1 Vom Fischer und seiner Frau (Märchen der Brüder Grimm)

Ein Fischer angelte einmal aus der Tiefe einen großen Fisch, der anfing zu sprechen, dass er ein verzauberter Prinz sei, und der ihn darum bat, ihn wieder frei zu lassen. Das tat der gutmütige Fischer und kehrte heim zu seiner Frau in ihre armselige Hütte. Als sie hörte, was geschehen war, trug sie ihm auf, den Fisch nochmal zu fangen und sich etwas zu wünschen. Das könne man doch erwarten. Sie bräuchten ein kleines Haus. Der Fischer wollte erst nicht, ging dann doch zurück zur See und rief den Fisch:
„Timpe timpe te, Fisch in der See, meine Frau, die Ilsebill, will nicht so, wie ich es will.“
Der Butt kam und fragte, was die Ilsebill sich denn wünsche. Und als er den Wunsch vernahm, wies er den Fischer an, heimzukehren. Es sei bereits so geschehen.
Zu Hause angekommen zeigte ihm seine Frau das bereits eingerichtete Häuschen mit Hof und Hühnern und Enten. Der Mann war sehr zufrieden und sie gingen ins Bett.
Nach ein paar Wochen beschwerte sich die Frau, dass das Häuschen und der Hof zu eng seien, sie wolle in einem Schloss wohnen. Er solle zum Butt gehen und sich das wünschen.
Der Mann sprach dagegen, es sei doch alles gut so, und dem Butt würde das nicht gefallen. Aber die Frau schickte ihn los. Der Mann ging und sprach vor sich hin: „Das ist nicht recht“.
Er rief den Butt mit denselben Worten, der tauchte auf und fragte, was die Ilsebill wolle.
Als er hörte, dass sie ein steinernes Schloss begehrte, sagte er, dass es schon geschehen sei.
Der Mann kehrte heim und sah die Frau vor einem großen Palast stehen. Im Schloss waren Diener, viele Zimmer, Pferdeställe, gutes Essen und Wein. „So wollen wir zufrieden sein“, sagte der Mann, und sie gingen zu Bett.
Am nächsten Morgen begehrte die Frau, dass sie König sein wollten über das Land. Der Mann wollte nicht König sein, aber die Frau schickte ihn los zum Butt, sie wolle König sein. Er wollte nicht, ging aber doch hin. Und wieder erfüllte der Butt den Wunsch der Frau.
Als der Fischer heimkehrte, war seine Frau König. Diesmal gab es noch Wachen, viel Marmor und Gold, und die Frau saß auf einem Thron. „Nun wollen wir zufrieden sein“, sagte der Mann.
Aber der Frau war langweilig, sie begehrte, Kaiser zu sein. „Kaiser gibt es nur einen im Reich,“ sagte der Mann, „Kaiser kann der Butt nicht machen“. „Ich bin König und du bist mein Mann, also geh hin zum Butt“, widersprach die Frau. Dem Mann war bang, und als er ankam, war das Wasser dunkel und es stürmte. Auch diesen Wunsch erfüllte der Butt.
Der Mann fand, als er heimkehrte, seine Frau als Kaiser vor, umgeben von Herzögen und Fürsten. Er betrachtete sie und sagte ihr, wie schön sie als Kaiser sei, und dass es nun genug sei.
Nun wollte die Frau Papst werden. „Das ist nicht recht,“ sagte der Mann, aber die Frau bestand darauf. Als er diesmal heimkehrte, fand er seine Frau als Papst, sie war in G old gekleidet, gab Audienzen und hatte eine goldene Krone auf.
„Ach Frau, wie gut steht dir das, daß du Papst bist!“ Sie saß steif da und rührte sich nicht. „Frau, nun sei zufrieden, daß du Papst bist, denn nun kannst du doch nichts mehr werden.“
Am nächsten Morgen war der Frau eingefallen, was sie noch werden könnte. Sie wollte machen, dass die Sonne und der Mond aufgingen, sie wollte sein wie Gott.
Der Mann wollte nicht zum Butt gehen, aber sie schrie, dass sie es sonst nicht aushalte, und so ging er.
Als der Butt hörte, was die Frau begehrte, sagte er: „Geh nur hin, sie sitzt nun wieder in der Fischerhütte.“ Und da sitzen sie heute noch.

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Als ich dieses Märchen als Kind hörte, war mein Eindruck, dass die Frau zu viel gewollt hatte und zu recht bestraft wurde, indem sie wieder in der armseligen Hütte wohnen musste. Man darf eben nicht zu viel wollen, man muss bescheiden sein. Der Mann war der bessere Mensch, die Frau war gierig und bestimmend. So durfte man als Frau nicht sein. Und der arme Mann! Er wurde mitbestraft.

Heute schaue ich anders auf den Mann, die Frau und auf die Beziehung der beiden. Warum setzt der Mann ihr keine Grenze? Warum diskutiert er nicht mit ihr, was für sie und ihn selbst gut wäre? Er lässt sich rumkommandieren und erscheint als „der Gute“ in der Geschichte.
Man mag es nicht glauben, aber solche Ehen gibt es.
Der Mann ordnet sich unter, anstatt Beziehung zu leben. Es gibt keine Konflikte zwischen ihnen, keine Herausforderung, selbst zu wachsen, nur ihre Wünsche und einseitige Verwöhnung. Die Frau wird zwangsläufig immer größer, immer mächtiger und immer unzufriedener, weil sie kein Gegenüber hat. Und sie hat immer mehr „lange Weile“, so sagt sie ihrem Mann, sie halte es nicht mehr aus, sie treibt ihn an, damit er ihr noch mehr Ressourcen beschafft. Sie wird schließlich so groß und innerlich hohl, dass sie in sich zusammenfällt und „arm“ wird, leer und machtlos. Das Märchen ist ein gutes Beispiel dafür, dass ein Mann, der nur gut sein will, die Achtung der Frau verliert und sie sich selbst.
Und die Frau pumpt ihre Macht auf, wird grenzenlos und kann nicht halten, was wichtig wäre: ihre Selbstachtung und das Gefühl für die eigene Kraft.

Man sieht eher Frauen so, wie der Mann sich hier verhält: konfliktvermeidend, fürsorglich und freundlich im Sinne von umgänglich und wenig Grenzen setzend.
Auch ich neige dazu, die Frau als Opfer zu sehen, wenn etwas kollabiert. In diesem Märchen macht die Frau die Ansagen und der Mann macht, die Aufgabenverteilung funktioniert erstmal, aber die Gemeinschaft, das gemeinsame Gestalten gerät aus dem Blick.

Der Fisch ist ein Teil vom Mann. Beide überleben, indem sie Wünsche erfüllen. Sie selbst begehren scheinbar nichts und weichen Konflikten aus.
Und sie, die Frau, lebt das kapitalistische „immer mehr“ und verliert die Beziehung, das gegenwärtige Wohlfühlen, aus den Augen. Hatte sie – und da bin ich mit ihr identifiziert – berechtigte Ansprüche an ihren Mann, die er nicht erfüllen konnte? Sehnte sie sich eigentlich nach Austausch, Wärme und Verstehen?
Was häufen wir nicht alles an, um unsere echten Bedürfnisse, unsere wahren Gefühle zum Schweigen zu bringen…

Eine Freundin führt meine Gedanken weiter:
Der Mann kommt nach Hause und hat nichts zu essen mitgebracht, weil er den Butt freigelassen hat. Die Frau beschwert sich also zu Recht, denn sie bleibt hungrig.
Der Mann hätte vom Butt einen Ausgleich fordern können. Er kann jedoch nichts fordern und keine Grenzen setzen. Er überlässt das der Frau.
Der Mann und die Frau erscheinen nur als Paar und in Gemeinschaft, wenn sie ins Bett gehen, bemerkt sie. Im Bett sind sie zusammen. Am Tag schickt sie ihn los zur weiteren Wunscherfüllung, aber das trennt sie immer mehr, denn dann sind immer mehr Menschen um sie herum, und der Mann kann sie nur noch bewundern. Das macht sie aber nicht satt, das befriedigt sie nicht.
Es kann sein, dass sie nicht weiß, was sie vermisst, dass ihr nicht bewusst ist, wonach sie sich sehnt, dass sie es nicht formulieren kann und deshalb ins endlose Fordern gerät.

Die Situation am Ende des Märchens ist äußerlich dieselbe, wie am Anfang. Aber jetzt haben beide eine wichtige Erfahrung gemacht und sie können sich bewusst werden, was sie wirklich wollen und brauchen. Wie es so weit kommen konnte, dass sie wieder arm sind. Dass sie eine Dummheit begangen haben, und wie sie jetzt das Beste daraus machen. Und dass sie nur noch sich beide haben.
Wie ein türkisches Sprichwort sagt: Wenn Gott einen Menschen glücklich machen will, dann lässt er seinen Hund weglaufen, und dann lässt er ihn den Hund wiederfinden.

Was mir noch aufgefallen ist: Die Frau will nur deshalb „wie Gott“ sein, weil sie machen will, dass die Sonne und der Mond aufgehen. Wenn nur sie will, dass Tag ist oder Nacht, dann soll es so sein. Damit geht sie über ihr begrenztes Leben mit dem Mann hinaus, sie greift gedanklich über sich hinaus, ohne andere Menschen, die Erde und das Universum einzubeziehen und mitzudenken. Wie einsam und abgetrennt muss sie sich gefühlt haben, dass sie nicht daran denkt, welche weitreichenden Auswirkungen ihre Wünsche haben.
Es geht ihr nur noch ums Wünschen und ums erfüllt bekommen. Der Einfluss auf die Umwelt bleibt ihr verborgen.
Sie könnte sich friedlich fühlen, wenn sie sich verbunden fühlen würde, mit ihrem Mann, anderen Menschen in ihrer Nähe und mit allem, was ist. Wenn es für sie nicht nur das Meer der Wünsche gäbe, sondern ein Meer, das sie beide ernährt.

Kommentare

3.11.21

Eine Freundin schreibt mir zu der Geschichte mir der Erbse zunächst, dass sie mit diesem Bruder, wenn sie die Schwester wäre, nicht mehr in Kontakt sein wollte. Ich schreibe zurück, dass er auch der Bruder der Kindheit für mich sei, der unter der Gewalttätigkeit des Vaters gelitten habe. Darauf schreibt sie: „Wenn man die Geschichte kennt und weiß, aus welchem Leid sich diese „Macke“ entwickelt hat, dann geht einem oft das Herz auf, und es kommt Mitgefühl.“
Wenn ich an entsprechende Kindheitssituationen denke, fühle ich mich ihm nah.

Zur Situation im Zug schreibt eine andere Freundin: „Mir scheint aber, dass du nicht seine Überlegenheit – auch wenn sie dich ankotzt – benennen solltest, sondern sein Überlegenheits-Getue, denn die Überlegene bist ja du.“ Da hat sie recht!
Und weiter schreibt sie, wie sie in solchen Situationen reagiert: sie schalte sich ins Gespräch ein (wenn eine erste Mahnung nichts fruchte), etwa so:
„…ja, ich finde auch, Ihr Sohn sollte sich das genau überlegen, ob er…“. Das sorge für Verblüffung. GENIAL!
Und nach ihrer Erfahrung plustern sich Frauen und Mädchen weniger auf, sondern entschuldigen sich und reden leiser.

Der werfe den ersten Stein

Heute denke ich, dass ich die Geschichten von Jesus, die mir in der Grundschule vermittelt wurden, liebte, weil ich mich darin wiederfand. Da war jemand, ein Mann, der vergöttert wurde und über allem stand, der Partei ergriff für Menschen wie mich: ein Mädchen, das später als Frau leben würde.
Es war mir klar, dass es Unterschiede in den Erwartungen gab, ich hatte schließlich einen Bruder, Hausarbeit machte nur meine Mutter, und auch im Kindergarten waren Jungs und Mädchen nicht gleich.
Jesus hatte nicht zugelassen, dass eine Frau getötet wurde, weil sie etwas Verbotenes getan hatte. Er sollte Recht sprechen und stellte sich auf die Seite der Frau. Die Strafhungrigen verwies er auf eigene Übertretungen. Die Geschichte endete mit „Und sie gingen weg.“ – Was für eine Erleichterung!
Es war für mich wie ein Traum, die männlichen Verfolger, die Überlegenen, loszuwerden! Meinen Bruder und meinen Vater musste ich ertragen, wenn sie es auf mich abgesehen hatten. „Ich hatte in der Familie die A-Karte“, hatte ich neulich am Telefon zu meinem Bruder gesagt, schnell eingeschoben in seine Rede. „Ja, stimmt,“ bestätigte er mit einem kurzen Lachen.
Jesus hatte mit einem einzigen Satz Frieden geschaffen, indem er die scheinbar Gerechten auf das eigene Tun verwies. Und nach Innen, auf das eigene Selbst.

Und es gab noch andere Geschichten, durch die Er mich bestärkt hat.
Er hat mir in meinem Dasein als weiblicher Mensch Rechte zugesprochen.
Er war der Meinung, dass man als Frau nicht dienen und Hausarbeit machen musste.
„Du hast das Bessere gewählt“, sagte er zu Maria Magdalena, die bei ihm gesessen, ihm zugehört und ihn nicht wie Maria, ihre Schwester, als Gastgeberin versorgt und umsorgt hatte.
Das nahm ich dankbar auf, auch wenn mein Verstand sagte: Und wer macht Jesus etwas zum Essen? Dennoch, das schien nicht so wichtig gewesen zu sein.
Also durfte auch ich wählen, ich durfte lernen und wissbegierig sein.

Sexuelle Belästigung und Gewalt am Arbeitsplatz

„Eine neue BGW-Studie zeigt: Sexuelle Belästigung und Gewalt sind in Pflege und Betreuung weit verbreitet. Viele Beschäftigte berichten von Vorkommnissen ausgehend von den Menschen, die sie im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit betreuen oder pflegen.“
Das ‚BGW magazin‘ ist das offizielle Mitteilungsblatt der BGW (Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege, S. 12, ISSN 2629-5113).
„Befragt wurden 901 Beschäftigte aus 60 Einrichtungen, darunter ambulante und stationäre Pflege, psychiatrische Einrichtungen, Krankenhäuser sowie Wohnheime und Werkstätten für Menschen mit Behinderungen. (…) 67,1% der Befragten berichteten von mindestens einem Vorkommnis in den vergangenen zwölf Monaten. Kaum weniger (62,5%) hatten Erfahrungen mit nonverbalen Ereignissen gemacht, beispielsweise als Zeugin oder Zeuge von Situationen, in denen es zu sexueller Belästigung oder Gewalt kam. 48,9% waren selbst von körperlichen Vorfällen betroffen. (…) Wer häufiger sexuelle Belästigung und Gewalt erlebt hatte, berichtete vermehrt von Depressivität, emotionaler Erschöpfung und psychosomatischen Beschwerden.“
32,5% gaben an, nichts über Unterstützungsangebote zur Prävention und zur Hilfe für Betroffene in ihrem Unternehmen zu wissen. Die Unternehmen müssten eine klare Haltung einnehmen und die Beschäftigten darüber informieren. Man biete dazu Seminare an und beteilige sich an dem Projekt „make it work“. (BGW magazin, Seite 12 und 13).
BGW-Podcast zum Thema „Sexuelle Belästigung und Gewalt am Arbeitsplatz“:
http://www.bgw-online.de/podcast08.

Was mir auffällt: in dem Artikel über dieses Thema wird (mit Ausnahme des Verweises auf das Projekt „make it work“) kein einziges Mal über Frauen gesprochen. Man nennt sie „die Befragten“, „die Beschäftigten“ oder „die Betroffenen“. Wie viele Befragte und Betroffene waren Frauen? Hat man überhaupt Männer befragt? Wenn ja, würde eine Befragung von Frauen zu dem Thema eventuell höhere Zahlen ergeben?

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