Alina und die Me-time

“Gönne dir Me-time, und du kannst besser für andere sorgen” lese ich im Internet (Psychology.today). Das ist aus meiner Sicht dann keine Me-Time, weil es wieder eine Funktion für andere hat, so als wäre es nicht an sich notwendig und sinnvoll, sich um sich selbst zu kümmern, um in die Mitte zu kommen und Eindrücke zu verarbeiten. Man braucht Zeit, nachzudenken, nachzuspüren, bei sich zu sein.

Im ‚Englischen Wörterbuch steht einfach: “When you can do what you want to do” (dictionary.cambridge.org). Genau, das klingt erholsam! Tun, was man selbst will.

Auf Deutsch übersetzt heißt Me-time „Ich-Zeit“ und das bedeutet, sich Zeit für sich zu nehmen.

Alina ist Ende dreißig und berichtet mir von ihrem Urlaub am Strand mit ihrem Partner und seiner 7-jährigen Tochter Lisa.
„Das mit der Me-time war schwierig“, sagt Alina halb lachend.
Sie findet es selbst komisch, aber sie habe kein schlechtes Gewissen gehabt, sich auch einmal abzuseilen und allein ins nächste Dorf zu fahren oder am Strand entlangzuwandern, aber es habe sich trotzdem nicht gut angefühlt.

Sie habe dann herausgefunden, dass sie sich ausgeschlossen gefühlt habe, wie manchmal in der Schule früher. Sie sei immer sehr lebendig gewesen.
Ich warte darauf, dass ich mich therapeutisch einbringen kann. Die Themen Me-time, Care-Arbeit und sich ausgeschlossen fühlen bieten sich an, aber Alina ist schon beim nächsten Thema. Sie hat den Hintergrund ihrer Beklemmung verstanden, ich habe das kurz verständnisvoll kommentiert, und nun spricht sie über ihre Pläne für die Zukunft.

Am Ende der Stunde, während Alina noch auf einem zweiten Stuhl sitzt, wo sie sich Ihren Plan einer längeren Reise real vorgestellt, erspürt und entschieden hat, dass sie es doch tun sollte, reflektiere ich meine Therapeutenrolle für Alina.
War das jetzt gerade Me-time für sie? Oder haben wir etwas versäumt anzusprechen?

Ich spreche meine Gedanken – und mein ehrliches Gefühl – dann auch aus:

„Ich habe gewartet, wo ich therapeutisch einhaken kann, aber Sie brauchen das gar nicht, Sie sind so begabt, klug und kompetent, Sie können so viel und…“
„Sie wissen doch“, sagt Alina darauf, ich muss das einfach alles erzählen, dann sortiert es sich und wenn Sie das jetzt so sagen, dann fliegen meine Ängste einfach zum Fenster raus.“ Wir müssen beide lachen, und ich glaube, wir fühlen uns beide in dem Moment glücklich.

„Aber nicht, dass Sie mich wegschicken“, fügt Sie beim noch schnell Rausgehen hinzu, „ich brauche Sie, um alles zu sortieren!“

3 Kommentare zu „Alina und die Me-time

  1. „Mit der Bewegung gehen“ kann etwas Befreiendes, auch für den Therapeuten sein und doch finde ich immer besonders auf solche Therapeuten zu treffen, welche immer wieder in einer Sitzung reflektieren, auch sich selbst, um wirklich Unterstützung zu sein…..

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