Kristin und die Befreiung von einem vernichtenden Seelenanteil

time lapse photo of stars on night
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„Ich bin nirgends zu Hause“, fängt Kristin heute an und wirkt dabei niedergeschlagen. Sie falle immer wieder in schwarze Löcher, diesmal wohl auch deshalb, weil sie ihre Arbeit in der Zahnarztpraxis wegen Konflikten mit der Chefin gekündigt habe. Seitdem könne sie sich zu nichts mehr aufraffen, egal was sie sich vornehme. Es sei wie ein schwarzer Schatten, der ihre Vorhaben in einem trägen Rumwurschteln versanden lasse. Sie schaut mich ratlos an.

Ein ‚schwarzer Schatten‘, damit kann ich etwas anfangen.
Wo der denn sei, und wie sie ihn wahrnehme?
Kristin zeigt in Richtung Bauch. Sie zögert, hm, es sei eher ein schwarzer Strich.
Ich entscheide mich, mit einer Methode weiterzumachen, die sich in der Traumatherapie als Arbeit mit inneren negativen Anteilen (sogenannten „Introjekten“) bewährt hat.

Auf meine Frage, wo sie den schwarzen Strich besser aushalten könne, deutet sie auf eine etwa 5 m entfernte Stelle auf dem Boden. Dabei entspannt sie sich etwas. „Er kann auch auf einem anderen Planeten sein“, wende ich ein, „in der Welt der Vorstellung ist alles möglich“.
Für Kristin passt es so, sie „müsse ihn im Auge behalten“.
Jetzt wird es spannend, denn sie soll den Strich nun befragen.

Kristin fällt es leicht, eine Antwort zu erhalten, als sie den Strich fragt, wann er in ihr Leben kam. „Drei Monate“, sagt Kristin, „ich war drei Monate“, und sie umklammert gleichzeitig mit einer Hand ihren Hals, sie scheint leicht zuzudrücken, und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Ich weiß aus früheren Stunden, dass sie ein ungewolltes Kind, und ihre Mutter sehr jung und ledig war.

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 „Fragen Sie den Strich, was er erreichen will“, schlage ich nach einer Weile vor.
„Ich kann nur leben, wenn du nicht lebst“, sagt er. Wir verstehen das beide sofort, und es braucht keine Worte. „Das ist meine Mutter“, sagt Kristin schließlich tonlos.

Meine Erklärung, warum nach 40 Jahren dieses Bedrohungsgefühl so lebhaft wiedererlebt wird, und Kristin in einen depressiven Zustand versetzen kann, versuche ich kurz zu halten:
„Dieses Erleben ist im emotionalen Gedächtnis zeitlos gespeichert“, sage ich, „sagen Sie ihm, wie alt Sie jetzt sind, und dass sie, die Mutter, leben kann und Sie selbst auch.“
Das Gefühl von Kristin, dass ihre Mutter sie wohl manchmal weggewünscht hatte, ist nun deutlich spürbar, und es wirkt sehr nachvollziehbar.

Da man negative innere Anteile nicht einfach wegschicken oder zerstören, sondern nur umwandeln kann, frage ich Kristin, wie sie den schwarzen Strich verändern möchte. Als symbolische Gestalt ihrer Vernichtungsangst kann er nicht so bleiben.

Was sie ändern will, weiß Kristin sofort, und obwohl wir das beide nicht verstehen, ist klar: der Strich soll einen Knoten haben. Seine Aufgabe soll nun sein, sie auf ihre inneren Knoten aufmerksam zu machen, wenn sie dabei ist, sie zu übersehen und sie nicht zu beachten. Er könne ruhig schräg vor ihr mitlaufen, im selben Abstand wie bisher. Sie lacht. Ich sehe Kristin an, dass ihre Lebenskraft zurückgekehrt ist und fühle mich mit ihr froh und erleichtert.

Als nächstes wird es darum gehen herauszufinden, was der Trigger für ihren depressiven Zustand gewesen sein könnte. Kristin ist jetzt noch zu beeindruckt davon, dass das bedrohliche Gefühl bzw.  der schwarze Strich immer dagewesen ist und sie vermieden habe, das wahrzunehmen.
Es kann ihr nicht mehr gefährlich werden, denn der schwarze Strich hat jetzt eine Knoten. Das müssen wir nicht verstehen, es wirkt auch so.

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