Dornröschens Mutter

Die Königin hatte ein gutes Leben und viele Kompetenzen, sie war klug, schön, tugendhaft und konnte repräsentieren, ihre Präsenz war ein Highlight für andere.
Wir haben es erlebt bei Sissi und Lady Diana: diese permanente Unterordnung unter höfische Regeln und das repräsentieren müssen kann gefährlich sein, das ist auf Dauer nicht gesund, deren Magersucht erscheint wie ein Aufschrei des Körpers bzw. von Anteilen, die nicht am Leben teilhaben konnten. In einer solchen Position ist es wichtiger, perfekt zu funktionieren – Selbstbestimmung ist nicht möglich im engen Korsett der Regeln.

Im Märchen von Dornröschen wird dem Königspaar endlich das ersehnte Kind geboren, das von Anfang an ein Sonnenschein ist, man feiert seine Geburt mit einem prachtvollen Fest. Zwölf goldene Teller sind verfügbar, und 12 weise Frauen werden eingeladen, um das Kind mit allem zu beschenken, was die Eltern sich für ihr Kind wünschen. Die 13. weise Frau im Land muss draußenbleiben, der 13. goldene Teller ist nicht vorhanden, ein Wunsch bleibt offen, ein bestimmtes Geschenk hat keinen Platz.

Und diese Eine, die 13., ist wütend und  beleidigt, taucht beim Fest auf und verwünscht das Kind: Es soll sich mit 15 Jahren an einer Spindel stechen und tot hinfallen, was die 12. weise Frau, die noch nicht gesprochen hatte, in einen 100-jährigen Schlaf umwandelt. 
Zwölf Zahlen haben einen eigenen Nahmen, die 13 geht darüber hinaus und wiederholt die drei auf höherer Stufe, die 13 gilt als Unglückszahl, sie geht über die Ordnung hinaus und überschreitet den Rahmen, es sind 12 Jahre und 12 Apostel, die 12 symbolisiert Einheit und Vollendung.
Im indigenen archetypischen Konzept der 13 Clanmütter steht die 13. für die Manifestation der eigenen Schöpferkraft.

Die Königin-Mutter besitzt bereits die gewünschten Tugenden und Ressourcen, alles, was man sich wünschen kann, Reichtum, Schönheit, Glück, Liebe und Klugheit – aber darüber hinauszugehen, ein selbstbestimmtes, innerlich unabhängiges Leben zu führen, eigene Werte zu entwickeln, sich nach eigenen Wünschen und im Einklang mit der eigenen Begabung zu entfalten, ist durch gesellschaftlichen und familiären Druck und die Vorstellungen der Eltern ausgeschlossen.

Aus therapeutischer Sicht repräsentieren die weisen Frauen innere Anteile der Mutter, und es gibt welche, die nicht gehört, gesehen und gelebt werden können. Sie äußern sich durch Körperbeschwerden, in Schicksalsschlägen, durch psychische Störungen, Albträume, Neid, Gier oder Sucht. 
Und die Mutter, das unbewusste Modell für Beziehungen, kann der Tochter genau das nicht mitgeben, was ihr selbst nicht möglich ist, ein selbstbestimmtes Leben. Dieser Wunsch der Mutter nach Selbständigkeit bleibt offen, er kann im Märchen nicht auf einem goldenen Teller serviert werden, sodass auch die Tochter diese Entwicklungsschritte nicht integrieren kann.

Ein Todeswunsch der Mutter ist natürlich tabu, die rachsüchtige weise Frau darf nicht das letzte Wort gesprochen haben! Eine gute weise Frau, ein guter Anteil der Mutter, die 12. im Märchen, ist damit nicht einverstanden, das Kind wird geliebt, sie wendet das Schreckliche ab, Dornröschen soll mit 15 Jahren einschlafen und wie tot sein, mit dem gesamten Hofstaat, einer vollständigen Stagnation im Umfeld, dem Schloss, und hinter einer undurchdringlichen Hecke verborgen. Nicht nur sie, sondern alle. So wird verhindert, was zu befürchten ist: die Pubertät, die Bewusstwerdung des eigenen Selbst, die Verselbständigung, der Ungehorsam und der Eigenwillen der Tochter.

Nach 100 Jahren wird Dornröschen von einem Königssohn gefunden, das Moratorium ist abgelaufen, und sie wird durch einen Kuss erlöst. Erlösung und Lösung?
Sie wird in die Fußstapfen der Mutter treten und ein gesichertes, vorgestanztes Leben an der Seite ihres Ehemannes führen. Und wenn sie nicht gestorben sind… Nein, sind sie nicht. Die Erwartungshaltung an Mädchen und Frauen ist noch immer, dass sie sich anpassen an das gesellschaftlich vorgegebene Rollenmuster für Frauen. Er, der Königssohn, wird regieren, er nimmt sie mit auf sein Schloss, integriert sie in sein Leben. Sie wird sich dort, in ihrem neuen Leben, im Haus der Familie, um alles kümmern.

Alles Weitere ist vorsehbar. Natürlich wird sie, die so aufgewachsen ist, Kinder bekommen, das wird erwartet, sie wünscht es sich auch, und zu den anderen Zwängen kommt die Erwartung an sie als Mutter dazu. Sie wird tun, was sie kann, um ihr Kind zu fördern – nach den Regeln, die sie kennt. Kann sie ihrer Tochter die Fähigkeit und die Erlaubnis, ihr eigener Mensch zu werden, mitgeben? Kann sie dafür ein Modell sein? 

100 Jahre sind vorbei, die Hecke teilt sich, und der Königssohn wird Dornröschen  küssen, weil auch sie es möchte, und sie werden darüber sprechen, wie sie leben wollen.

(Die Bilder sind KI-generiert)

Ein Kommentar zu “Dornröschens Mutter

  1. Ich empfinde das interpretieren dieses Märchens sehr stimmig für mich. Meine Mutter ist gescheitert in ihrem Leben. Sie erwartet aber irgendwie, dass ich in ihre Fußstapfen trete – ergo genauso unglücklich werde. Was auch so passiert ist! Sich aus dieser Rolle des Dornröschen zu befreien, ist für Frauen echt sehr schwierig. Die wenigsten schaffen es.

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