TRANSGENERATIONALE WEITERGABE VON TRAUMA

Transgenerationale Weitergabe bezeichnet die Übertragung von Erfahrungen der Angehörigen einer Generation auf die Mitglieder einer nachfolgenden Generation, wobei es sich in der Regel um ein unbeabsichtigtes, oft unbewusstes und nicht selten auch ungewolltes Geschehen handelt. Die Begriffe haben sich in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen etabliert. (Wikipedia)

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Es ist ein Jahr her, dass ich meinen letzten Blog-Beitrag geschrieben habe. Ich wollte mich nicht wiederholen und über weitere Therapiesitzungen schreiben, es zog mich eher zu der Reflektion und Beschreibung eigener Erfahrungen, sei es nun als Person oder als Therapeutin. Aber immer wieder ploppte bei dieser Überlegung dieselbe hemmende Frage auf: Was interessierte andere Menschen an meinen Erfahrungen? Darauf wusste ich keine Antwort. Und ich habe sie auch jetzt nicht gefunden, woher soll ich das auch wissen? Welche „anderen“ habe ich im Blick?

Allerdings entdeckte ich, dass es einen völlig anderen Motivator gab, den Blog weiter zu befüllen: das eigene Gefühl im Inneren, etwas über eine Erfahrung schreiben zu wollen, vergleichbar mit dem Drang, etwas sagen zu wollen.

Hier ist also meine Geschichte, die mich sehr bewegt und von einer Angst befreit hat, und vielleicht bringt sie den einen oder anderen, die eine oder die andere auf die Idee, wo man die Lösung einer Blockade suchen könnte – auch wenn es noch so ungewöhnlich und unglaubwürdig erscheint.

Es ist ein paar Jahre her, als ich das Bedürfnis verspürte, über zwei meiner Patientinnen mit dem Leiter der nahegelegenen Psychosomatischen Klinik zu sprechen. In einem Fall hatte man aus meiner Sicht nicht ausrechend wirksam auf die Selbstmordgedanken meiner Patientin, die sich in der Klinik 6 Wochen hatte behandeln lassen, reagiert, im anderen Fall weiß ich nicht mehr, was mein Anliegen gewesen war.

Jedoch stellte sich mir bei meinem Vorhaben, Kontakt zum Klinikleiter aufzunehmen, eine unüberwindliche Angst in den Weg. Sie machte es mir unmöglich, dort anzurufen und einen Termin für ein Gespräch zu vereinbaren. Es fühlte sich an, als würde ich diesen Schritt, die Konfrontation mit diesem ärztlichen Leiter nicht überleben, als würde ich vorhaben, in eine Schlucht zu springen und die Angst wollte mich davon abhalten.  

Was wir Psychotherapeut_innen in dem Fall tun, wir gehen mit beruflichen Problemen in die Supervision und suchen außerdem Rat im Intervisionskreis mit Kolleg_innen. Sie alle deuteten meine Angst als völlig nachvollziehbar wegen der Hierarchie. Ich war als niedergelassene Psychologin schließlich klar im Unterstatus. Ich solle mir genau überlegen, was ich sagen wolle und vermeiden, mein Gegenüber zu kritisieren. Die Angst blieb, genauso groß und unüberwindbar, wie zuvor. Er nutzte nichts, darüber zu reden, ermutigt zu werden und Gründe zu suchen.

Ich dachte weiter darüber nach. Kurze Zeit darauf hatte ich einen Termin mit einer älteren Patientin, sie war aus körperlichen Gründen nicht in der Lage, in meine Praxis zu kommen, deshalb fuhr ich zu ihr hin. Als ich nach der Sitzung schon in der Tür stand und dabei war, mich zu verabschieden, sagte sie ohne Umschweife: „Ich soll Ihnen etwas sagen.“ Ich stutzte und hielt inne. „Es hat mit ihrem Großvater zu tun.“ Ich wusste, dass sie manchmal Eingebungen hatte und sehr intuitiv veranlagt war. Nun denn, mir war sofort klar, dass sie meine Angst vor dem Klinikchef meinte, und ich würde versuchen, einen Zusammenhang zu meinem Großvater zu finden.

Das war nicht so einfach, er war schon lange verstorben, und ich hatte wenig Kontakt zu ihm gehabt. Bei Besuchen saß er ruhig in seinem Lehnstuhl, rauchte seine Zigarre, sodass das Wohnzimmer voller Rauch war, und wollte, dass man ihm etwas erzählte. Es war eher so, als würde er Hof halten. Wie sollte dieser Großvater etwas mit meiner Angst zu tun haben? Vor ihm hatte ich keine Angst, es war eher eine gewissen Anspannung, die mich früher daran hinderte, frei und ungezwungen mit ihm zu sprechen.

Also stellte ich die wenigen Fotos auf, die ich von ihm hatte. Zwei davon zeigten ihn als Soldat in Uniform. Es dauerte eine Woche, in der ich die Fotos immer wieder anschaute, bis eines morgens beim Erwachen und hinspüren plötzlich ein Satz in meinen Kopf kam: „ein falscher Schritt und ich bin tot“. Als ich meinen Bruder fragte, was er von den Kriegserfahrungen unseres Großvaters wusste, erfuhr ich, dass er in beiden Weltkriegen verschüttet gewesen war.

Es war dann möglich, ohne Angst, offen und auf Augenhöhe mit dem Klinikleiter über meine Patientinnen zu sprechen, und er hat es sehr geschätzt, dass ich gekommen war, um ihm eine Rückmeldung zu geben, die es ihm ermöglichte, die Behandlungen zu verbessern. Er hatte tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit meinem Großvater in der Art, wie er in seinem Schreibtischsessel saß und der war, der – durch seine professionelle Funktion – zuhörte. Es hatte einen assoziativen Trigger für meine traumatische Reaktion auf einen Termin bei ihm gegeben, der mir nicht bewusst war.
Meine Angst hatte sich einfach aufgelöst, nur durch die Erkenntnis, dass ich sie geerbt hatte, und sie nicht zu mir gehörte.
Was sich außerdem als Trauma meiner Vorfahren bei mir gezeigt hatte, erzähle ich das nächste Mal!
 

Ein Kommentar zu “TRANSGENERATIONALE WEITERGABE VON TRAUMA

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