Die Bären und die Wut

Jana hatte einen schweren Verlust erlitten, als sie Hilfe sucht.
Heute wirkt sie unruhig und nervös, ich sehe es an ihren Fußzehen, die schnell auf und ab wippen. Sie beschreibt ihre Unruhe als Gefühl, aus etwas rauszuwollen.
Sie denke ständig an ihren verstorbenen Ehemann und wünsche sich mal wieder eigene Erinnerungen, die mit ihm nichts zu tun hätten.
Sie fühle sich wie in einem Käfig. Sie müsse an die Bären im Zoo denken, die hin- und herlaufen und dabei immer dieselben Pfade nehmen, weil es keinen Ausweg gibt. Ich halte inne. Wir stehen beide auf dem Schlauch.
Dann nimmt sie meinen Vorschlag an, sich zwei Bücher vorzustellen, eines, das sie links von sich plaziert, in dem sich die gemeinsamen Erinnerungen mit dem verstorbenen Ehemann befinden, und ein zweites, neues, das noch keinen Titel hat.

Das neue Buch sei rot. Sie habe Angst, es aufzumachen. Es entsteht eine lange Pause.
Es könnte wehtun, fährt sie nach einer Weile fort. Es könnte eine Reise drinstehen, in ein fernes Land, das hätte sie sich in den letzten Jahren gewünscht, aber ihr Mann sei nicht motiviert gewesen. Er hatte bereits viele Reisen gemacht und wollte seine Ruhe haben.
Jetzt merkt Jana, dass Wut in ihr aufsteigt. Er hätte es ihr zuliebe tun können. Ich gebe ihr recht und freue mich über ihre Wut, endlich ein Impuls der Befreiung.
Mir fällt auf, dass ihre Füße zur Ruhe gekommen sind.
„Das könnte der Weg raus sein für die Bären,“ werfe ich ein, „die machen so lange Rabatz, bis man sie auswildert, die haben genug vom eingesperrt sein, und der Zoodirektor muss schließlich nachgeben.“


„Die kommen nicht mehr zurecht in der Wildnis“, wendet Jana ein und schüttelt den Kopf.
„Dafür gibt es Fachleute“, sage ich, und wir müssen beide grinsen, „die wissen, wie man domestizierte Bären auswildert.“ „Achso, ja dann…“
Jana lacht, während sie rausgeht, „Sie mit Ihren Gute-Nacht-Geschichten!“

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