the person to hide.“ A strong belief.

In the next session, Toni imagines the full desk again and perceives his body’s reaction: „I’m unable to figure out what it feels like,“ he says at first, and then: „I feel angry that I have to do all this, and a blast inside”. He wants to tackle it and senses something that is blocking him, and then he realizes with surprise that he is defiant.
Was his father strict with him during his childhood and youth? Toni says yes straight away, he always demanded a lot of performance from him.

In the course of our conversations, Toni understands how he ticks: He likes to tinker around with machines, motorcycles and bicycles until they work again, it’s about getting it right, creating something, reaching the goal. But driving around with it with relish is less interesting for him.
„Can we get rid of this?“ he asks me, and I am happy about this question.
„In any case, you will be better able to deal with the internal resistance,“ I answer confidently.

I know this problem from my own experience: on the one hand, I can now be more lenient with avoidance, and, on the other hand, I can set myself a deadline. And sometimes I watch myself procrastinate and I find it amusing to notice all the things I can think of that need to be done urgently. Just to see myself as someone who “has so much to do”, who has to take care of everything and is needed by others, instead of ending up unspectacularly at a desk just getting something done.

Toni, das Herzstolpern und die Prokrastination

Ein erfolgreicher Mann in den besten Jahren, Toni, wird von seiner zweiten Frau zu mir geschickt, und obwohl er keine Vorstellung davon hat, wie eine Therapie ihm bei seinem Herzstolpern und den Schlafstörungen helfen kann, kommt er und berichtet von seiner Überlastung. Er lässt mich gleich zu Beginn wissen, dass er eine gute Kindheit und liebevolle Eltern hatte. Er habe ein gutes Leben. Alles sei bestens, er habe nur zu viel zu tun und schaffe zu wenig. Er werde von seiner großen Familie sehr oft gebraucht aber helfe gern.

Nachdem er mithilfe unserer Gespräche ein paar aufwändige Aufgaben delegiert und meine Vorschläge zur Organisation seiner To-Do’s umgesetzt hat, rückt er mit einem weiteren, viel schwierigeren Problem heraus. Seine körperlichen Beschwerden und die Schlafstörungen hätten sich zwar gebessert, aber sein voller Schreibtisch belaste ihn. Er habe einen unerklärlichen Widerstand, seine Post, die Steuererklärung, Anträge und Briefe zu erledigen, sein großer Schreibtisch biege sich quasi unter dem ganzen Papierkram. Er schiebe diese Arbeiten viel zu lange auf und gönne sich aus schlechtem Gewissen keine Freizeitaktivitäten.

Nach meiner Erfahrung komme ich bei diesem Thema mit Techniken nicht weiter – es geht darum,  den inneren Widerstand zu verstehen. Toni stellt sich in der Vorstellung vor den vollen Schreibtisch – was löst er aus?
„Ich habe keine Wahl, ich muss das alles erledigen.“ Er nimmt Unruhe in der Herzgegend wahr, sie ziehe in den Kopf. Er bleibt mit der Aufmerksamkeit bei der Unruhe, bis sie sich legt. „Ich möchte ausweichen, aber ich bin niemand, der sich versteckt.“ Ein strenger Belief.

In der nächsten Stunde stellt sich Toni erneut den vollen Schreibtisch vor und nimmt seine Reaktion im Körper wahr: „Ich bin unfähig, herauszufinden, wie sich das anfühlt“, sagt er zunächst, und dann: „Ich spüre Ärger, dass ich das erledigen muss“, und innerlich eine Druckwelle. Er wolle anpacken und spüre etwas, das ihn blockiere, und dann merkt er überrascht: er sei trotzig.  
Ob sein Vater in der Kindheit und Jugend streng mit ihm gewesen sei? Toni bejaht das sofort, er habe immer viel Leistung von ihm verlangt.

Toni versteht im Laufe der Gespräche, wie er gestrickt ist: Er bastle gern an Maschinen, Motorrädern und Fahrrädern rum, bis sie wieder funktionierten, und es gehe ihm dabei darum, das hinzukriegen, etwas zu schaffen. Aber damit lustvoll herumzufahren, sei weniger interessant für ihn.
„Kriegen wir das weg?“ fragt er mich, und ich freue mich über diese Frage.
„Auf jeden Fall werden Sie besser mit dem inneren Widerstand umgehen können,“ antworte ich zuversichtlich.

Ich kenne das Problem aus eigener Erfahrung: mit dem Ausweichen kann ich inzwischen einerseits nachsichtiger umgehen und mir andererseits eine Deadline setzen. Und manchmal schaue ich mir beim Aufschieben zu und finde es lustig zu bemerken, was mir alles einfällt, was dringend zu tun ist. Nur um mich als jemand zu sehen, die „so viel zu tun hat“, die sich um alles kümmern muss und die von anderen gebraucht wird, anstatt ganz unspektakulär am Schreibtisch zu landen, wo es einfach darum geht, etwas zu erledigen.

Zoe, der Leistungsdruck und der Giftzwerg

Zoe ist eine zähe Kämpferin und ein Hochleistungsmensch. Sie kommt schon länger zur Therapie und hat schon viel verändert, vor allem den Umgang mit ihrem Partner, ihrer Mutter und ihrem Sohn, und vor allem ihre übertriebene Bereitschaft, sich zu pushen, sich Arbeitsleistungen abzuverlangen bis zum Geht-nicht-mehr. Sie geht trotz Schmerzen zur Arbeit und findet immer Gründe, warum das nicht anders geht.
Heute erzählt sie mir, dass sie konkrete Schritte eingeleitet hat, weniger zu arbeiten.
„Ich kann einfach nicht mehr“, sagt sie überzeugend, und das sehe ich genauso, länger schon als sie.

Nachdem zuletzt zu ihrem Rheuma und den Stoffwechselstörungen ein Unfall hinzukam, ein Handgelenksbruch, sodass sie die Tastatur vom PC nicht mehr bedienen konnte und lange krankgeschrieben war, berichtet sie heute, dass sie fest entschlossen sei, weniger zu arbeiten. Aber ein kleiner Teil von ihr sei anderer Meinung: „Du kannst doch nicht einfach weniger arbeiten, das muss doch noch gehen mit Vollzeit! Das geht schon, wenn du dich nur genug anstrengst…“ Da ist er wieder, der gnadenlose Innere Antreiber.

Dass Zoe nun konkrete Schritte plant und sich so sicher ist, weniger zu arbeiten, freut mich. Dennoch, dann passiert etwas, was für mich eigentlich als Therapeutin ein No-Go ist, ich bremse sie völlig unpassend:
Als Zoe sich freudig vorstellt, wie es wäre, weniger zu arbeiten und mehr Zeit zu haben, zählt sie auf, was sie dann alles tun könne, und dabei gerät sie ins Schwärmen, sie würde mehr Lebensqualität, mehr Zeit für ihre Tiere, ihre Freundinnen und zum Entspannen haben…
Und ohne nachzudenken stoppe ich sie mit den Worten, dass ihr Motiv für eine Arbeitszeitreduzierung doch etwas ernster sein, und dass sie die gewonnene Zeit vor allem für ihre Gesundheit verwenden sollte. Dabei entsteht zwar ein kleines Fragezeichen in meinem Hinterkopf, warum ich das jetzt sage, aber Zoe – und ich – übergehen meine Bemerkung. Sie sagt nur kurz „ok“ und fragt dann, was sie gegen ihr Überforderungsgefühl bei der Arbeit tun könne. Erst später geht mir ein Licht auf, warum ich so streng reagiert habe.

Ich schlage ihr vor, sich die Situation in ihrem Büro vor dem PC vorzustellen, in Ruhe wahrzunehmen, wie es sich anfühlt, und welche Gedanken ihr kommen.
„Ich muss durchhalten“, stellt sie fest, ihre Schultern seien verspannt, sie fühle sich schuldig, nicht noch mehr zu schaffen, und sie sei gerade sehr müde. Sie könnte jetzt einschlafen. Sie schaut stumpf vor sich hin.

Für mich ist dieses plötzliche müde werden ein Hinweis darauf, dass es im Hintergrund des Erlebens um Erfahrungen geht, die Zoe früher einmal gemacht hat, und die sie zu diesem Dilemma geführt haben, sozusagen eine Überlebensstrategie.
An was sie dieses Gefühl von Überforderung erinnere?
Ihre Mutter sei sehr streng gewesen, sie habe als Kind schon früh viel üben und vor allem stets gehorchen müssen. Sie habe lange ihr Hausaufgaben machen müssen, und die Mutter habe daneben gesessen. Ich denke, dass das eigentlich nichts Neues ist, bin aber sehr froh, dass es jetzt für Zoe intensiv erlebbar ist – und damit nicht nur über den Kopf veränderbar.

Es geht also um die strenge Mutter, das gehorchen und durchhalten müssen. Und plötzlich kommt mir in den Sinn, dass ich Zoe vorhin in ihrem Schwärmen für ein Leben mit mehr Freizeit gebremst habe, weil das etwas ist, was ihre Mutter getan hatte (und nach wie vor tut). Zoe kann es sich selbst noch nicht ganz erlauben, freier zu sein, und hatte deshalb vorhin etwas übertrieben geklungen, sodass ich ihre Euphorie automatisch gestoppt hatte.
„Ah“, Zoe versteht sofort, „sie haben wie meine Mutter geklungen, die hätte auch so reagiert!“ Wir kannten uns lange genug, Vertrauen war gewachsen, und ich versichere ihr, dass mir meine Reaktion leid tut.

Es klingt traurig, als Zoe sich nun deutlicher und intensiver bewusst wird, dass sie gelernt hat, dass sie nur etwas wert ist, wenn sie etwas leistet, dass sie sonst ein Nichts ist, „wie nicht vorhanden“. Sie hält betroffen inne. Ich stelle mir dieses „nicht vorhanden sein“ schrecklich vor, unterstütze sie mitfühlend und warte, ob mir etwas einfällt, was ihr hilft, inneren Abstand vom Leistungsdruck der Mutter zu gewinnen.

„Wo ist mein Vater“, fragt sie plötzlich ins Off, in den gefühlt leeren Raum. „Er ist nicht da, er ist nie da, er interessiert sich nicht für mich!“ stellt sie traurig fest. Ich signalisiere ihr, dass ich sie verstehe, und dass ich bei ihr bin.
„Das war so“, fährt sie fort, „er interessierte sich nicht für mich, und das hieß, ich bin es nicht wert“. Wir verweilen bei dieser gefühlten Erkenntnis, bis Zoe wieder auf die Gegenwart zurückkommt.

„Eigentlich blöd von mir, immer durchzuhalten!“ Ja genau, der Meinung bin ich auch. Sie hat seit Therapiebeginn von Überforderung gesprochen und einiges versucht, um das zu ändern, sie weiß, dass es sie immer kränker macht, aber jetzt, in der gefühlten Verbindung mit der Kindheitssituation, hat sie mehr Distanz dazu und sieht es mit eigenen Augen. Sie überlegt. Sie sei oberflächlich immer lustig gewesen – was ich auch an ihr mag – aber innerlich immer schon, seit der Kindheit, tieftraurig.

Ich frage nach, ob sie jetzt aufhören könne, sich zu überfordern?
Da sei noch eine kleine Stimme, antwortet sie, die meint, wenn sie sich nur genug anstrenge, könne sie so weitermachen, das ginge schon noch.
Was das für ein Teil in ihr sei, ob ihr etwas dazu einfällt?
Zoe hat viel Fantasie und stellt sogleich fest, dass das ein kleiner Giftzwerg in ihr sei.

Wo sie den hinhaben wolle?
(Wir nennen diese Methode „Introjektarbeit“: etwas, das als Elternstimme innerlich unerkannt wirkt, ein „Inneres Objekt“, das einem an der Entfaltung des eigenen Lebens hindert, als sei man noch ein Kind, das zeitlos gespeichert ist, wird bewusst gemacht, entlarvt und schrittweise verändert.)
„Er soll auf dem Mars sein“, entscheidet Zoe, „weit weg!“.
Ob sie mit ihm sprechen könne? Warum er ihr diesen Stress mache?
„Ich soll immer noch mehr leisten und mich entwickeln und alles schaffen.“
Zoe ist ungeduldig, wie es nun weitergeht, sie will den Giftzwerg weghaben, sie brauche ihn nicht in ihrem Leben!
„Geben Sie ihm eine neue Aufgabe“, schlage ich vor, „soll er Sie vielleicht daran erinnern, wenn sie mal wieder über ihre Grenzen gehen?“ Das findet Zoe super. Ihr Gesicht erhellt sich. Auch der Giftzwerg freue sich. Er solle ruhig auf dem Mars bleiben.
Zoe findet es „magisch“, dass sie sich jetzt so viel besser, entspannter und freier fühlt, und ich freue mich mit ihr.
Solche Therapiestunden, die positiv aus dem sonst mühsamen gemeinsamen Suchen und Arbeiten an kleinen Fortschritten herausragen, sind für mich so, wie das Gefühl auf dem Gipfel nach einer Bergbesteigung, die reine Freude, gemischt mit Dankbarkeit.

Little Red Riding Hood, the Idyll and Emotional Hunger

Everyone loves Little Red Riding Hood, especially grandmother, because she is such a sweet girl. She gives her a red riding hood, which it now wears all the time and which gives her its name, and it always feels enveloped and protected. It lives with her mother in an idyll, but we know that idylls aren’t right because something is missing, because they are maintained through repression. They are supposed to be harmonious and make you happy, but they are one-sided, make you sick in the long run and sometimes addictive.

What is suppressed can be found in the forest, the space of unconscious feelings, the fairy tale symbol of the uncontrolled world of experience and danger.

Little Red Riding Hood should stay on the path, says the mother, and bring cake and wine to the sick, weak grandmother, but how is it supposed to do that if it has no balance inside and always has to be good in order to receive security and attention? The mother sends the child alone into the forest, what should happen, but real care would look different.

It does not recognize the wolf, who is up to evil, as a danger. As a girl who has to be nice and provide for others, it does not know anything aggressive. What it does not find within itself or is not allowed to feel comes towards it – unrecognized – from the outside. But what is the evil, aggressive and destructive that lurks in the wolf?

Greed and unbridled hunger, excess, hunger for addicted devour, just selfish. He seduces Little Red Riding Hood by pointing out possible sensual enjoyment and arouses its desire – combined with a half-joking devaluation – that it sees and hears nothing in the secluded forest and goes there as if to school. There are such beautiful flowers! Little Red Riding Hood jumps at it. And the next flower for her bouquet for grandmother (not for herself, of course not) still seems to be much nicer for Little Red Riding Hood, the budding desire has to be increased. It can finally indulge its desires and doesn’t have to be nice and well-behaved. The girl only stops when it can’t carry any more flowers.

The wolf first wants to eat or – more precisely – devour the grandmother and then Little Red Riding Hood. Why doesn’t he eat Little Red Riding Hood right away? This makes sense on a symbolic level, because the aggressive lust in him must first devour the grandmother and free itself from her, who is infinitely kind and good. Or does the wolf just want to start with the bigger object?
The wolf does not have time to chew, greed and addictive desire must be satisfied immediately. But emotional hunger cannot be satisfied in this way, it fills the stomach until nothing more can fit in.

It must be boring and lonely, always having to be good, the same as the long way to the grandmother, who needs refreshment. And the opposite is just as intense, the liberated lust.
From a psychological point of view, Little Red Riding Hood suffers from „unbalanced mental malnutrition“ until the wolf appears. And this malnutrition is physically and mentally a so-called starvation-disease.
As Sigmund Freud wrote: Every indulgence is also a neglect. How could Little Red Riding Hood have learned to deal with lustful, selfish and aggressive parts?

The wolf also devours Little Red Riding Hood, who at her grandmother’s bed doesn’t realize that it has the big bad wolf in front of him. It is surprised and cannot believe that it is the grandmother who has such a big mouth. Maybe that’s how it is?
An ingenious twist of the story is, that the grandmother and the wolf are now one and the same, filling themselves with the vibrancy of others. Being nice is one thing, being alive is another. So far, the grandmother had no downsides. And so Little Red Riding Hood again does not recognize the danger.

Carl Spitzweg

After the wolf has eaten both of them, he sleeps soundly, unconscious and defenseless, so that the hunter, who stands for the good, caring father and who had wanted to look after the grandmother, can cut open his stomach and save them both. They are unharmed and Little Red Riding Hood becomes active, it fills the wolf’s belly with stones, dead material, so that it falls dead from the weight. It now vows never to stray from the path again.

Do we not have a doubt about that? But comforting is the conviction that one can fall back behind a conscious experience once made, but quickly remember it, find one’s own way again and preserve oneself.

Dornröschen und der König, Trauma und Geheimhaltung

Das Märchen von Dornröschen ist eine Vater-Tochter-Geschichte und erzählt von einer scheinbar perfekten Familie:
Die Königin nimmt ein Bad, als ein Frosch herankriecht und ihr weissagt, dass sie in einem Jahr endlich das von ihr und dem König heiß ersehnte Kind zur Welt bringen wird. Und tatsächlich wird – wie vorhergesagt – nach einem Jahr ein Mädchen geboren, das so schön ist, dass der König sich nicht zu fassen weiß und vor Begeisterung ein großes Fest veranstaltet. Er lädt viele Gäste ein, auch die weisen Frauen im Land, damit sie dem Kind gewogen seien.
Es gibt dreizehn von ihnen im Land, das weiß er, aber er hat nur zwölf goldene Teller, und so muss eine daheim bleiben.
Das kann nicht gutgehen. Als ob man über jemanden einfach hinweggehen kann, ohne eine Begründung zu nennen oder eine Lösung zu suchen. Auf diese Weise nimmt er hin, dass die ausgeschlossene Person sich massiv gekränkt fühlt.
Dieser Vater will das Beste für sein Kind, er ist stolz und glücklich, dass es geboren wurde, vernarrt in seine Schönheit, fixiert auf die Erfüllung seines Wunsches, endlich Vater zu sein, aber er handelt ohne Empathie, er benutzt die weisen Frauen, deren Wunschkraft dem Kind zugutekommen soll.

Er lädt zwölf ein und dennoch kommt das Böse, die dreizehnte, von jeher eine Unglückszahl, plötzlich ungefragt herein. Die dreizehnte ist nicht anders als die anderen, bis sie ausgeschlossen wird, dann wird sie böse und will sich rächen. Wie im Märchen von Schneewittchen erfahren wir, dass Kränkungswut tödlich sein kann. Wehe dem, der gemobbt und ausgeschlossen wird, das lähmt, macht hilflos und krank oder aber destruktiv, bis hin zu Vernichtungswünschen und schlimmstenfalls zum Amoklauf.

Das Fest wird mit aller Pracht gefeiert. Nachdem elf der weisen Frauen dem Kind ihre Wundergaben wie Schönheit, Reichtum und Vieles mehr geschenkt haben, poltert die Ausgeschlossene herein und inszeniert ihre Rache in einer einzigen lauten, heftigen Verwünschung: im fünfzehnten Lebensjahr soll das Kind sich an einer Spindel stechen und tot umfallen. Was für ein Schock! Die zwölfte kann den Spruch nur noch mildern und wandelt den Tod in einen hundertjährigen Schlaf um.


Der König lässt sofort alle Spindeln im Land verbrennen, so als könnte er damit die Verwünschung aufhalten. Er hätte die dreizehnte einladen und mit ihr verhandeln können, damit sie die Verwünschung zurücknimmt. Aber er ist der Herrscher, er denkt, er hat die perfekte Lösung und auch über das Schicksalhafte Macht. Er unterschätzt die weisen Frauen, die ein Teil des Schicksals seiner Tochter sind, alle dreizehn.

In manchen lateinamerikanischen Ländern wird der 15. Geburtstag von Mädchen besonders gefeiert, das Fest heißt „Quinceañera“, das bedeutet „die Fünfzehnjährige“. Damit wird der Beginn einer neuen Phase markiert: die Tochter wird nun den Eltern entwachsen, sie wird Neugier, Lebenshunger, ihre Sexualität und Freiheitswünsche entwickeln und wahrscheinlich die elterlichen Normen durchbrechen.

Das Mädchen, das später Dornröschen genannt wird, wird so schön, klug, freundlich und beliebt, wie die weisen Frauen es ihm gewünscht haben. Aber der Vater hatte eine von ihnen ausgeschlossen, und damit das, was über die Einheit der Familie und das, was über den Rahmen der Zwölf hinausgeht. In der Bibel sind es zwölf Apostel, die zu Jesus gehören. Unsere Zeitmessung zählt 12 Monate – aber auch dabei passen ein paar Tage nicht in das Jahr hinein, das alte vergeht und das neue ist noch nicht da, es sind die „Tage zwischen den Jahren“, eine Ruhepause.

Alexander Zick 1880

Mit fünfzehn Jahren nun ist das Mädchen eines Tages allein zu Hause, es steigt aus Neugier in einen alten Turm hinauf bis in die Dachkammer, dort findet es eine alte Frau, die Flachs spinnt, es will es auch probieren, sticht sich in den Finger, fällt sogleich auf ein Bett und in einen tiefen Schlaf,  und alles und jeder im Schloss schläft ein, nichts bewegt sich mehr (die Eltern waren gerade heimgekommen und schlafen nun auch). Eine Dornenhecke wächst mit der Zeit hoch und um das Schloss herum, bis nichts mehr davon zu sehen ist, nicht einmal die Fahne auf dem Dach.  

Das Mädchen, Dornröschen, hatte neue Räume im Schloss erkunden wollen, es war neugierig und wollte etwas Neues ausprobieren, was es zuvor nicht kennenlernen durfte, es gab ja keine Spindeln im Land. Sie wuchs in Überbehütung auf, und genau das, was die Eltern verhindern wollten, passiert, und indem alles einschläft und stillsteht, ist nun alle Lebendigkeit aus diesem Elternhaus entwichen, jede Handlung und jede Erfahrung ist unmöglich geworden.

Dornröschen, wie es jetzt im Dorf genannt wird, eingeschlossen im Schloss unter der Dornenhecke, wird zur Legende, viele Freier wollen durch die Dornenhecke zu ihr durchdringen und schaffen es nicht. Die hundert Jahre müssen erst vergehen, in dieser Zeit findet keine Alterung statt, ein zeitloser Zustand ist eingetreten. Dornröschen liegt getrennt von ihrer Familie auf dem Bett in der Dachkammer. Auch der liebende, mächtige König hat keinen Einfluss mehr.

Steht das Stechen mit der Spindel für eine erste, ungewollte sexuelle Erfahrung? Und die dreizehnte weise Frau für eine letztlich notwendige Warnung, als Heranwachsende auf der Hut zu sein, sich nicht aus Neugier in eine solche Gefahr zu begeben? Dann ist die Konsequenz, der Stillstand im Märchen, dieses im Schloss verborgen und halbtot sein, vor allem die Zeitlosigkeit dieses Zustandes, typisch für ein erlebtes Trauma.

Dann sind auch der Turm, die Dachkammer und die alte Frau, die den Faden des Schicksals spinnt, symbolische Bilder aus dem kollektiven Gedächtnis. Sie versinnbildlichen eine typische Szene: eine junge Frau, arglos, überbehütet und neugierig, wird schon bei der Geburt durch den Stolz, das Schutzbedürfnis und die Vereinnahmung durch den Vater und ebenso durch gesellschaftliche Strukturen daran gehindert, sich frei zu entfalten, mit einer realistischen Anleitung und mit einer guten Rückendeckung eigene Erfahrungen zu machen. Sie bekommt keinen verlässlichen Schutz vor traumatischen Erfahrungen. Alles soll nur gut sein.

Dornröschen ist einerseits verwöhnt, andererseits abgeschottet, einerseits wird es hofiert, andererseits nicht als Person wahrgenommen. Der Vater bereitet sie nicht auf das Leben und seine Gefahren vor, er erklärt ihr nicht, wie man es anstellt, sich nicht an einer Spindel zu stechen. Er will es mit seiner Macht und einer einfachen Lösung verhindern. Er ist der Mittelpunkt der Familie und damit für die Tochter, er will das nicht hergeben, aber eigentlich weiß er, dass er durch einen anderen, jüngeren Mann ersetzt werden wird.

Dieser Vater hat mithilfe der weisen Frauen dafür gesorgt, dass seine Wünsche, wie das Kind sein soll, nämlich in jeder Hinsicht positiv und perfekt, sich erfüllen, es sollte keinen Schatten geben. Risiken werden beseitigt (Spindeln) und Negatives abgewehrt. Das Kind lernt die Welt außerhalb vom Schloss, dem zu Hause der Familie, vermutlich gar nicht kennen. Der Rückzug ins Schloss, dem trauten Heim, wo man es schön hat, dient dem Ausschließen von allem Negativen, und daran soll sich auch nichts ändern! Alles ist super und soll auch so bleiben.

Wie gut wir das kennen, wie unermüdlich werden wir zu positivem Denken auf Plattformen wie Instagram und von einem Heer von Coaches dazu aufgerufen, wie selten lädt man uns ein, tiefere, konflikthafte, ängstliche Gefühle zuzulassen und hilft uns, damit umzugehen. Man vermittelt uns Techniken und Mantras. Wie Dornröschen, das glänzen und nicht negativ auffallen soll, und vor allem soll die Tatsache der Vergänglichkeit und unserer Sterblichkeit ausgeschlossen bleiben.

Da das Stechen mit der Spindel und das in den Schlaf fallen im Turm vom Schloss, also im Elternhaus passiert, kann man sich fragen: war es der in ihre Schönheit vernarrte Vater, der sich an ihr vergriffen hat, und fällt sie deshalb in einen zeitlosen, traumatischen Zustand? Dann wäre auch das Zuwachsen mit der Hecke ein passendes Bild für die unbedingte Geheimhaltung. Familiengeheimnisse wirken unbewusst auf alle lähmend.
Ich kenne aus Therapien solche Schicksale von Frauen, die sich nicht selten erst nach Jahrzehnten an sexuellen Missbrauch in oder im Umfeld der Familie erinnern. Es darf über diese Übergriffe in der Familie nicht gesprochen werden, sie würde zerbrechen. Diese Erlebnisse bleiben zeitlos im emotionalen Gedächtnis eingeschlossen, bis genug Zeit vergangen und etwas im Stillen gereift ist.

Jede Entwicklung, die zu mehr Eigenständigkeit führen würde, ist in Dornröschens Familie gelähmt. Es findet keine natürliche, notwendigerweise konflikthafte Ablösung statt. Dornröschen soll für immer das Ein und Alles ihres Vaters und Teil einer traumhaft perfekten Familie bleiben. Sie soll nicht zur Frau werden. Und sie soll den Vater nicht verlassen.

Nach hundert Jahren gewährt die Hecke einem Prinzen Zutritt, die Abwehr der Dornen verschwindet und verwandelt sich in Rosen, Liebe wird möglich. Er dringt zu Dornröschen vor, holt sie aus dem halbtoten Zustand und dem Schloss raus. Manche junge Frau heiratet so schnell wie möglich, um dem Elternhaus zu entfliehen. Damit ist sie wieder lebendig und – erst einmal – gerettet.
Ob sie nach der Hochzeit, auf lange Sicht, ihre eigene Sexualität und selbstbestimmte Weiblichkeit entfalten kann? Oder wird sie erneut ihre Lebendigkeit verlieren?

English Version: Snow White – Curse and Blessing of Beauty

Beauty is at the center of the fairy tale, sometimes it puts Snow White in danger (envy of the stepmother), sometimes it protects her (affection of the dwarfs) and finally it saves her (love of the king’s son). Her mother had wished for a beautiful child, red as blood, white as snow and black as ebony, pure colors harmoniously combined. How sad that this mother dies after giving birth, but as almost always in fairy tales and stories, good mothers die early or have already died. I’ve often thought about this and wondered…

Beauty cannot protect Snowwhite against envy and resentment, which arise in men, especially in women, because they can‘t stand the natural, undeserved beauty of other women – why is it given to one and withhold to the other, why is fate this unfair? You can face up to bad luck, but not to injustice.  

Gustav Klimt

Beauty is magic and mysterious; it refers to a higher harmony that we cannot fathom. It feels good to look at it, we admire it sometimes, but why, what is beauty? Does it have to do with perfection, with a good measure, with harmony? There are many theories about beauty.
Who can say, he doesn’t want to be beautiful. How hard is it for women, who cannot find themselves beautiful and sometimes even hate themselves. If you could at least find something, only one part of your body beautiful, it is comforting, and if only someone would say, from time to time, that you look pretty, it is very soothing.
But if a woman wants to be the most beautiful of all, like the stepmother of Snow White, then it is grossly exaggerated, that is pathological narcissistic. For her, not an object shall be beautiful and touch the heart, not the joy of it is the desired, pleasurable goal, but she herself and her own superiority.
This is destructive, haughty, and addicted, there is no end, it does not satisfy. What we now call the beauty craze, is shown distorted in the fairytale by the figure of the bad stepmother. She can’t take second place, it must be the gold medal, she wants to be loved by everyone, like some stars today, and she must retain that status as „the fairest of them all“ at all costs.

Beauty changes and fades over time, and the luster of youth, which makes Snow White shine, arouses envy in the stepmother. Why this hatred and the desire to kill her? Because Snow White is loved, because she gets affection and attention, because she is beautiful and attracts looks like hearts. For the stepmother, beauty as unfathomable, natural harmony, given without any own doing, can only exist, if she remains number one, superior and unrivaled in her royal dignity. The grace of the adolescent girl is a thorn in her side. She wants to be superior, and it’s all about herself, her reflection in the mirror, her narcissism, which must not be offended, otherwise immeasurable rage will arise that wants to destroy, rage of being insulted and slighted.

Beauty without a human counterpart? Why is there no one for whom she, the stepmother, wants to be beautiful, whom she wants to please? Who cares, out there in the wide country, that she’s the prettiest? Where is her husband, the king, who could confirm her, what she urgently needs – and which woman does not know that?
So, she asks her mirror, which magically, as if from a metaphysical world, knows more than a human being. This stepmother, who is not identified with herself as a person but with her external image, believes the mirror. For her, only this one criterion counts, her own external beauty, inside she is empty. She has to be number one, otherwise it’s not enough, otherwise it’s of no value. She bears no competition, her great and bloated self, her puffed up me stretches across the kingdom. She is not willing to limit herself and let other women exist alongside her. Others might find her interesting, likeable, warm, generous, or lovable, but she can’t imagine that.
On the one hand, we know that wanting to be the only one, especially when we’re in love. On the other hand, the stepmother’s cruelty is hardly comprehensible, she even eats the stepdaughter’s lungs and liver (without knowing that she is actually eating that of a hind), as if she has to be sure of completely destroying Snow White as a competitor and at the same time, she needs something for herself to internalize, that is perverted love and thus its opposite.

Beauty is untouchable. It evokes the conflict between mother and daughter, one thriving as a woman, the other fading and frustrated by a lack of validation as a woman. This fairy tale of the Brothers Grimm splits the mother figure into a deceased good mother and a pursuing evil stepmother and allows the benign envy that sometimes arises in some mothers to degenerate into hatred and death wishes. And just to make it repulsive enough, lungs and liver are required as proof of murder. The commissioned hunter has pity, lets Snow White live, it wanders through the forest, finds a dwarf house, eats, drinks and goes to sleep. How will she learn to cope with life?

Beauty makes the dwarves lenient, those who are beautiful enjoy advantages, and Snow White is allowed to stay. She is safe and secure in the world of the dwarves. The dwarfs, little asexual men, cannot be dangerous to her. Snow White looks for the right seventh bed, she has a good deal with the seven dwarfs, in return for board and lodging she has to keep the house in order. She seems content and can grow up in peace.
Snow White is trusting, in the further course also towards the traveling trader, in which the masked evil stepmother is hidden. She loses consciousness three times as a result, after accepting a lace, a comb, and an apple from her. She falls into a deep sleep three times and is as good as dead. The dwarves are able to revive her twice. But a third time she falls for her stepmother, she hasn’t been able to develop a healthy distrust so far, she’s still too young, she doesn’t know any envy herself and doesn’t expect it from others either, everything has gone well so far…

Beauty wants to be shown. Snow White is a woman! And thus, vulnerable to offers to adorn oneself with a belt and a comb. The dwarfs warn Snow White about the evil stepmother, but she can’t take care of herself and falls for the masquerade, she is seductive – and the stepmother knows that.
It is the apple that apparently leads to success in the stepmother’s murderous intentions, and which has symbolized desire since Adam and Eve. A dwarf, neither a man nor a child, can no longer help. After this third (actually fourth) murder attempt, Snow White goes through a moratorium, a death-like state in which a self-development can take place hidden inside, cut off from the world.
A king’s son must come who falls in love with her, Snow White must first be carried away, only to be brought back to life by a bump, a rumble. A glass coffin is built for her, the king, the dwarfs and even the animals in the forest want to continue to contemplate and enjoy her beauty. One senses the mourners‘ hope that Snow White may not be lost. What could bring her back to life?
Actually logical: she has to spit out the poisoned part of the apple from the evil stepmother and free herself from what she swallowed before because of seduction, naivety, and her own desire against her better knowledge.
The stepmother doesn’t like to believe that Snow White is alive, she comes to the wedding, she is curious and doesn’t expect a punishment, she as queen. However, she has to dance herself to death on hot coals – is that fair?

Rotkäppchen, die Idylle und der emotionale Hunger

Alle haben Rotkäppchen lieb, die Großmutter besonders, weil sie so ein liebes Kind ist. Sie schenkt ihm ein rotes Käppchen, das es nun immerzu trägt und das ihm seinen Namen verleiht, es fühlt sich umhüllt und geborgen. Es lebt mit der Mutter in einer Idylle, aber wir wissen, Idyllen stimmen nicht, weil etwas fehlt, weil sie durch Verdrängung aufrecht erhalten werden. Sie sollen harmonisch sein und glücklich machen, aber sie sind einseitig, machen krank und manchmal süchtig.

Was verdrängt wird, findet sich im Wald, dem Raum der unbewussten Gefühle, dem Märchensymbol der unkontrollierten Erfahrungs- und Gefahrenwelt.
Rotkäppchen soll auf dem Weg bleiben, sagt die Mutter, und der kranken, schwachen Großmutter Kuchen und Wein bringen, aber wie soll es das schaffen, wenn es  innerlich kein Gleichgewicht hat, immer brav sein muss, um Geborgenheit und Zuwendung zu erhalten? Die Mutter schickt das Kind allein in den Wald, was soll schon passieren, aber echte Fürsorge sähe anders aus.

Es erkennt den Wolf, der Böses im Schilde führt, nicht als Gefahr, weil es sich als Mädchen, das lieb sein und andere versorgen muss, nichts Aggressives kennt. Was es in sich selbst nicht findet bzw. fühlen darf, kommt ihm – unerkannt – von außen entgegen.

Was ist aber nun das Böse, Aggressive und Zerstörerische, das im Wolf lauert?
Gier und ungebremster Hunger, Maßlosigkeit , süchtiges verschlingen wollen, egoistisches haben wollen. Er verführt Rotkäppchen durch den Hinweis auf mögliches sinnliches Genießen und weckt in ihr Begehren – verbunden mit einer halb spaßigen Abwertung – sie sehe und höre ja nichts im lauschigen Wald und ginge dahin wie zur Schule. Da seien doch so schöne Blumen! Rotkäppchen springt darauf an. Und die nächste Blume für ihren Strauß für die Großmutter (nicht für sich selbst, natürlich nicht) scheint für Rotkäppchen immer noch viel schöner zu sein, die aufbrechende Lust muss gesteigert werden. Endlich darf sie ihren Gelüsten nachgehen und muss nicht von außen bestimmt lieb und brav sein. Sie hört erst auf, als die nicht noch mehr Blumen tragen kann.

Der Wolf will erst die Großmutter fressen bzw. verschlingen und dann das Rotkäppchen. Wieso frisst er Rotkäppchen nicht gleich? Auf der symbolischen Ebene macht das Sinn, denn die aggressive Lust in ihm muss die Großmutter zuerst verschlingen und sich zunächst von ihr, die maßlos lieb und gut ist, befreien.
Zum Kauen hat der Wolf keine Zeit, Gier und süchtiges Verlangen müssen sofort befriedigt werden und den Hunger stillen. Aber emotionaler Hunger kann so nicht befriedigt werden, er füllt den Bauch, bis nichts mehr reinpasst.

So langweilig und einsam das brav sein müssen und der Weg zur Großmutter, die Stärkung braucht, für Rotkäppchen sind, so intensiv ist das Gegenteil, die befreite Lust.
Rotkäppchen leidet – psychologisch gesehen – bis zum Auftauchen des Wolfes und seiner Verführung unter einer „einseitigen seelischen Mangelernährung“, die physisch – auch seelisch – eine sogenannte Hungerkrankheiten ist.
Wie Sigmund Freud geschrieben hat: Jede Verwöhnung ist auch eine Vernachlässigung. Wie hätte Rotkäppchen lernen können, mit lustvollen, egoistischen und aggressiven Anteilen umzugehen?

Der Wolf verschlingt auch Rotkäppchen, das am Bett der Großmutter nicht merkt, dass es den bösen Wolf vor sich hat. Es wundert sich und kann nicht glauben, dass es die Großmutter ist, die so ein großes Maul hat. Vielleicht ja doch? Ein genialer Twist der Geschichte, dass die Großmutter und der Wolf nun ein und dasselbe sind, die sich füllen mit der Lebendigkeit von anderen. Lieb sein ist eine Sache, lebendig sein eine andere. Bisher hatte die Großmutter keine Schattenseiten. Und so erkennt Rotkäppchen die Gefahr wieder nicht.

Carl Spitzweg

Nachdem der Wolf beide gefressen hat, schläft er tief und fest, ohnmachtsgleich und wehrlos, sodass der Jäger, der hier für den guten, fürsorglichen Vater steht, und der nach der Großmutter schauen wollte, seinen Bauch aufschneiden und die beiden retten kann. Sie sind unbeschadet und Rotkäppchen wird aktiv, es füllt den Bauch des Wolfs mit Steinen, totem Material, sodass dieser durch die Schwere tot umfällt. Es gelobt sich nun, nie wieder vom Wege abzugehen.
Tauchen da nicht leise Zweifel bei uns auf? Aber tröstlich ist die Überzeugung, dass man hinter einer einmal gemachten bewussten Erfahrung zwar zurückfallen, aber sich schnell wieder auf sie besinnen, den eigenen Weg wieder finden und sich selbst bewahren kann.

Schneewittchen: Fluch und Segen der Schönheit

Schönheit steht im Mittelpunkt des Märchens, mal bringt sie Schneewittchen in Gefahr (Neid der Stiefmutter), mal beschützt sie es (Zuneigung der Zwerge) und letztlich wird es durch sie gerettet (Liebe des Königssohns). Ihre Mutter hatte sich ein schönes Kind gewünscht, rot wie Blut, weiß wie Schnee und schwarz wie Ebenholz, reine Farben, harmonisch vereint. Wie traurig, dass diese Mutter nach der Geburt stirbt, aber wie fast immer in Märchen und Geschichten, sterben gute Mütter früh oder sind bereits gestorben. Darüber habe ich schon oft nachgedacht und mich gewundert…

Schönheit kann Schneewittchen nicht beschützen vor Neid und Missgunst, die in Menschen, vor allem in Frauen, entsteht, wenn sie die naturgegebene, unverdiente Schönheit anderer nicht ertragen können – warum wird sie der einen geschenkt und der anderen vorenthalten, warum ist das Schicksal so ungerecht? Mit Unglück kann man sich abfinden, mit Unrecht und Ungerechtigkeit nicht.

Gustav Klimt

Schönheit ist magisch und geheimnisvoll, sie verweist auf eine höhere Harmonie, die  wir nicht ergründen können. Es fühlt sich angenehm an, sie zu betrachten, wir bewundern sie manchmal, aber warum, was ist Schönheit? Hat sie mit Vollkommenheit, mit einem idealen, naturgegebenen Maß, mit Harmonie zu tun? Es gibt viele Theorien darüber.
Wer von uns will nicht gerne schön sein. Wie schwer haben es Frauen, die sich nicht schön finden und sich manchmal deshalb sogar selbst hassen. Wenn man wenigstens etwas, nur einen Körperteil an sich selbst schön finden kann, ist das tröstlich, und wenn hin und wieder mal jemand sagt, dass man schön aussieht, ist es äußerst wohltuend. Aber die Schönste sein zu wollen wie die Stiefmutter von Schneewittchen, ist maßlos übertrieben, das ist krankhaft narzisstisch. Nicht ein Objekt soll schön sein und das Herz berühren, nicht die Freude daran ist das erwünschte, lustvolle Ziel, sondern man selbst und die eigene Überlegenheit.
Das ist destruktiv, hochmütig und süchtig, es findet kein Ende, es befriedigt nicht. Das, was wir heute „Schönheitswahn“ nennen, wird im Märchen ins Abgründige verzerrt dargestellt durch die Figur der bösen  Stiefmutter. Sie erträgt den zweiten Platz nicht, es muss die Goldmedaille sein, sie will von allen geliebt werden, wie heute manche Stars, und sie muss diesen Status als „die Schönste im ganzen Land“ unter allen Umständen behalten.

Schönheit verändert sich und verblasst mit der Zeit, und der Schmelz der Jugend, der Schneewittchen erstrahlen lässt, weckt Neid in der Stiefmutter. Warum dieser Hass gegen die Stieftochter und der Wunsch, sie zu töten? Weil Schneewittchen geliebt wird, weil sie Zuwendung und Aufmerksamkeit bekommt, weil sie schön ist und Blicke wie Herzen anzieht. Schönheit als unergründliche, natürliche Harmonie, die ohne eigenes Zutun geschenkt wurde, darf für die Stiefmutter nur existieren, wenn sie die Nummer eins bleibt, überlegen und unerreicht in ihrer königlichen Würde. Die Anmut der Heranwachsenden ist ihr ein Dorn im Auge. Sie will die Königin, will überlegen sein, und dabei geht es nur um sie selbst, um ihr Spiegelbild, ihren Narzissmus, der nicht gekränkt werden darf, sonst entsteht unermessliche Wut, die zerstören will, Kränkungswut.

Schönheit ohne menschliches Gegenüber? Wieso ist da niemand, für den sie, die  Stiefmutter, schön sein, dem sie gefallen will? Wen interessiert es draußen im weiten Land, dass sie die Schönste ist? Wo ist ihr Mann, der König, der sie bestätigen könnte, was sie dringend braucht – und welche Frau kennt das nicht, das Bedürfnis nach Bestätigung der eigenen Wirkung? Sie fragt also ihren Spiegel, der magisch, wie aus einer metaphysischen Welt, mehr weiß als ein Mensch. Diese Stiefmutter, die nicht mit sich als Person, sondern mit ihrem äußeren Bild identifiziert ist, glaubt dem Spiegel. Für sie zählt nur dieses eine Kriterium, die eigene äußere Schönheit, innerlich ist sie leer. Sie muss die Nummer eins sein, sonst reicht es nicht, sonst hat es keinen Wert. Sie erträgt keine Konkurrenz, ihr Größenselbst, ihr aufgeblähtes Ich dehnt sich über das ganze Königreich aus. Sie ist nicht bereit, sich zu begrenzen und andere Frauen neben sich bestehen zu lassen.
Andere könnten sie interessant, sympathisch, warmherzig, großzügig oder liebenswert finden, aber das kann sie sich nicht vorstellen.
Einerseits kennen wir das, die einzige sein zu wollen, besonders, wenn wir verliebt sind. Andererseits ist die Grausamkeit der Stiefmutter kaum nachvollziehbar, sie isst sogar Lunge und Leber der Stieftochter (ohne zu wissen, dass sie in Wirklichkeit die einer Hirschkuh isst), als könnte sie nur so sicher sein, Schneewittchen als Konkurrentin restlos zu zerstören und sich gleichzeitig etwas von ihr innerlich zu eigen zu machen als Ausdruck pervertierter Liebe und damit ihr Gegenteil. Hassen kann sie, lieben nicht.

Schönheit ist unantastbar. Sie beschwört den Konflikt zwischen Mutter und Tochter herauf, die eine als weibliches Wesen aufblühend, die andere verblassend und frustriert durch den Mangel an Bestätigung als Frau. Das Märchen (die Brüder Grimm) spaltet die Mutterfigur in eine verstorbene gute und eine verfolgende böse Stiefmutter und lässt den bei mancher Mutter mitunter aufkommenden gutartigen Neid in Hass und Todeswünsche ausarten.
Und damit es auch abstoßend genug ist, wird als Beweis des Mordes Lunge und Leber verlangt. Der beauftragte Jäger hat Mitleid, lässt Schneewittchen leben, es irrt durch den Wald, findet ein Zwergenhäuschen, isst, trinkt und legt sich schlafen.

Schönheit stimmt die Zwerge nachsichtig, wer schön ist, genießt Vorteile, und Schneewittchen darf bleiben. In der Welt der Zwerge, in ihrem neuen Zuhause, ist sie sicher und geborgen. Die Zwerge, kleine asexuelle Männer, können ihr nicht gefährlich werden. Schneewittchen bleibt gerne, es sucht sich das passende siebte Bett aus und hat einen guten Deal mit den sieben Zwergen, es hält gegen Kost und Logis das Häuschen in Ordnung. Sie scheint zufrieden zu sein und kann in Ruhe erwachsen werden.

Schneewittchen ist vertrauensvoll – oder sollen wir es naiv nennen? Im weiteren Verlauf des Märchens auch gegenüber der Krämerin, in der maskiert die böse Stiefmutter steckt. Dreimal verliert sie dadurch ihr Bewusstsein, nachdem sie von dieser einen Schnürriemen, einen Kamm und einen Apfel  angenommen hat, sie fällt dreimal in einen tiefen Schlaf und ist so gut wie tot. Zweimal können die Zwerge sie wiederbeleben. Doch noch ein drittes Mal fällt sie auf die Stiefmutter rein und lässt sich verführen, ein gesundes Misstrauen konnte sie bisher nicht entwickeln, sie ist noch zu jung, sie kennt selbst keinen Neid und rechnet so auch nicht bei anderen damit, es ist außerdem noch immer alles gut gegangen…

Schönheit will gezeigt werden. Schneewittchen ist nun mal eine Frau! Und damit anfällig für die Angebote, sich mit einem Gürtel und einem Kamm zu schmücken. Die Zwerge warnen Schneewittchen zwar vor der bösen Stiefmutter, aber sie kann nicht auf sich aufpassen und fällt auf die Maskerade rein, sie ist nun mal verführbar – und das weiß die Stiefmutter.
Es ist der Apfel, der die Mordabsichten der Stiefmutter anscheinend zum Erfolg führt, und der symbolisch für Begierde steht seit Adam und Eva. Da kann ein Zwerg, nicht Mann und nicht Kind, nicht mehr helfen. Nach diesem dritten (eigentlich vierten) Mordversuch durchlebt Schneewittchen ein Moratorium, einen todesähnlichen Zustand, in dem verborgen im Inneren, abgeschieden von der Welt, eine innere Entwicklung stattfinden kann.
Ein Königssohn muss kommen! Und er verliebt sich in sie. Schneewittchen muss erst weggetragen werden, um dann durch einen Stoß, ein Rumpeln, wieder lebendig zu werden.
Ein Glassarg wird für sie gebaut, der König, die Zwerge und sogar die Tiere im Wald wollen ihre Schönheit weiterhin betrachten und genießen. Man spürt die Hoffnung der Trauernden, dass Schneewittchen nicht verloren sein möge. Was könnte sie wieder lebendig machen? Eigentlich logisch: sie muss den vergifteten Teil des Apfels der bösen Stiefmutter ausspucken und sich damit von dem befreien, was sie zuvor aufgrund von Verführung, Naivität und eigener Begierde wider besseres Wissen runtergeschluckt hat. Und die böse Stiefmutter? Sie mag es nicht glauben, dass Schneewittchen lebt, sie kommt auf die Hochzeit, sie ist neugierig und rechnet nicht mit einer Strafe, sie als Königin. Sie muss sich jedoch auf glühenden Kohlen zu Tode tanzen – ist das nicht gerecht?

Luisa, das Übergewicht und die Selbstliebe

Venus

„Immer wenn ich mich freue, denke ich gleichzeitig: vergiss‘ nicht, dass du fett bist!“
Ich reagiere betroffen.

Luisa hat gerade einen Erfolg gefeiert, ein Bild von ihr wurde für eine Ausstellung angenommen. Ich möchte, dass sie sich darüber rückhaltlos freuen kann!
Auf mein Nachfragen hin kann sie ihr schlechtes Gefühl zu sich selbst im Körper verorten: „Das sitzt im Bauch“, sagt sie, „der fühlt sich an, wie ein Sack voll Unrat. – Ich will den weghaben!“ Auch wenn mein Bauch mir manchmal zu dick vorkommt, erschrecke ich doch über die Vorstellung von Luisa.

Ich kenne Luisa schon länger. Dass sie so über sich denkt und spricht, hat Ursachen in ihrer Familiengeschichte, und ich kann gut verstehen, dass sie sich schwer annehmen kann. Vom Vater ungewollt, aufgewachsen mit einer psychisch labilen Mutter und wissend von Halbgeschwistern, die sie nicht kennenlernen durfte. Es dauert lange, sich da rauszukämpfen.
Aber wie kann ich ihr wirksam helfen? Manchmal wünsche ich mir eine „Selbstakzeptanzpille“, die ich meinen Patient*innen verschreiben kann. Scheinbar muss der Weg zur Selbstliebe aber lang, steinig, sumpfig, neblig und voller Hindernisse sein.

Ich biete ihr an, das negative Gefühl im Bauch mit dem Erfolgsgefühl in der Brustmitte zu verbinden. „Ich habe mir schon gedacht, dass ich das Gefühl, dass ich Scheiße bin, akzeptieren muss“. Naja, einfach mal wahrnehmen, da sein lassen, es erkunden, welche Farbe hat es und welche Überzeugung hängt damit zusammen?
Dann wenden wir uns dem guten Gefühl zu und verbinden es ebenso assoziativ mit einem Bild, Tönen und Worten. Das fühlt sich gut für Luisa an, hell und stark, und sie verweilt etwas länger an diesem Körperort. Sie würde sich am liebsten immer so fühlen…

Dann kommt jedoch das Entscheidende, wie ich es von Peter Levine gelernt habe, sie Methode heißt „Somatic Experience“, und dabei geht es um das Pendeln zwischen traumatisch-negativen und gegenteilig-positiven körperlichen Gefühlszuständen.
Luisa merkt nach einer Weile, nachdem sie zwischen „Ich bin Scheiße“ und „Ich kann Erfolg haben“ und zwischen Bauch und Brustmitte gependelt ist, dass sie sich leichter fühlt, und es überzeugender wird, dass sie Erfolg haben kann. „Eigentlich ist es klar“, meint sie, „ich sehe ja, dass ich Erfolg habe, andere erkennen an, was ich mache mit meiner Kunst, aber gleichzeitig bin ich manchmal Scheiße oder fühle mich so.“

In der nächsten Stunde ging es dann um die Depressionen ihrer Mutter und die Wirkung, die sie auf sie als Kind gehabt hatten. „Ich hatte manchmal das Gefühl, nicht da sein zu sollen, und gleichzeitig liebe ich meine Mama und sie mich“.
Innere Widersprüche und negative Überzeugungen kenne ich auch. Manchmal scheinen sie unlösbar, und dann braucht es so etwas wie eine Anleitung, um sie lösen zu können. Und manchmal reicht es, sich zu trauen, sie anzunehmen und sich ihnen zuzuwenden, am besten mit einer Freundin oder einem Freund, um wieder den inneren Frieden zu spüren – eine Weile wenigstens – und dass man liebenswert ist.

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