Anleitung zum inneren Unfrieden 1

Wie schaffst du es, inneren Unfrieden zu schaffen und aufrecht zu erhalten?

  1. Stelle an dich stets zu hohe Ansprüche! Wenn du nicht gerne Sport machst, nimm dir vor, täglich mindestens 1 Stunde zu joggen, Rad zu fahren oder melde dich am besten im Fitness-Studio an. Das hält mindestens das Fitness-Studio am Leben und du hast wieder einmal versagt, wie du es bereits vermutet hast und zu viel Geld ausgegeben, umsonst. Wie immer.
  2. Kommentiere das, was du tust, stets negativ! Wenn du dich ausruhst, werfe dir vor, dass du nichts Sinnvolles oder Nützliches tust, und wenn du arbeitest, wirf dir vor, dass du dich nicht entspannst und alles viel gelassener siehst.
  3. Wenn du dir etwas gönnst, habe unbedingt ein schlechtes Gewissen! Egal, was es ist, eine Reise unternehmen, die eigentlich zu teuer ist, eine Serie schauen, die kein Niveau hat, auf der Speisekarte etwas aussuchen, das nicht billig ist oder dir eine neues Outfit gönnen!

Das sind nur ein paar Hinweise, wie du dir das Leben schwer machst, auch wenn du das
nicht willst. Dich selbst überfordern, negativ kommentieren und dir nicht viel gönnen sind Automatismen, die unbewusst ablaufen.

Ärger überwinden

Gestern in einem kleinen Kosmetikladen ließ mich die Verkäuferin plötzlich stehen und bediente eine andere Kundin an der Kasse. Auf dem kurzen Weg zu mir zurück wurde sie von einer Kollegin etwas gefragt, sie hielt inne und wendete sich deren Kundin zu. Ich schüttelte innerlich den Kopf. Echt jetzt? Ärgern wollte ich mich deswegen nicht. Sollte ich einfach gehen? Ich muss mich nur fügen, dachte ich, es hinnehmen, dass ich zurückgesetzt werde. Ist das schlimm, kratzt das an meinem Selbstbewusstsein, fällt mir eine Zacke aus der Krone? Nein. Ich wartete, bis die Verkäuferin für mich Zeit hatte. Na also, scheinbar habe ich Fortschritte gemacht auf dem Weg zum inneren Frieden, dachte ich…

Zu früh gefreut. Am Nachmittag stand ich in einer Warteschlange. Ich sprach eine ältere Frau vor mir freundlich an, nur so, aus Langeweile. Sie zuckte mit der Schulter und drehte sich weg. Ärger köchelte in mir hoch. Ich wollte mich nicht ärgern, das war es doch nicht wert! Ich werde nie wieder ältere Frauen ansprechen, versprach ich mir. Wie lächerlich, undurchführbar und dumm. Ich lenkte mich ab und dachte an etwas anderes, schaute herum und bemerkte Moos an den Ästen der Bäume. Netter Versuch, der Ärger drückte weiterhin nach oben in meinen Kopf und löste Grübeln aus. Was manche  Leute sich erlaubten! Diese Person hatte mich wehrlos gemacht.

Später schrieb mir eine Freundin über eine eigene Erfahrung mit Ärger und dem Gefühl, Opfer geworden zu sein, dass sie die andere Person und ihr eigenes Gefühl dann segne. Das konnte ich mir in meinem aktuellen Fall nicht vorstellen, das schaffte ich nicht. Ich musste einen anderen Weg finden, damit innerlich in Frieden zu kommen. Es braucht scheinbar für jede Person ein anderes Rezept, um mit Ärger klarzukommen. Und es sind jeweils andere Auslöser, die Ärger auslösen. Dass man sich an der Supermarktkasse bedrängt fühlt zum Beispiel.

Beim Spaziergang einen Tag später erzählte ich den Vorfall meiner Freundin Lisa, die gut zuhören kann und nicht in meine Entrüstung einsteigt. Was genau hat mich eigentlich getroffen?
Die Gestik, die Mimik und das Wortlose. Das hatte mich wehrlos gemacht, ich musste die Zurückweisung hinnehmen und hatte innerlich aufbegehrt. Wie gut ich das kannte! Meine Großmutter hatte mich manchmal so zum Schweigen gebracht, indem sie wegschaute und eine abfällige Handbewegung machte. Erst jetzt, mit dem Verstehen der Situation als Wiederholung, beruhigte sich mein Ärger.

Erstaunt stellte ich später am Abend fest, dass ich mich nicht nur über die fremde Person geärgert hatte, die mich wehrlos gemacht hatte.
Ich hatte mir zusätzlich verübelt, dass ich nicht drüberstehen konnte. Ich war sauer auf mich, weil es mir etwas ausmachte, ich wollte den Ärger weghaben. Ich wollte nicht zulassen, dass jemand daher kam, Ärger und Unfrieden in mir auslöste, und ich nichts dagegen tun konnte!
Aber der Rückschluss auf meine Erfahrung als Kind half mir, mich zu verstehen und meine Reaktion in einem anderen Kontext zu sehen.
Mag das verstehen, wer will, aber alte Verletzungen wirken weiter bis ins Jetzt.
 

Ein genervtes Paar

Else, eine ältere Dame in den Siebzigern, die ich schon länger als Patientin kenne, erzählt mir, wie sehr sie – mal wieder – von ihrem Ehemann genervt ist.
Sie hatte mir in unseren Gesprächen häufig aufgeregt berichtet, dass ihr Mann sich ständig in Haus und Garten betätige, dabei mehr Chaos als Ordnung schaffe, und wie sehr sie sich darüber ärgere. Angeblich verschlimmbessere er dabei die Dinge häufig und höre nicht auf sie. Ihre Klagen machten mich manchmal recht hilflos.
Else konnte sich mit der Zeit besser von ihrem – aus ihrer Sicht – eigenwilligen, sturen und uneinsichtigen Ehemann abzugrenzen und ihm mit Bestimmtheit freundlich sagen, was sie möchte und was nicht.
Mit der Zeit hatten sie sich wieder angenähert und kamen besser miteinander aus, abgesehen von neuralgischen Punkten, die sich meist um Dinge drehten, die mit der Küche zu tun hatten.

So auch diesmal, Else berichtet mir, dass ihre Schwester mit Ehemann zu Besuch bei Ihnen waren.
„Als mein Mann am Sonntag alles für den Besuch am Nachmittag vorbereitet hat, und ich ihm helfen wollte, hat er mich ständig angemault! Nichts konnte ich ihm recht machen, nicht einmal den Tisch konnte ich in seinen Augen richtig decken! Übrigens kocht er hervorragend. Wir haben uns die ganze Zeit gestritten, und schließlich drohte er damit, nichts mehr zu machen und alles stehen und liegen zu lassen, wenn ich mich weiter einmischte. Er verschränkte die Arme und schaute mich entschlossen an. Ich könne dann selbst kochen und alles vorbereiten. Er weiß genau, dass ich das gesundheitlich nicht schaffe! Ich wollte ihm aber gerne helfen und ihn nicht mit der gesamten Vorbereitung alleine lassen.“

Ich habe die Situation vor Augen und stelle mir vor, wie ihr Mann davon ausgeht, dass seine Frau ihm die Vorbereitung auf den Besuch überlassen hat, wie schon seit längerem das Kochen, und ihm nun dazwischenfunkt.
Was gab es für eine Lösung? Ich verstand beide. Plötzlich fiel mir das „Helferlein“ ein, eine Figur aus einem alten Comicheft, die Hauptfigur hieß Daniel Düsentrieb (ein Ingenieur, wie ihr Ehemann, die Figur ist chaotisch, aber genial). Dadurch kam ich auf die Idee, ihr eine Aufgabenverteilung vorzuschlagen. Ihr Mann sollte ihr eine klare Ansage machen, welche Hilfe er braucht oder ob sie sich raushalten kann.
„Das nächste Mal, wenn diese Situation eintritt, könnten Sie zu ihm sagen, dass er sich melden soll, wenn Sie etwas tun können, um ihm zu helfen. Er soll entscheiden und Sie sind bereit, ihm zu helfen.“
Else schaut mich mit ihren großen blauen Augen erstaunt an, hält einen Moment inne, um umzuschalten, und sagt dann mit tiefergelegter Stimme: „Jetzt habe ich etwas gelernt“.

Der Wortklang von Frieden

Es ist, als würde man darauf warten, dass er kommt und auf ihn hoffen.
Wenn Frieden enorm, groß, kolossal wäre, wäre es ein Wort mit o.
Im Frieden kommt etwas zur Ruhe und wird bescheiden.

Wer liest, der hört auch, heißt es, Worte klingen.

Der Beginn klingt freundlich und dennoch bestimmt, wie in der Welt gelandet mit dem Fr- .
Wie der Fr-ühling nach dem harten Winter kommt, so kommt der Fr-ieden nach dem Kampf.
In dem Wort Frieden klingt für mich sein Wesen an, eine Ahnung von Einklang.

Das i in der Mitte klingt bescheiden und hell. Ich kann es aussprechen und gleichzeitig dabei lächeln.
Man verweilt kurz bei dem i, wie in „Liebe“, und dehnt es etwas. Es ist, als würde sich für einen Moment etwas öffnen und licht werden.
Es klingt etwas Schönes an, wie in „Parad-ie-s“.

Es endet weich abgerundet, mit einem -den, was die Öffnung sanft beendet.

Stell dir vor, man gibt dir einen Klumpen Ton in die Hand mit dem Auftrag, daraus etwas zu formen, was deinem Gefühl entspricht, das von dem Wort Frieden ausgeht. Was würde es werden?
Bei mir wäre es eine flache Schale, in die jeder etwas hineinlegen oder herausnehmen kann, und wo für vieles Platz ist.


Arwen

Immer wieder habe ich mich gefragt, was für eine Frau mir ein Vorbild sein könnte.
Wie wollte ich als Frau sein? Welche mir bekannte Politikerin, Schauspielerin oder in welchem Kontext auch immer wäre es für mich passend und wert, ihr nachzueifern, mich nach ihr auszurichten? Auf der Suche nach einer Geschichte (Buch oder Film) über eine „gute Mutter“ bin ich gescheitert. Und meine Suche nach einer Frau, mit der ich mich identifizieren könnte – am besten gleich mehrere, damit ich mich nicht einengte – war schwierig und unbefriedigend. Vor Kurzem wurde ich fündig. Eine Klientin brachte mich darauf.

Arwen ist wundervoll. Sie ist sehr feminin und gleichzeitig wehrhaft. Und da sie eine Figur aus der Film-Trilogie „Herr der Ringe“ ist, wird sie idealisiert dargestellt. Die Schauspielerin Liv Tyler verkörpert sie mit Anmut und Schönheit, unwirklich und gleichzeitig wirklich, sie wirkt auf uns mit ihrer inneren Stärke und Unabhängigkeit. Es hat den Anschein, dass Arwen sich ihres Körpers sehr bewusst ist, sie bewegt sich leicht und mit Bedacht.
Sie ist eine Halbelbin und kann entscheiden, ob sie sterblich, wie ein Mensch, oder unsterblich sein will. Sie verhält sich selbstbestimmt und lässt sich nicht einreden, dass die von ihr ersehnte Zukunft mit Aragon unerreichbar und unmöglich sei. Ihr Vater malt ihr aus, dass es kein Leben mit Aragon geben wird, er lässt sie seine Vision sehen, in der nur Kummer sie erwartet. Arwen hält stand und bleibt bei ihrer Entscheidung, sterblich zu sein.

Meine Gedanken wandern zu einer ehemaligen Klientin, die psychosomatische Beschwerden hatte. Sie hatte viele Ärzte und Heilpraktiker aufgesucht und war immer wieder verzweifelt, dass sie keine Hilfe erfuhr. Sie hatte sich bereits als Jugendliche zu männlich gefühlt.  
Sie verstand unter ihrem Männlich-sein, dass sie auf das Einhalten von Zeiten, auf Pläne und  Lösungen fokussiert sei und dass sie meistens funktioniere.
Sie wollte gern weiblicher sein, sie sehnte sich danach, sich leichter und weicher zu fühlen.

Wir stellten uns vor, dass Arwen anwesend wäre und versuchten, sie zu erspüren.
Sie schien mit allem um sich herum verbunden zu sein, Weitblick und Intuition zu haben, der sie vertraute. Leila, so hieß meine Klientin, fühlte sich von ihr beschützt, „anders als bei männlichem Schutz“.

Das Bild von Arwen wurde uns immer deutlicher. Leila stellte fest, dass Arwen beide Seiten hat, weibliche und männliche. Auch ich bemerkte, dass sich eine friedliche, harmonische Stimmung ausbreitete, was von diesem inneren Gleichgewicht von Arwen ausgelöst wurde. Vor allem nahm ich wahr, wie Arwen Vertrauen hatte darauf, dass es sich lohnt zu kämpfen.
Wir beschlossen die Stunde in einer heiteren Stimmung. Ich habe das nicht vergessen.

Als ich gestern durch ein Kaufhaus strich, fiel mir oben auf einem Stapel ein weißer, weicher Pullover auf. Nur so aus Neugier, wieviel er kosten sollte, drehte ich das angehängte Etikett um und konnte es nicht glauben: da stand „Arwen“.

Was weiblich ist und was eine Frau ausmacht, habe ich vor einiger Zeit auch meinen weitgereisten Chef gefragt. Er antwortete, dass für ihn eine ideale Frau auf der Stirn einen Ausdruck von Friedlichkeit habe. Ich nickte und konnte das nachvollziehen. Das klang wunderschön, erschien mir aber unerreichbar. Es war mir außerdem zu einseitig.

Warum und Wozu

Auf dem Glastisch vor meinem Sofa liegen Kopien eines Buches, beim Staubwischen räume ich sie seit einem halben Jahr zur Seite. Heute nehme ich absichtslos die erste Seite auf und lese den kurzen Text. Warum heute und wozu?
Meister Eckhart, der christliche Theologe und Philosoph (1260 – 1328), schreibt über die Innere Welt: „Hier lebe ich aus meinem Eigenen, wie Gott aus seinem Eigenen lebt. Wer in diesen Grund jemals nur einen Augenblick geschaut hat, dem sind tausend Mark rote Goldmünzen wie ein falscher Heller. Aus diesem innersten Grund sollst du alle deine Werke wirken ohne Warum und Wozu.“
(Meister Eckhart, Predigt 5b, zitiert nach Karl Heinz Witte: Meister Eckhart: Leben aus dem Grund des Lebens).
Warum arbeite ich? Um Geld zu verdienen, um zu leben. Wie soll das gehen, ohne warum und wozu zu leben. Ich suche weitere Warum-Fragen.
Warum wollte ich Kinder? Weil ich Mutter sein wollte. Wozu? Weil das in mir war, und weil in meinem Innersten der Wunsch war, Liebe zu geben. Warum und Wozu schreibe ich diesen Blog?
Eine Freundin reagierte auf meinen Blog mit einer Mail: sie selbst brauche keine „Aufarbeitung der Vergangenheit“, wie ich das unter „Bruder und Schwester“ mache, sie schaffe sich „günstige Umstände“ und denke positiv. Sie denkt, das ist das Wozu meiner Texte: eine Aufarbeitung. Das mag von außen so erscheinen, es muss ja einen Grund geben.
Was ich schreibe, kommt aus meiner inneren Mitte und drängt nach draußen. Ich fühle mich dabei lebendig. Vermutlich ist es das Wirken, das Eckhart meint, das von Innen kommt, und das mich antreibt und erfüllt. Ich bin damit in Übereinstimmung. Das Warum und Wozu kann ich nicht beantworten.

Fakten 2: „Die Familie als Falle“

Endlich, denke ich, wird das zum Thema, als ich den Artikel lese.
In Berlin wurde eine Studie der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs und der Goethe-Universität Frankfurt vorgestellt. Man stellt fest, dass diese Familien sich abschotten und für die Opfer zur „dramatischen Falle“ werden. Familien hätten das Recht auf Privatsphäre, aber man müsse fragen, wie man Kinder und Jugendliche schützen kann.
„Bis heute habe man wenig Wissen darüber, wie Kinder und Jugendliche sexuelle Gewalt in der Familie erlebten.“ Wie ist das möglich?
Unter den 870 Betroffenenberichten waren knapp 89 % Mädchen. Die Täter waren zu 44 % die Eltern, die größte Tätergruppe Väter (36 %). Wenn man Pflege- und Stiefeltern dazuzählt, kommen die Väter auf 48 %. Leibliche Mütter: 8 %, Pflege- und Stiefmütter: 2 %. Weitere Täter waren Onkel, Brüder und Großväter sowie Tanten. „Es handle sich nicht um individuelle Einzelschicksale.“

Eine Studienteilnehmerin wundert sich darüber, dass dafür bisher ein öffentliches Bewusstsein fehle. Das hat mich die letzten Jahre auch gewundert, bei all den Berichten über sexuelle Gewalt in Institutionen und der Filmindustrie. Es ging bisher viel um Jungs und Frauen. Das war erschreckend. Es kam mir dennoch so vor, als müssten meine Erfahrungen weiterhin totgeschwiegen werden.


Die Opfer hatten sich freiwillig zur Teilnahme an dieser Studie gemeldet, deshalb wisse man nichts über die tatsächliche Verbreitung sexueller Gewalt in Familien.
Eine andere Studienteilnehmerin stellt fest: „Es gibt keine nachhaltige Debatte über den Tatkontext Familie. Das muss sich dringend ändern.“
Beim Sport und der Kirche gebe es Institutionen, an die sich Betroffene wenden könnten, nicht so in der Familie. Es müssten neue Schutzkonzepte entwickelt werden. Auch im Nachhinein bleiben die Betroffenen wehrlos. Dass eine nachträgliche Aufarbeitung von der Familie oft nicht zugelassen wird, kann ich als Therapeutin bestätigen.

Deutsches Ärzteblatt/PP/Heft 10/Oktober 2021