Einsamkeit. Was wissen wir darüber?

Es gibt sie bereits, die Minister of Loneliness, die Einsamkeitsminister, und zwar in England und in Japan. Bei uns wird über Einsamkeit abstrakt gesprochen, in Büchern und Statistiken, aber von meinen Patient*innen höre ich Sätze wie „ich war am Wochenende wieder allein, und es ging mir schlecht“. Kein Wunder, als Single auf dem Land. Man passt dann nicht in sein Umfeld, der Kontaktmangel quält einen und macht hilflos. Wer einsam ist, benennt es nicht.
Nach meiner Erfahrung  – es war für mich ein Neubeginn an einem fremden Ort – entsteht eine Negativspirale: ich hatte wenig Kontakt und fühlte mich einsam, je einsamer ich mich fühlte, umso weniger konnte ich auf andere zugehen. Es war wie verhext, das Gefühl von einem inneren Loch wurde größer, das konnte sowieso niemand füllen. Alleinsein ist generell ein Gefühl, das tief gehen kann. Es triggert eine „nie ganz erlöschende Kinderangst“ (Sigmund Freud).

Wenn jemand sich als einsam beschreiben würde, wäre er stigmatisiert, umgeben von einer Aura von Versagen und dem Verdacht einer undefinierbaren psychischen Störung ausgesetzt, womöglich bekäme man es mit einer überbordenden Bedürftigkeit zu tun.
Als ich vor vielen Jahren neu hergezogen war und bei Gelegenheit kundtat, dass ich neue Freunde suchte, wirkte das auf andere so, als hätte ich eine ansteckende Krankheit. Direkt darf man dieses Thema also nicht angehen.

Was hat die Wissenschaft bisher über Einsamkeit herausgefunden?
„Einsamkeit ist ein vernachlässigtes Problem“ titelt Frank Padberg von der LMU München. Am meisten leiden Personen um die 20 und um die 80 Jahre unter Einsamkeit. Und wer dieses widrige Gefühl länger aushalten muss, hat ein größeres Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten und Depressionen. Und umgekehrt, wer daran erkrankt, fühlt sich eher einsam.

Wovon hängt es ab, ob jemand sich einsam fühlt? Padberg und sein Team haben herausgefunden:  Jemand fühlt sich einsam, wenn er sich von anderen Menschen leichter bedroht fühlt und entsprechende Signale verstärkt wahrnimmt. Oder wenn er meint, er sei selbst schuld und etwas sei mit ihm nicht in Ordnung. Und wenn er glaubt, er könne seinen Zustand nicht beeinflussen oder ändern. Häufig liegt es an einem Mangel an Bindung oder Übung in der Kindheit.

Die Politikerin Diana Kinnert spricht in ihrem Buch „Die neue Einsamkeit“ für die jüngere Generation, wenn sie feststellt: wir sind alle gut vernetzt, aber die wirkliche Verbindlichkeit fehlt. Das durchzieht nach meiner Erfahrung die ganze Gesellschaft: der Mangel an Verbindlichkeit.

Und wie geht es denen, die in einer Partnerschaft leben? 13 % der Frauen und 15 % der Männer in Paarbeziehungen bezeichnen sich als einsam. Spielt Corona eine Rolle? Mit Home-Office, Kinder beaufsichtigen, Angst vor Jobverlust… Nein. Es gibt eher deutliche Zusammenhänge mit Misshandlung in der Kindheit, auch dem Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Man kann emotional oder/und sozial isoliert sein, und jede*r reagiert unterschiedlich stark darauf.

Entscheidend ist das Gefühl der Einsamkeit und nicht die objektive Situation. Wer sich mit etwas, jemandem oder etwas Größerem verbunden fühlt, und wenn es ein Therapeut ist, kann dem Einsamkeitsgefühl entkommen, auch wenn er in seinem Umfeld allein ist. Aber das sollte sich natürlich durch eine Therapie ändern, wenigstens ein bisschen, und es muss passen, zu dem, was man sich wirklich wünscht.

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