Hänsel, Gretel und die weiße Ente

Was mich am Märchen von Hänsel und Gretel besonders fasziniert: Das Ende des Märchens ist nicht das Verbrennen der Hexe, die Heimkehr zum Vater und das war‘s. Da kommt noch etwas dazwischen: es muss noch ein „großes Wasser“ überquert werden. Wie kommen die Kinder hinüber und nach Hause? Nicht aus eigener Kraft. Sondern auf dem Rücken einer weißen Ente, die zuerst Hänsel und dann Gretel sicher ans andere Ufer bringt.

Bis zu dieser Stelle kann man sich die Geschichte, die bildhaft erzählt wird, mit den im Mondschein glänzenden Kieseln auf dem Waldweg, den Fenstern aus Zucker im Brot- und Kuchenhaus und dem dürren Finger, den Hänsel aus seinem Käfig herausstrecken muss, lebhaft vorstellen, aber dann passt das Bild nicht, es ist nicht vorstellbar, ein Kind auf dem Rücken einer Ente?

Dennoch, das Gefühl stimmt, und deshalb nehmen wir die Erzählung hin. Wer nach überstandenen Gefahren nach Hause zurückkehrt, den Schatz dieser Erfahrungen, die Edelsteine, in der Tasche, der muss sich noch tragen lassen, bis er zu Hause – bei sich – ankommt.
Die Kinder haben sich befreit, und die gefährliche Welt ist durch eine Wasserscheide von der zukünftigen getrennt (der Hinweg war anscheinend ein anderer).

In vielen Interpretationen des Märchens heißt es sinngemäß: „Die Kinder sind selbständig und erwachsen geworden durch das Meistern von Gefahren“. Aber halt, was stimmt da nicht?

Hänsels Plan, mit Brotkrumen den Rückweg zu sichern, erweist sich nicht als funktional. Und er ermutigt Gretel, vom Lebkuchenhaus zu essen, weist ihr an, gleich das Zuckerfenster zu verspeisen, ohne Rücksicht auf die Besitzerin und der möglichen Gefahr. Aber gut, sie hatten ja schrecklichen Hunger, und es sind Kinder.
Aber er selbst kann sich später aus der Gefangenschaft der Hexe nicht befreien. Gretel handelt und treibt die Handlung bis zur Lösung voran. Das ist typisch: In den Grimm’schen Märchen sind Frauen und Mädchen die Hauptpersonen einer inneren Entwicklungsgeschichte. Es ist die weibliche, die Gefühlseite in uns, die sich entwickeln und reifen muss.

Im Märchen kann sich Hänsel nicht ohne die List und Tatkraft von Gretel aus den Fängen einer (emotional) hungrigen Mutter (Hexe) befreien. Die Hexe ist schlau, sie sperrt ihn und nicht Gretel ein, sie will ihn essen, weil sie Gretel gebrauchen kann, zum Putzen und Kochen. Gretel nimmt ihren Mut zusammen und macht die Hexe (deren emotionalen Hunger) unschädlich, eine gerechte Tat der Befreiung, bravo.

Und dann die weiße Ente auf dem Rückweg, die selbstverständlich hilft und die Kinder einen nach dem anderen über das Wasser trägt. Ein schönes, fühlbares, natürliches Sinnbild für das Tragende im Leben. Sie ist da, wenn sie gebraucht wird, wie eine gute Mutter. Die beiden bösen, egoistischen Mütter sind tot, die Hexe und die Stiefmutter.
Es fühlt sich nun so richtig gut an, wir fühlen die Heimkehr der Kinder und ihr Glück herzerwärmt mit. Das wäre ohne die weiße Ente, die sie über ein großes Wasser trägt, nur eine gelungene, selbst errungene Heimkehr gewesen. So aber lassen die Kinder alles Ungemach unwiderruflich hinter sich. Ihr Vertrauen, sich tragen zu lassen, nimmt uns mit wie etwas Magisches, und ich verstehe: ohne Vertrauen auf etwas Tragendes im Leben wäre alles nur ungenügend, mitunter gefährlich und auf sich allein gestellt auch anstrengend.

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