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Ninas Einsamkeit, das Jammern und das Problem mit der Zukunft

Nina kann sich oft nicht entscheiden, vor allem, wenn es um körperliche Beschwerden geht, dann jammert sie, nach der richtigen Lösung oder Behandlung suchend, und geht ihren Freundinnen damit auf die Nerven. Kein Wunder, dass sie sich zurückziehen. Heute will Nina von mir wissen, wie sie zu eigenen Entscheidungen kommt, und wie sie es schafft, mit dem Jammern aufzuhören.

Ich packe zunächst meine verhaltenstherapeutischen „Tipps und Tricks“ aus:
sie kann ihr Problem aufschreiben, Für und Wider bewerten, sie kann konkret um eine Meinung oder Unterstützung nachfragen, sie kann recherchieren und dann versuchen wahrzunehmen, was ihr Gefühl und ihre Intuition sagen. Ihre Reaktion ist für mich verblüffend: „Eigentlich suche ich eine Mutter“, sagt Nina. Sie hat ihre Mutter früh verloren.

„Sie vermitteln vermutlich, dass Sie sich nicht anlehnen, sondern selbst entscheiden wollen, sodass die Ratschläge der Freundinnen ins Leere laufen, und beide Seiten deshalb frustriert sind“, gebe ich zu Bedenken. Nina lacht kurz und stimmt mir zu.

Dann fällt mir noch etwas ein: „Sie können vielleicht benennen, wie Sie sich fühlen, zum Beispiel, dass Sie gerade verzweifelt sind,“ schlage ich, weiter nach Lösungen suchend, vor. „Sie sind doch dann manchmal verzweifelt?“
Plötzlich kommt Nina in Fahrt, und sie erzählt, wie es in der DDR war, wo sie aufgewachsen ist. Es sei viel über Krankheiten geredet worden, wenn sich die Familie traf oder Nachbarinnen sich unterhielten. Das habe niemanden gestört.
Und jetzt wird Nina etwas klar: „Wir waren getragen von einer gemeinsamen Zukunft, jeder hatte an seinem Platz Anteil an der Gemeinschaft, egal ob es die Putzfrau war, der Handwerker oder der Chef, wir wurden so geprägt, dass wir den Kommunismus aufbauen, etwas Gutes, das in der Zukunft lag, und dafür war die Gemeinschaft wichtig. Damals hätte man mich kurz nervig gefunden, aber mich nicht gemieden, wenn ich gejammert hätte, man hätte gesagt ‚die jammert halt‘, aber ich hätte dazugehört. Ich bin schon lange im Westen. Aber irgendwie hat man mir die Zukunft genommen.“

Endlich verstehe ich den Hintergrund für Ninas frustrierende Suche nach Verbundenheit und Unterstützung, und dass ihr Jammern von dem Gefühl der Aussichtslosigkeit genährt wird, das zu finden, was sie kannte. Und von dem Widerstand gegen die allgemeine Erwartung, in ihrem Leben grundsätzlich selbstständig entscheiden zu müssen und zu wissen, was sie will. Und ich verstehe ihre Fassungslosigkeit, dass andere sich überfordert abwenden, wenn ihre Haltlosigkeit offenbar wird.
Wie ratlos müssen die Freundinnen sein, wenn sie Nina sagen, sie soll doch froh sein, sie habe Arbeit, eine schöne Wohnung und könne doch jetzt, wo die Kinder aus dem Haus sind, machen, was sie will. Für Nina fehlt etwas.

Nina hat etwas gesucht, was sie von früher kennt. Ihr Gefühl von einem Defizit im Miteinander erscheint mir realistisch, Einsamkeit ist ein zentrales Thema in der aktuellen Gesellschaft. Ich werde ihr helfen, eine Gemeinschaft zu finden, die menschliche Verbundenheit und gegenseitige Unterstützung einschließt. Und Nina hat schon eine Idee.

http://www.abstrakte-Kunst.de – Bild von Christina Lück

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