Wie viel vom Leben ist Überleben?

Das Kind langweilte sich auf dem Spielplatz. Es wartete auf die große Schwester, die versprochen hatte, gleich nachzukommen. Aber sie kam nicht. Auch sonst war niemand in der Nähe zum Spielen. Menschen, die auf dem Bürgersteig und dem Platz vorbeigingen, beachteten es nicht.

Ein Mann näherte sich. Er strahlte etwas Sanftes aus und hatte tiefblaue Augen. Er sprach freundlich mit dem Kind und lud es zu einem Spaziergang ein. Seine Hand war warm und hielt das Kind drucklos fest.
Sie sprachen wenig. Das Kind hatte Vertrauen zu dem Mann, er wirkte jungenhaft, war schlank und freundlich. Sein Blick schien das Kind im Inneren zu berühren. Es war nicht mehr allein.

Der Spaziergang führte weit weg vom Spielplatz, und nach einer Weile sah das Kind das Siedlungshaus, in dem es wohnte, aus der Ferne und dachte: so viel Liebe spüre ich bei meinen Eltern nicht. Nicht so, wie an der Hand dieses Mannes.


Später im Wald nahm der Mann das Kind auf den Schoß. Als seine Hand sich auf seinen Oberschenkel legte und anfing, sich zu bewegen, durchfuhr das Kind ein heißer Schreck. Es sprang auf und rannte weg, Panik hatte es ergriffen. Es stand nach wenigen Metern vor einem hohen Zaun, und der Mann, der verhangen lächelte, kam mit langsamen Schritten hinterher, so als wäre er sicher, dass das Kind ihm nicht entkam.

In seiner Not hatte das Kind ungewohnte Kräfte und die Behändigkeit, den Zaun zu überwinden. Der Mann versuchte es nicht einmal. Das Kind rannte, so schnell es konnte, über eine große Wiese. In weiter Ferne sah es eine Frau mit einem Hund. Außer Atem konnte es dieser vermitteln, dass es in Gefahr war.  
Die Frau fuhr das verängstigte Kind, das kaum sprechen konnte, nach Hause. Das Kind war 9 Jahre alt und kannte seine Adresse.

Zuhause rätselten die Eltern, was zu tun sei. Man rief die Polizei an. Die Eltern fuhren mit dem Kind zum Polizeipräsidium, dort musste es lange, sehr lange Fotos anschauen von Männern, die „auch so waren“. Das Kind war müde und deutete auf einen Mann, der könne es gewesen sein. Ob es sicher sei? Nein. Dann fuhr man nach Hause.
Es gab Abendessen. „Du hättest eigentlich nicht in das Auto zu der fremden Frau einsteigen dürfen, die dich nach Hause gebracht hat“, sagte der Vater zum Kind. Das verstand das Kind nicht. Was hätte es tun sollen?

Später sagte der Vater dem Kind Gute Nacht. „Du solltest deine Spardose zur Sparkasse tragen und das Geld spenden, weil der liebe Gott dich gerettet hat“, sagt er zum Kind. Das Kind verstand das nicht und wollte seine Spargroschen nicht hergeben.

Was zählt, ist, dass ich überlebt habe, dachte sie immer wieder mal in den Jahren danach. Wie soll man so etwas verarbeiten? Was heißt „verarbeiten“? Was hatte das für seelische Spuren hinterlassen? Sie fand keine Antworten.
Als erwachsene Frau saß sie vor einer Therapeutin, die ihr zu der Frage, ob sie in der Ehe bleiben solle oder nicht, eine Phantasiereise anbot.
Im Kopf der Frau entspann sich nun eine Art von Märchen:
Sie war ein Mädchen, das in ein unbewohntes Haus kam. Sie suchte nach etwas. Eine Katze schien ihr helfen zu wollen und führte sie zu einem großen, aufgeschlagenen Buch auf einem kleinen Tisch. Das Mädchen schaute in das Buch und las: „Ich werde dich töten, aber noch nicht jetzt“.

Wieder zurück im Wachzustand wusste die Frau sofort, dass es sich um die Entführung als Kind handelte. Sie war tatsächlich dem Tod entronnen. Für einen Moment empfand sie Angst. Vielleicht eher Schrecken. Wie hatte es sich wie Liebe anfühlen und so bedrohlich sein können? Die Liebessehnsucht des Mannes konnte sie immer noch spüren. Sie hatte zu viel vertraut, und danach immer wieder.

Sie hatte überlebt.
Später hat sie sich oft gefragt, wie viel von ihrem Leben Überleben war und wie viel Leben. Und ob sie das überhaupt merken konnte.

Hänsel, Gretel und die weiße Ente

Was mich am Märchen von Hänsel und Gretel besonders fasziniert: Das Ende des Märchens ist nicht das Verbrennen der Hexe, die Heimkehr zum Vater und das war‘s. Da kommt noch etwas dazwischen: es muss noch ein „großes Wasser“ überquert werden. Wie kommen die Kinder hinüber und nach Hause? Nicht aus eigener Kraft. Sondern auf dem Rücken einer weißen Ente, die zuerst Hänsel und dann Gretel sicher ans andere Ufer bringt.

Bis zu dieser Stelle kann man sich die Geschichte, die bildhaft erzählt wird, mit den im Mondschein glänzenden Kieseln auf dem Waldweg, den Fenstern aus Zucker im Brot- und Kuchenhaus und dem dürren Finger, den Hänsel aus seinem Käfig herausstrecken muss, lebhaft vorstellen, aber dann passt das Bild nicht, es ist nicht vorstellbar, ein Kind auf dem Rücken einer Ente?

Dennoch, das Gefühl stimmt, und deshalb nehmen wir die Erzählung hin. Wer nach überstandenen Gefahren nach Hause zurückkehrt, den Schatz dieser Erfahrungen, die Edelsteine, in der Tasche, der muss sich noch tragen lassen, bis er zu Hause – bei sich – ankommt.
Die Kinder haben sich befreit, und die gefährliche Welt ist durch eine Wasserscheide von der zukünftigen getrennt (der Hinweg war anscheinend ein anderer).

In vielen Interpretationen des Märchens heißt es sinngemäß: „Die Kinder sind selbständig und erwachsen geworden durch das Meistern von Gefahren“. Aber halt, was stimmt da nicht?

Hänsels Plan, mit Brotkrumen den Rückweg zu sichern, erweist sich nicht als funktional. Und er ermutigt Gretel, vom Lebkuchenhaus zu essen, weist ihr an, gleich das Zuckerfenster zu verspeisen, ohne Rücksicht auf die Besitzerin und der möglichen Gefahr. Aber gut, sie hatten ja schrecklichen Hunger, und es sind Kinder.
Aber er selbst kann sich später aus der Gefangenschaft der Hexe nicht befreien. Gretel handelt und treibt die Handlung bis zur Lösung voran. Das ist typisch: In den Grimm’schen Märchen sind Frauen und Mädchen die Hauptpersonen einer inneren Entwicklungsgeschichte. Es ist die weibliche, die Gefühlseite in uns, die sich entwickeln und reifen muss.

Im Märchen kann sich Hänsel nicht ohne die List und Tatkraft von Gretel aus den Fängen einer (emotional) hungrigen Mutter (Hexe) befreien. Die Hexe ist schlau, sie sperrt ihn und nicht Gretel ein, sie will ihn essen, weil sie Gretel gebrauchen kann, zum Putzen und Kochen. Gretel nimmt ihren Mut zusammen und macht die Hexe (deren emotionalen Hunger) unschädlich, eine gerechte Tat der Befreiung, bravo.

Und dann die weiße Ente auf dem Rückweg, die selbstverständlich hilft und die Kinder einen nach dem anderen über das Wasser trägt. Ein schönes, fühlbares, natürliches Sinnbild für das Tragende im Leben. Sie ist da, wenn sie gebraucht wird, wie eine gute Mutter. Die beiden bösen, egoistischen Mütter sind tot, die Hexe und die Stiefmutter.
Es fühlt sich nun so richtig gut an, wir fühlen die Heimkehr der Kinder und ihr Glück herzerwärmt mit. Das wäre ohne die weiße Ente, die sie über ein großes Wasser trägt, nur eine gelungene, selbst errungene Heimkehr gewesen. So aber lassen die Kinder alles Ungemach unwiderruflich hinter sich. Ihr Vertrauen, sich tragen zu lassen, nimmt uns mit wie etwas Magisches, und ich verstehe: ohne Vertrauen auf etwas Tragendes im Leben wäre alles nur ungenügend, mitunter gefährlich und auf sich allein gestellt auch anstrengend.

Das Märchen von Rapunzel

Die Mutter von Rapunzel ist süchtig, und zwar nach Rapunzeln, und sie will sie haben, aus dem Garten der Nachbarin, viel davon, egal, was es sie kostet. So beginnt das Märchen von Rapunzel. Der männliche Anteil dieser Mutter ist noch schwach, kann nicht verzichten und nicht Nein sagen, repräsentiert im Märchen durch den Ehemann.

Eine andere Mutter, die böse, eine Hexe, die im Nachbarhaus wohnt, verlangt das Kind als Gegenleistung für das, was die Mutter von Rapunzel sich heimlich genommen hat, eben Rapunzeln, ein Kraut. Sie verliert den Zugang zu ihrem Kind. Und damit zu ihrem Anteil, der fühlt, der lebendig ist und sich auf natürliche Weise entwickelt. Für ihre Sucht und ihre Heimlichkeit muss sie den höchst schmerzhaften Preis zahlen.  

Mit der Pubertät von Rapunzel tritt über sie die absolute Kontrolle durch die Hexenmutter ein. Diese will verhindern, dass sie verlassen wird. Was sie einmal hat, will sie nicht lassen.
Rapunzel wird in einen Turm eingesperrt, und so wird sie erwachsen, ohne selbständig werden zu können, ohne ihr eigenes Leben zu gestalten. Mit ihrem langen Haar gewährt sie der Ziehmutter notgedrungen Zutritt in ihr Turmzimmer und wird von ihr versorgt. Wenn sie die langen, festen Haare abschneiden würde, symbolisch „den alten Zopf“, das Alte, Traditionelle, Sichere, wäre sie unversorgt und müsste sterben. Ohne diese Mutter kann sie nicht leben, sie bleibt abhängig.

Nun kommt der Königssohn als Retter auf den Plan, und sie verlieben sich. Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten, Rapunzel ist eine Frau. Die geplante Flucht kommt auf, wird von der zornigen Hexenmutter vereitelt, der Königssohn stürzt vom Turm hinunter und erblindet. Die heimliche Flucht hat als Ausweg nicht funktioniert.
Rapunzel wird von ihrer grausamen Mutter „in die Wüste geschickt“. Mit Verständnis oder Nachsicht ist nicht zu rechnen bei der vereinnahmenden, falschen Mutter. Wie finden die beiden Liebenden, Rapunzel und der Königssohn zueinander? Wie wird alles wieder gut? Was ist der Ausweg?

Rapunzel hat weder gelernt, ihr Leben zu gestalten, noch hat sie in der Wüste ein passendes Umfeld dazu, aber sie singt, und zwar sehr schön, der Gefühlsausdruck und die Sehnsucht lassen sie überleben.
Der Königssohn, ihr männliches Gegenstück, sucht sie trotz Blindheit, sie gehören zusammen. Und über den Gesang von Rapunzel findet er sie. Welch ein Glück, Rapunzel weint, und durch die Tränen von ihr wird er wieder sehend.
Singen und Weinen als Erlösung, als Ausdruck von echtem Gefühl, als Überlebenshilfe, als Ausdruck von innerer Lebendigkeit, von Menschlichkeit und Befreiung von Kontrolle, Trauma und Einsamkeit. Wie wunderbar!

Musste der Königssohn durch den Fall in die Dornen erblinden? Der blinde, umherirrende Königssohn war für mich als Kind eine Horrorvorstellung. Hätte er Rapunzel nicht sehend suchen und finden können? Nein. Die Gegenkräfte sind zu mächtig. Sucht, Kontrollzwang, Egoismus, Verhinderung von Entwicklung sind nicht durch eine geplante Suche überwindbar, weder für die Täter, noch für die Opfer. Der Weg zur Befreiung und Wiedervereinigung ist leidvoll und nicht absehbar. Der Königssohn lernt, den Weg zu finden, indem er hinhört. Er findet seine Liebste, seinen weiblichen Gegenpart durch ihre Stimme und durch Sehnsucht. Und Rapunzel weint dann, das Leid löst sich, die Gefühle sind wahrhaftig, ohne Worte. Und dadurch kann er wieder sehen und sich orientieren.  Ist das nicht schön.

Verfluchte Weihnachtsplätzchen

Eine ehemalige Nachbarin hatte mich gefragt, ob sie mir etwas vorbeibringen könne, und so kurz vor Weihnachten nahm ich an, es handle sich um eine kleine Aufmerksamkeit, vielleicht sogar ihre leckeren Plätzchen, und freute mich.
Als sie dann mit einer weihnachtlich verzierten Schale mit schön gestalteten Plätzchen vor der Tür stand, verzog sie zunächst keine Miene, überreichte sie mir wortlos und fing dann an zu wettern: Sie werde niemals mehr zu Weihnachten backen! Das sei das letzte Mal! Damit sei jetzt Schluss! Sie hasse backen! Sie habe tagelang in der Küche gestanden, und dann werde es einfach aufgegessen, was so viel Mühe gemacht habe! Sie habe es verflucht, dies Weihnachtsbacken, damit sei jetzt ein für alle Mal Schluss!

Ich stand wie vom Donner gerührt da von diesem Schwall von Hass, sie hatte die Plätzchen bzw. das Backen verflucht? Ich war wie vom Blitz getroffen, und brachte gerade noch ein „Frohe Weihnachten“ heraus, bevor sie sich schnell umdrehte und ging.
In mir kochte es, etwas Heftiges war von außen in mich eingedrungen, und ich nahm mir vor, meine Familie damit zu verschonen.
Allerdings merkte man mir an meiner aggressiv getönten Ausstrahlung an, dass etwas geschehen war.
„Ich will nicht darüber reden,“ sagte ich kurz und lenkte mich mit Arbeit in der Küche ab.
Ich war wütend. Was sollte das, fragte ich mich, die freundliche Geste einerseits und die Hasstirade andererseits? Wie konnte sie mir das zumuten! Ich wollte diese Plätzchen auf keinen Fall essen! Ich wollte sie weghaben, als könnte ich mich damit auch von dem Hass befreien.
Auf Nachfragen meiner Familie musste ich später doch Farbe bekennen und erzählte, wie die Übergabe der Plätzchen verlaufen war.
„Ich werde sie verschenken! Essen werde ich sie nicht!“ sagte ich entschlossen und immer noch wütend. Damit war meine Familie nicht einverstanden. Das gehöre sich nicht, das könne ich nicht machen. Hm. Ok. Was dann? Ich fühlte mich ausgebremst und ratlos. Zum Wegwerfen waren sie zu schade, das kam nicht infrage. Wie wurde ich meine Wut los?
Ich lenkte mich erst einmal weiter ab, kochte Tee und telefonierte mit Freunden. Dabei ließ das Gefühl von Überflutung und innerer Abwehr langsam weiter nach.
Wie kam ich innerlich zur Ruhe und wieder in Frieden mit mir und der alten Nachbarin?
Nach einer Weile fiel mir ein, dass die Nachbarin länger krank gewesen war und unter Luftnot litt. Sie hatte kein gutes Jahr gehabt. Hm. Ok. Ich war mit meinen Gedanken bei ihr und sie tat mir nun auch ein bisschen leid.
Langsam erwärmte sich mein Herz wieder ein wenig.
Ich konnte langsam nachvollziehen, dass dieser Schwall von Aggression aus ihr herausgebrochen war. Sie hatte sich mit dem Backen überfordert, weil sie die Erwartung der Nachbarn nicht enttäuschen wollte, die ihre besonders guten Plätzchen seit Jahren schätzten. Sie hatte einfach nicht Nein sagen können.Das kannte ich. Von mir. Gut sogar. In mir war nun etwas weich wie ein Marshmallow.


Es war plötzlich leicht für mich zu erkennen, dass ich mich auch manchmal überforderte.
Bevor ich Nein sage, nehme ich immer wieder mal aus Gutmütigkeit etwas auf mich, möchte  anderen einen Gefallen tun – und ärgere ich mich hinterher, wenn es mir zu viel war. Ich verstand sie jetzt, und es gab dadurch wieder einen Horizont von Freundlichkeit mit ihr.
Dennoch, die Aggression der Nachbarin war schwer auszuhalten und eine heftige Zumutung gewesen, und ich spürte noch, wie sie mich getroffen hatte. Aber es beschäftigte mich jetzt weniger.
 


Der Froschkönig und der eiserne Heinrich

„In den alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat“, so beginnt das Märchen vom Froschkönig und dem eisernen Heinrich. Darin verspricht die Königstochter einem Frosch auf sein Begehren, er dürfe an ihrem Tisch sitzen und in ihrem Bett schlafen, wenn er nur ihre goldene Kugel wieder heraufhole, die ihr in den Brunnen gefallen war. Danach schnell nach Hause zu laufen, half ihr nicht, denn am nächsten Tag erschien der Frosch, und trotz Widerwillen der Prinzessin dufte der Frosch mit am Tisch sitzen, denn der König bestand darauf, dass das Versprechen eingelöst wurde. Auch als der Frosch verlangte, dass sie ihn in ihr Schlafzimmer trage, musste sie es auf Geheiß ihres Vaters tun, und sie setzte ihn widerwillig in eine Ecke. Als er aber mit in ihr Bett wollte, warf sie ihn voller Abscheu an die Wand. Als er herabfiel, war es ein schöner Prinz, und er wurde sogleich ihr Gemahl. Auf dem Weg in sein Schloss, in einer Kutsche mit weißen Pferden, auf der hinten Heinrich, der Diener des Prinzen stand, krachte es dreimal laut, und jedes Mal beruhigte Heinrich den Prinzen:  „Das ist ein eiserner Ring, der um mein Herz lag, als Ihr verzaubert wart“. Sie fuhren weiter in sein Reich und wurden König und Königin.  

Auf der Suche nach Interpretationen finde ich bei Wikipedia erstaunliche Sichtweisen:
„So wie erste Erotik nicht lustvoll sein kann, muss auch ein Kind aus mütterlicher Abhängigkeit geworfen werden – …“ (nach Bruno Bettelheim).
„Der Frosch entpuppt sich als Prinz, dem das Mädchen erliegt und damit zur erwachsenen Frau wird.“
Vgl. Kurt Ranke, Rolf Wilhelm Brednich, Hermann Bausinger u. a. (Hg.): Enzyklopädie des Märchens : Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Band 11, Walter de Gruyter, Berlin 2004, S. 486.

Wo nimmt der Autor dieser Zeilen diese Behauptungen her? Weder nehme ich Erotik (außer am Anfang, als die Prinzessin allein im Wald mit ihrer goldenen Kugel spielt) noch eine Mutter noch ein Erliegen der Prinzessin in dem Märchen wahr, sondern einen Vater, der  patriarchalische Strukturen vertritt, sich mit dem garstigen Frosch ohne Rücksicht auf die Gefühle seiner Tochter verbündet. Er rechtfertigt dessen unangemessenes Begehren, obwohl die Prinzessin ihm aus der Not heraus etwas zugesagt hatte. Der Vater beschützt sie nicht und liefert sie einer unannehmbaren Situation aus. Mit einem Frosch sein Bett teilen? Wie eklig!


Die Prinzessin befreit sich, so in die Enge getrieben, vom Gehorsam gegenüber dem Vater, sie gehorcht stattdessen ihren Gefühlen. Sie widersetzt sich den unangemessenen Forderung des Froschs, der als Symbol für unreife männliche Triebhaftigkeit gedeutet werden kann, mit einem aggressiven Impuls – und befreit auch ihn damit. Sie befreit sich selbst vom weiblichen Muster der Anpassung und Unterordnung, sie wird wütend und handelt. Die Erlösung geschieht durch Entschlossenheit und Aggression, nicht durch Hingabe oder einen Zauber. Der Frosch verwandelt sich dadurch, er wird menschlich und ermöglicht Beziehung.
Bisher hat noch jeder, den ich gefragt habe, wie das Märchen vom Froschkönig endet, geantwortet, die Prinzessin werfe den Frosch an die Wand und der werde zum Prinzen. Aber dann muss dieser noch innerlich befreit werden, symbolisiert durch die Figur des Dieners Heinrich, der hinten auf dem Wagen steht, der erst durch das Sprengen der Ketten um sein Herz wieder menschlich fühlen und lieben kann.

Foto: Selmaier

Die Bären und die Wut

Jana hatte einen schweren Verlust erlitten, als sie Hilfe sucht.
Heute wirkt sie unruhig und nervös, ich sehe es an ihren Fußzehen, die schnell auf und ab wippen. Sie beschreibt ihre Unruhe als Gefühl, aus etwas rauszuwollen.
Sie denke ständig an ihren verstorbenen Ehemann und wünsche sich mal wieder eigene Erinnerungen, die mit ihm nichts zu tun hätten.
Sie fühle sich wie in einem Käfig. Sie müsse an die Bären im Zoo denken, die hin- und herlaufen und dabei immer dieselben Pfade nehmen, weil es keinen Ausweg gibt. Ich halte inne. Wir stehen beide auf dem Schlauch.
Dann nimmt sie meinen Vorschlag an, sich zwei Bücher vorzustellen, eines, das sie links von sich plaziert, in dem sich die gemeinsamen Erinnerungen mit dem verstorbenen Ehemann befinden, und ein zweites, neues, das noch keinen Titel hat.

Das neue Buch sei rot. Sie habe Angst, es aufzumachen. Es entsteht eine lange Pause.
Es könnte wehtun, fährt sie nach einer Weile fort. Es könnte eine Reise drinstehen, in ein fernes Land, das hätte sie sich in den letzten Jahren gewünscht, aber ihr Mann sei nicht motiviert gewesen. Er hatte bereits viele Reisen gemacht und wollte seine Ruhe haben.
Jetzt merkt Jana, dass Wut in ihr aufsteigt. Er hätte es ihr zuliebe tun können. Ich gebe ihr recht und freue mich über ihre Wut, endlich ein Impuls der Befreiung.
Mir fällt auf, dass ihre Füße zur Ruhe gekommen sind.
„Das könnte der Weg raus sein für die Bären,“ werfe ich ein, „die machen so lange Rabatz, bis man sie auswildert, die haben genug vom eingesperrt sein, und der Zoodirektor muss schließlich nachgeben.“


„Die kommen nicht mehr zurecht in der Wildnis“, wendet Jana ein und schüttelt den Kopf.
„Dafür gibt es Fachleute“, sage ich, und wir müssen beide grinsen, „die wissen, wie man domestizierte Bären auswildert.“ „Achso, ja dann…“
Jana lacht, während sie rausgeht, „Sie mit Ihren Gute-Nacht-Geschichten!“

Anleitung zum inneren Unfrieden 2

Achte auch auf folgende Mechanismen, die deinem inneren Frieden zuwiderlaufen:

4. Verallgemeinere alles, was schief läuft: wenn etwas nicht gleich funktioniert, du etwas nicht schaffst oder wenn dir ein Fehler unterläuft. Wenn du im Job einen Fehler machst, du genervt reagierst oder nicht gleich die richtige Antwort parat hast, stelle am besten gleich deine Eignung für den Beruf infrage. Wenn dir ein Essen nicht gelingt, sei davon überzeugt, dass andere Hausfrauen und -männer das selbstverständlich super hinbekommen hätten. Wenn ein technisches Gerät streikt, gehe davon aus, dass du eine falsche Kaufentscheidung getroffen hast oder zu dumm bist, um es richtig zu bedienen. Wenn am Morgen etwas schiefgeht oder du die S-Bahn verpasst, ist der Tag im Eimer, ist doch klar.

5. Vermeide Auszeiten, Pausen und Zeit für Dinge, die dir Spaß machen. Es muss immer alles sofort erledigt werden, und an sich selbst zu denken, ist egoistisch! Vor allem, wenn du einen Mann oder Kinder hast. Die gehen natürlich immer vor. Erst wenn es nichts mehr zu tun gibt, darfst du dich eventuell ausruhen.

6. Falle niemandem zur Last. Am besten schaffst du alles alleine und nimmst anderen noch die Arbeit ab. Wenn dir etwas zu viel ist, liegt es an dir, andere schaffen alles mit links. Belaste andere bloß nicht, die haben selbst genug zu tun. Am besten brauchst du keine Hilfe.

Übrigens: Punkt 1, 5 und 6 führen zur Selbstüberforderung und zum Burn-out, die Punkte 2, 3 und 4 können depressive Stimmungen auslösen.
Besser ist es, zu sich selbst so wohlwollend, nachsichtig, fürsorglich und freundlich zu sein, wie du es zu anderen bist. Und wenn du gereizt bist, senke die Ansprüche, finde die Auslöser, tu dir Gutes. Und sprich mit anderen, wie realistisch sie deine Reaktionen einschätzen.

Anleitung zum inneren Unfrieden 1

Wie schaffst du es, inneren Unfrieden zu schaffen und aufrecht zu erhalten?

  1. Stelle an dich stets zu hohe Ansprüche! Wenn du nicht gerne Sport machst, nimm dir vor, täglich mindestens 1 Stunde zu joggen, Rad zu fahren oder melde dich am besten im Fitness-Studio an. Das hält mindestens das Fitness-Studio am Leben und du hast wieder einmal versagt, wie du es bereits vermutet hast und zu viel Geld ausgegeben, umsonst. Wie immer.
  2. Kommentiere das, was du tust, stets negativ! Wenn du dich ausruhst, werfe dir vor, dass du nichts Sinnvolles oder Nützliches tust, und wenn du arbeitest, wirf dir vor, dass du dich nicht entspannst und alles viel gelassener siehst.
  3. Wenn du dir etwas gönnst, habe unbedingt ein schlechtes Gewissen! Egal, was es ist, eine Reise unternehmen, die eigentlich zu teuer ist, eine Serie schauen, die kein Niveau hat, auf der Speisekarte etwas aussuchen, das nicht billig ist oder dir eine neues Outfit gönnen!

Das sind nur ein paar Hinweise, wie du dir das Leben schwer machst, auch wenn du das
nicht willst. Dich selbst überfordern, negativ kommentieren und dir nicht viel gönnen sind Automatismen, die unbewusst ablaufen.