Gespenster machen nichts Konkretes – und doch verändern sie die Atmosphäre. Man spürt sie. So wie als Kind durch einen Blick der Eltern oder Großeltern, der zu bewerten scheint, und man hört Sätze wie „Sei vorsichtig“ oder „Das reicht noch nicht“. Wir richten uns unbewusst noch immer nach ihnen, sie prägen unser inneres Erleben, obwohl sie wie Gespenster zu einer vergangenen Zeit gehören. Doch wie vertreibt man Gespenster, die man nicht sieht, gegen die man nicht kämpfen kann?
Eingeprägte Überzeugungen, die uns ängstigen und blockieren, erscheinen oft dann, wenn man neue Wege gehen möchte. Denn die Selbstbeschränkung hat uns einmal Zugehörigkeit, Sicherheit und Orientierung ermöglicht. Die Gespenster haben dafür gesorgt, dass wir unbekannte, dunkle Räume im Schloss, im inneren Haus, meiden.
Gespenster sind vertraut und fremd zugleich. Sie waren einmal real in unseren Beziehungen zu Eltern und deren Eltern, durch die wir Fürsorge, Kritik, Schutz oder Überforderung erfahren haben.
Als Kind registriert man die Signale, die unser Verhalten lenken: Neurobiologisch werden durch sie implizite Gedächtnisspuren und Bindungserwartungen aufgebaut, und die neuronalen Netzwerke werden später automatisch aufgerufen. Sie sind zäh und durch bewusste Verhaltensänderungen oft nicht ausreichend veränderbar.
Gespenster kann man in der Therapie nicht vertreiben, aber sie und ihre Macht erkennen und ihnen das eigene lebendige Selbst, unser Wünschen und Wollen entgegensetzen. Wenn Gespenster keine Macht mehr haben, verziehen sie sich.
Wenn man Gespenstern bewusst zuhört, zeigt sich, dass sie weniger Macht haben, als es scheint. Sie verlieren an Schrecken, sobald klar wird, dass sie aus Erinnerungen bestehen und nicht aus aktueller Gefahr. Dann kann sich die Atmosphäre im inneren Haus verändern: Die Stimmen bleiben vielleicht hörbar, aber sie bestimmen nicht mehr, wie wir uns entscheiden.

Wenn ich mir das vorstelle: Ich wohne in einem alten Schloss, habe es angenehm und bin beschützt. In leeren dunklen Räumen wohnen jedoch Gespenster, die sich nicht zeigen, die bewirken, dass ich mich unsicher und ängstlich fühle. Die Frage ist: Was brauche ich, um sie loszuwerden oder zu erreichen, dass sie mir gleichgültig sind? Sie verschwinden nicht von selbst, ich muss sie für mich greifbar machen.
Was fällt wohl meinen Lesern dazu ein, wofür stehen ihre Gespenster? Wenn ich nach einer Antwort suche, wie sie Macht ausüben, wann genau ich spüre, dass sie anwesend sind, dann kommt mir als erstes der Gedanke: sie wollen mich begrenzen und kleinhalten. Und dafür sorgen, dass ich die Grenzen einhalte, die früher im Elternhaus wichtig waren. Ähnlich wie bei manchen meiner PatientInnen: „Behalte immer alles im Griff“, „Enttäusche uns nicht“, „Falle nie unangenehm auf“, „Mache immer etwas Sinnvolles“, zusammengefasst: „Sei brav, falle uns nicht zur Last, füge dich“.
Wie übertragen sich die Erwartungen der Eltern auf uns als Kinder? Nicht nur durch Worte, sondern mehr noch durch die Atmosphäre, einen Blick, der beurteilt, durch Anspannung, ein Wegschauen, „dicke Luft“, den Unterton, Gesten und Mimik.
„Der Blick meines Vaters schwebte über allem“, „Wenn mein Vater den Raum betrat, veränderte sich die Atmosphäre und alle verhielten sich kontrolliert“, „meine Mutter sorgte dafür, dass alles seine Ordnung hatte“ sind Sätze von meinen PatientInnen, die ihre seelischen Beschwerden nicht verstehen, weil sie doch „eine gute Kindheit“ hatten, also kann es ja nur an ihnen selbst liegen. Auch wenn es früher schwer war, es ist doch vorbei.
Wie ich selbst versuche, den atmosphärischen Prägungen, den alten Gespenstern, dem Erwartungsdruck und der Konfliktvermeidung zu entkommen?
Es braucht manchmal eine Art Wiedergeburt, ein Verlassen des Schlosses, ein Aushalten der Enttäuschung der anderen, eine schmerzhafte Trennung von bisherigen Sicherheiten sich selbst zuliebe, auch Mut und Entschlossenheit – und damit eine Überwindung der diffusen Ängste vor Gespenstern im inneren Elternhaus.
Das ist eine sehr kompetente Abhandlung zu diesem schweren Thema. Hat mir nochmal die Augen geöffnet und gibt einen guten Hinweis zur Überwindung solcher Geister aus der Vergangenheit……
Dann kann sich die Atmosphäre im inneren Haus verändern:…..wunderbare Einblicke und Erkenntnisse—vielen Dank…immer wieder schön „erinnert zu werden“ und dann aus heutiger Sicht noch einmal „hinzuschauen.
Danke für deine Rückmeldung!