Das Märchen vom Teufel mit den drei goldenen Haaren

Über ein Glückskind und den Zauber der Unerschrockenheit

1 Ein Glückskind wird an den König verkauft und entrinnt dem Tod

Es fängt gut an für das Glückskind, es hat noch ein Stück Eihaut am Kopf nach der Geburt, und das gilt als Zeichen, und außerdem wird geweissagt, dass er mit 14 Jahren die Tochter des Königs heiraten werde. Da jeder im Dorf und im Land an dieses Narrativ glaubt, gilt und wirkt es.
Aber wo Licht ist, ist auch Schatten, und wo ein Glückskind ist, da gibt es auch einen neidischen Gegenspieler, den König: ein einfacher Dorfjunge soll seine Tochter nicht bekommen, er muss diesen Jungen aus der Welt schaffen! Die Eltern verkaufen das Glückskind in der Vorstellung, dass er am Königshof eine gute Erziehung genießen werde. Der König aber entledigt sich des Kindes, indem er es in einer Schachtel in ein tiefes Wasser wirft. Aber was ein Glückskind ist, dem kann etwas Schlimmes passieren, aber es geht gut aus, und er wird gerettet. Er wird an einer Mühle aus dem Wasser gefischt und von den liebevollen Müllersleuten großgezogen. Bis er 14 Jahre alt ist.

Das Narrativ vom Glückskind hat sich bestätigt, und auch er selbst lernt, sich auf sein günstiges Schicksal und auf sich selbst zu verlassen, wir nennen das heute „gesunden Narzissmus“.
Aber wir als Leser*innen glauben nicht daran, dass es ein lebenslanges unverdientes Glück geben kann. Das Schicksal kann nicht nur wohlgesonnen sein. Wie soll der Junge denn in diesem Leben etwas lernen und erfahren, welche Schlüsse soll er später mal aus seinem Unglück ziehen? Wie bei jeder Ideologie, die immer einseitig ist, und wie bei jedem Glücksversprechen wird etwas verschwiegen. Der König als Gegenspieler ist real, er ist intrigant, machtbesessen und gierig, das kann nicht gutgehen.

2 Das Glückskind wird vom König reingelegt und kommt dennoch ans Ziel

Wie es der Zufall will, erfährt der König, als er auf Reisen an der Mühle Halt macht, dass das Glückskind überlebt hat. Er schickt ihn mit einem Brief zur Königin, das Glückskind macht sich auf den Weg, verirrt sich und übernachtet – unerschrocken – bei den Räubern im tiefen Wald. Diese haben Mitleid mit dem arglosen Jungen und ersetzen heimlich den Brief mit der Anweisung, das Glückskind bei Ankunft am Hof zu töten, durch einen Brief, dass er die Prinzessin heiraten solle. Und so geschieht es dann auch, weil es kommen muss.

Und wieder gerät ihm die Gefahr zum Glück, dem Unerschrockenen und Arglosen. Er lässt das Schicksal walten, und es führt und beschützt ihn, es wirkt und wird real. Das Gute bleibt unsichtbar, der Teufel ist real und das Glückskind wird ihm noch begegnen. Das Gute infrage zu stellen, sind wir gewohnt, wir vertrauen seiner Wirkkraft nicht, aber wer traut sich zu sagen, es gäbe keinen Teufel?

3 Das Glückskind wird vom König zum Teufel geschickt und macht sich auf den Weg

Als aber nach ein paar Jahren der König heimkommt und die Weissagung erfüllt findet, wird er böse und meint, so leicht soll das Glückskind seine Tochter nicht bekommen. Er soll ihm die drei goldenen Haare des Teufels bringen. Was für eine groteske Idee, auch Herrschsucht ist kreativ. Auf diese Weise will der König ihn zum dritten Mal loswerden. Wir haben es geahnt: Glück und Wohlstand müssen verdient sein, schwere Prüfungen werden ihn erwarten.
Auf seinem Weg zum Teufel kommt das Glückskind in zwei Städte, in der ersten ist der Marktbrunnen ausgetrocknet, in der zweiten wachsen keine goldenen Äpfel mehr am Baum der Stadt, und niemand weiß warum. Das Glückskind sagt den beiden Wächtern der Städte, er wisse alles, und verspricht, ihnen den Grund zu sagen, wenn er zurückkäme. Auch der Fährmann, der ihn zum Eingang der Hölle übersetzt und klagt, dass er nie abgelöst werde, bekommt das Versprechen, es auf der Rückfahrt zu erfahren. Das Glückskind vertraut darauf, dass er jede notwendige Erkenntnis, jede wichtige Lösung herausbekommen kann. Und dann steht das Glückskind vor dem Tor zur Hölle. Wir sind gespannt.  

Erstaunlich, diese Selbstüberzeugung, „ich weiß alles“, das sogenannte „narzisstische Größenselbst“ führt hier die innere Regie. Das Glückskind muss nicht, wie zu erwarten wäre, eigene Probleme auf seinem Weg des Erwachsenwerdens (er dürfte 17 oder 18 Jahre alt sein) lösen, sondern die von anderen Menschen. Er selbst wird von seiner Zuversicht getragen.

4 Das Glückskind geht mutig in die Hölle und bekommt Hilfe

Das Glückskind findet zunächst die Großmutter des Teufels vor, diese hat Mitleid mit ihm und will ihm helfen, die drei goldenen Haare zu bekommen und die Antworten auf die drei Fragen. Der Teufel werde ihn fressen, wenn er ihn fände, sagt sie und verwandelt ihn in eine Ameise, die versteckt sie in einer Rockfalte. Für uns Leser*innen ist die Vorstellung furchteinflößend, dass der Teufel am Abend heimkommt und gierig brüllend wiederholt, er rieche Menschenfleisch! Wie lässt sich diese Bestie beruhigen? Durch ein gutes Essen, das ihm die Großmutter vorsetzt und ein gemütliches, mütterliches Lausen seiner Haare.

Aus dem Film „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“, Kika, siehe YouTube

Das Glückskind muss dem Symbol des Bösen, dem Teufel, etwas Gutes, einen Rest Göttliches, seine drei goldenen Haare abgewinnen. Er muss dem ursprünglich Bösen unerschrocken begegnen, um das weltlich Böse, die Herrschaft des Königs, zu besiegen. Und gerade in der Begegnung mit dem Bösen, beschützt durch die Großmutter, dem mütterlichen Element, kommt das Glückskind zu tiefem, rettendem Wissen, das er den Wächtern in den zwei Städten und dem armen Fährmann weitergibt. Das Glückskind strebt nicht nach Macht, er will Erkenntnis erlangen, helfen und befreien. Der Teufel als Personifizierung unserer Schattenseiten ist in diesem Märchen nur  allzu menschlich, abhängig von Versorgung und Zuwendung,  seinen Schwächen ausgeliefert, sodass man, nein frau, ihn austricksen und überwinden kann. Hinter der bedrohlich zur Schau getragenen Stärke zeigt sich ein kindlich bedürftiger, ungefährlicher armer Teufel. Und damit erinnert er an den krankhaften Narzissten, der viel Unheil anrichtet, damit man nichts von seiner Bedürftigkeit ahnt.

5 Der Teufel wird überlistet

Als der Teufel eingeschlafen ist, reißt die Großmutter ihm ein goldenes Haar aus, der Teufel schreckt auf und will wissen, was ihr einfiele! Sie gibt vor, sie habe einen Traum gehabt und ihm wohl aus Versehen in die Haare gefasst, ein Marktbrunnen sei versiegt, woran das wohl liege? Der Teufel weiß die Antwort: eine Kröte sitze unten im Brunnen, die müsse man töten.
Nachdem der Teufel erneut eingeschlafen ist, reißt die Großmutter ihm ein weiteres goldenes Haar aus, und der Teufel schreit zornig auf. Sie habe es im Traum getan, redet sie sich raus, sie habe von einem Apfelbaum geträumt, der keine goldenen Äpfel mehr trage, was da wohl die Ursache sei? Auch das weiß der Teufel, es läge an einer Maus, die an der Wurzel des Baumes nage, die müsse man töten. Wenn sie ihn noch einmal im Schlaf störe, bekäme sie eine Ohrfeige (was für eine Drohung für einen Teufel!). Das hält die Großmutter nicht davon ab, auch das dritte Haar auszureißen. Sie kann ihn wiederum besänftigen und erzählt ihm von dem Fährmann. Das sei einfach, meint der Teufel, der Fährmann müsse nur dem nächsten, den er übersetze, die Fährstange in die Hand geben, dann sei er frei.

Die Kröte in der Tiefe des Brunnens der Stadt steht symbolisch für Habgier und Unkenrufe, die den Lebensquell versiegen lassen. Die Maus, die an der Wurzel des Baumes der anderen Stadt nagt, steht für Kleinmut, sammeln und horten und für nagende Zweifel, die den Baum zerstören, der goldene Äpfel hervorbringen konnte, was an die Geschichte vom Paradies erinnert. Und der Fährmann erfüllt aus Gewohnheit seine Pflicht, von der er nun nicht mehr loskommt, er weiß nicht mehr, wie er seine Situation ändern kann. Er ist in der Routine gefangen. Die Kröte, die Maus und den Fährmann finden wir mühelos in uns selbst.

6 Das Glückskind kehrt heim und bestraft den König

Am nächsten Tag verwandelt die Großmutter das Glückskind in seine menschliche Gestalt zurück. Er zieht glücklich heimwärts, verrät dem Fährmann und den Wächtern in den zwei Städten die Ursache des Übels. Sie töten die Kröte und die Maus, und zum Dank bekommt er je zwei mit Gold beladene Esel. So kommt er zum Königshof zurück und ist mit seiner Frau glücklich wiedervereint.
Der König aber will wissen, woher er das Gold habe, wo er das denn fände. Das Glückskind verweist ihn auf das Ufer, wo der Fährmann ihn übergesetzt hat, dort liege es herum wie Sand. Sogleich macht sich der König auf den Weg. Als der Fährmann ihn übergesetzt hat, gibt er dem König die Fährstange in die Hand, und von nun an muss der König Fährmann sein, für immer. Er bringt Menschen, die sind wie er, über das Wasser zum Tor zur Hölle. Futter für den Teufel. Niemand sei von dort zurückgekehrt, heißt es. Und niemand sagt ihm, dass es einfach ist, sich zu befreien: man muss das Ruder abgeben.

Das Glückskind hat von Anfang an seine eigene Wirklichkeit, seine Überzeugung, seine Fiktion vom Glück gelebt, während der König, die Wächter und die Leute in der Stadt und der Fährmann ihre Funktion leben, von der sie nicht lassen können. Bis auf den herrschsüchtigen König werden sie befreit durch die Wahrheit des Glückskindes, der versteht zu leben.

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