Das Märchen von Rumpelstilzchen und die Muster narzisstischer Beziehungen

Ist Rumpelstilzchen ein Kobold, ein Zwerg oder ein kleiner Teufel? Auf jeden Fall ist er ein magisches, übernatürliches Wesen, das Hilfe anbietet, Abhängigkeit ausnutzt und eine Forderung stellt, die der Frau im Märchen, der Müllerstochter, zwar nicht das Leben kostet, aber deren Lebendigkeit: ihr Kind.
Die Müllerstocher muss dreimal Stroh zu Gold spinnen, beim ersten und zweiten Mal ist sie in größter Not, weil der König ihr den Tod androht, wenn sie es nicht schafft, beim dritten Mal stellt er ihr die Heirat in Aussicht, wenn sie es schafft. Und gerade da, wo sie eine Wahl hätte, verspricht sie Rumpelstilzchen, der sie schon zweimal gerettet und das Stroh zu Gold gesponnen hat, ihr erstes Kind.

In diesem Märchen sind lauter Narzissten am Werk, prahlerisch, egozentrisch, machtmissbrauchend, fordernd und vereinnahmend ohne Rücksicht, so etwas kann auch tödlich enden. Die Müllerstochter, die einzige Frau im Märchen, kommt gut aus der Sache raus, weil sie nicht aufgibt, eine Chance aushandelt und Ressourcen einsetzt (einen Boten losschickt). Weil es ihr gelingt, den Unheiligen in der Retterpose, den Zwerg, beim Namen zu nennen.
Keiner in dem Märchen hat einen Namen, dadurch wirken die Figuren verallgemeinert. Erst zum guten Ende, als der böse Zwerg benannt werden kann – Gefahr benannt, Gefahr gebannt – wird die Frau im Märchen, die schöne Müllerstochter, ihn los – und er zerstört sich selbst.

Es beginnt mit einer Prahlerei: Ihr Vater gibt mit ihr beim König maßlos an und behauptet, seine Tochter könne Stroh zu Gold spinnen. Er missbraucht sie für sein Prestigebedürfnis.
Der König ist gierig nach Gold, missbraucht sein Amt und seine Macht, sperrt die Müllerstochter ein, verwendet sie so, um seinen Reichtum zu vergrößern. Und bedroht sie – einmal reicht ihm die Kammer voll Gold nicht –  zweimal mit dem Tod, um noch reicher zu werden. Sein Motiv, sie beim dritten Mal heiraten zu wollen, ist das Gold: Eine reichere Gemahlin werde er nicht finden, heißt es. Um Liebe geht es in diesem Märchen nicht.

Rumpelstilzchen hilft der Müllerstochter jedes Mal, erst fordert er als Gegenleistung dafür, eine Nacht lang Stroh zu Gold zu spinnen ihr Halsband, dann ihren Ring, nichts Wertvolles, denn sie ist arm. Wir LeserInnen fühlen mit der Figur der Müllerstochter. Nicht auszudenken, wenn sie unschuldig sterben müsste wegen der Prahlerei Ihres Vaters! Sie ist gefangen in einer Kammer und soll eine unmögliche Aufgabe lösen. Missbraucht und ausgeliefert durch zwei Vaterfiguren.

Rumpelstilzchen, der Retter, zunächst der Gute, nutzt schließlich das Begehren der Müllerstochter aus, Königin zu werden und fordert beim dritten Mal ihr erstes Kind..
Nach der Heirat und Geburt des Kindes hat die Müllerstochter das Rumpelstilzchen vergessen. Als es kommt, will sie das Kind nicht hergeben, bietet ihm große Reichtümer an, aber es muss „etwas Lebendes“ sein, Reichtümer will Rumpelstilzchen nicht.
Sie weint und jammert, bis es Mitleid mit ihr hat und ihr noch eine Chance gibt: sie soll innerhalb von drei Tagen seinen Namen erraten (was es für unmöglich hält).
Sie schickt eine Boten los, der sich über ungewöhnliche Namen im ganzen Land erkundigen soll.

Diesem gelingt es schließlich, Rumpelstilzchen bei einem Tanz um ein Feuer vor seiner Hütte zu belauschen, bei dem es seinen Namen nennt – „Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß“.
Als am dritten Tag die Müllerstochter seinen Namen nennt, fährt Rumpelstilzchen vor Wut mit dem rechten Bein in die Erde und reißt sich mit dem linken entzwei. Die Gefahr ist gebannt, und wir atmen auf.

Ein königliches Kind kann keinem Zwerg gehören, das passt nicht. Mithilfe der magischen Kraft des Zwerges konnte die Müllerstochter Status und Reichtum erlangen, aber ein Zwerg bleibt ein Zwerg. Und wir LeserInnen sind erleichtert, dass alles wieder seine Ordnung hat, so wie es gehört. Oder gibt es jemanden, der Mitgefühl mit Rumpelstilzchen hat, das doch an seinem Unglück und Tod selbst schuld ist? Wer zu viel verlangt, bekommt am Ende nichts, und es geschieht ihm recht.

Was wir heute über Narzissten in Beziehungen lesen, hat man früher aus Erfahrung in Märchen weitergegeben. Rumpelstilzchen ist eine Figur, die an das „Innere Kind“ des Narzissten erinnert, begabt und fähig, aber allein und maßlos. Und es darf auf keinen Fall vor der Welt erkannt und benannt werden. Nur er selbst, die Person, darf wissen, dass er ein „Zwerg“ ist und sich nach etwas Lebendigem sehnt.
Im Märchen finden sich weitere narzisstische Muster:
Der übertriebene Wunsch nach Anerkennung und Bestätigung (der Vater), das rücksichtslose Handeln und der Drang nach Macht bis zur Freiheitsberaubung (der König), das anfänglich fürsorgliche, scheinbar selbstlose Rettungsangebot (Rumpelstilzchen), das entwenden wollen der Lebendigkeit und Herzensgefühle der Frau, symbolisch ihres Kindes. Sie als Frau ist nur dafür da, ihnen, dem Vater, dem König und dem Zwerg, das zu geben, was diese brauchen und unter Bedrohung einfordern.


Und die Lösung, damals wie heute, ist die Erkenntnis und das benennen können: er ist nur ein Rumpelstilzchen! Er kann viel, strebt nach Größe und Macht, will und kann aber nicht allein sein! Das war’s dann mit ihm, er verliert seine Macht. Wie gut, dass die Frau im Märchen, zur Königin geworden, letztlich unabhängig handeln kann. Für viele Frauen in einer solchen Beziehung ist das meist ein schmerzvoller Weg, sich und die eigene Lebendigkeit zu befreien, sich selbst zu retten und die innere Herzensliebe zu behalten.

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