Rotkäppchen, die Idylle und der emotionale Hunger

Alle haben Rotkäppchen lieb, die Großmutter besonders, weil sie so ein liebes Kind ist. Sie schenkt ihm ein rotes Käppchen, das es nun immerzu trägt und das ihm seinen Namen verleiht, es fühlt sich umhüllt und geborgen. Es lebt mit der Mutter in einer Idylle, aber wir wissen, Idyllen stimmen nicht, weil etwas fehlt, weil sie durch Verdrängung aufrecht erhalten werden. Sie sollen harmonisch sein und glücklich machen, aber sie sind einseitig, machen krank und manchmal süchtig.

Was verdrängt wird, findet sich im Wald, dem Raum der unbewussten Gefühle, dem Märchensymbol der unkontrollierten Erfahrungs- und Gefahrenwelt.
Rotkäppchen soll auf dem Weg bleiben, sagt die Mutter, und der kranken, schwachen Großmutter Kuchen und Wein bringen, aber wie soll es das schaffen, wenn es  innerlich kein Gleichgewicht hat, immer brav sein muss, um Geborgenheit und Zuwendung zu erhalten? Die Mutter schickt das Kind allein in den Wald, was soll schon passieren, aber echte Fürsorge sähe anders aus.

Es erkennt den Wolf, der Böses im Schilde führt, nicht als Gefahr, weil es sich als Mädchen, das lieb sein und andere versorgen muss, nichts Aggressives kennt. Was es in sich selbst nicht findet bzw. fühlen darf, kommt ihm – unerkannt – von außen entgegen.

Was ist aber nun das Böse, Aggressive und Zerstörerische, das im Wolf lauert?
Gier und ungebremster Hunger, Maßlosigkeit , süchtiges verschlingen wollen, egoistisches haben wollen. Er verführt Rotkäppchen durch den Hinweis auf mögliches sinnliches Genießen und weckt in ihr Begehren – verbunden mit einer halb spaßigen Abwertung – sie sehe und höre ja nichts im lauschigen Wald und ginge dahin wie zur Schule. Da seien doch so schöne Blumen! Rotkäppchen springt darauf an. Und die nächste Blume für ihren Strauß für die Großmutter (nicht für sich selbst, natürlich nicht) scheint für Rotkäppchen immer noch viel schöner zu sein, die aufbrechende Lust muss gesteigert werden. Endlich darf sie ihren Gelüsten nachgehen und muss nicht von außen bestimmt lieb und brav sein. Sie hört erst auf, als die nicht noch mehr Blumen tragen kann.

Der Wolf will erst die Großmutter fressen bzw. verschlingen und dann das Rotkäppchen. Wieso frisst er Rotkäppchen nicht gleich? Auf der symbolischen Ebene macht das Sinn, denn die aggressive Lust in ihm muss die Großmutter zuerst verschlingen und sich zunächst von ihr, die maßlos lieb und gut ist, befreien.
Zum Kauen hat der Wolf keine Zeit, Gier und süchtiges Verlangen müssen sofort befriedigt werden und den Hunger stillen. Aber emotionaler Hunger kann so nicht befriedigt werden, er füllt den Bauch, bis nichts mehr reinpasst.

So langweilig und einsam das brav sein müssen und der Weg zur Großmutter, die Stärkung braucht, für Rotkäppchen sind, so intensiv ist das Gegenteil, die befreite Lust.
Rotkäppchen leidet – psychologisch gesehen – bis zum Auftauchen des Wolfes und seiner Verführung unter einer „einseitigen seelischen Mangelernährung“, die physisch – auch seelisch – eine sogenannte Hungerkrankheiten ist.
Wie Sigmund Freud geschrieben hat: Jede Verwöhnung ist auch eine Vernachlässigung. Wie hätte Rotkäppchen lernen können, mit lustvollen, egoistischen und aggressiven Anteilen umzugehen?

Der Wolf verschlingt auch Rotkäppchen, das am Bett der Großmutter nicht merkt, dass es den bösen Wolf vor sich hat. Es wundert sich und kann nicht glauben, dass es die Großmutter ist, die so ein großes Maul hat. Vielleicht ja doch? Ein genialer Twist der Geschichte, dass die Großmutter und der Wolf nun ein und dasselbe sind, die sich füllen mit der Lebendigkeit von anderen. Lieb sein ist eine Sache, lebendig sein eine andere. Bisher hatte die Großmutter keine Schattenseiten. Und so erkennt Rotkäppchen die Gefahr wieder nicht.

Carl Spitzweg

Nachdem der Wolf beide gefressen hat, schläft er tief und fest, ohnmachtsgleich und wehrlos, sodass der Jäger, der hier für den guten, fürsorglichen Vater steht, und der nach der Großmutter schauen wollte, seinen Bauch aufschneiden und die beiden retten kann. Sie sind unbeschadet und Rotkäppchen wird aktiv, es füllt den Bauch des Wolfs mit Steinen, totem Material, sodass dieser durch die Schwere tot umfällt. Es gelobt sich nun, nie wieder vom Wege abzugehen.
Tauchen da nicht leise Zweifel bei uns auf? Aber tröstlich ist die Überzeugung, dass man hinter einer einmal gemachten bewussten Erfahrung zwar zurückfallen, aber sich schnell wieder auf sie besinnen, den eigenen Weg wieder finden und sich selbst bewahren kann.

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