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„Typisch Mann“ und was sich verändert

Aktuell bemühen sich viele Männer, nicht mehr typisch zu sein. Sie lesen Bücher, in denen steht, dass Männer gelernt haben, keine Gefühle zuzulassen und dass sie nicht mit ihnen umgehen können, und dass es an der Zeit ist, das zu lernen. Weil es Ihnen dann besser gehen, ihre Beziehungen sich verbessern und Konflikte sich leichter lösen lassen würden.

So weit, so gut. Aber was gelernt wurde, in den Knochen steckt und im Umfeld ständig sichtbar und normal ist, ist schwer zu ändern. Trotz Einsicht und aufgeklärter Einstellung.
Ein gutes Beispiel dafür erzählt mir Walter in einer Sitzung. Er ist unzufrieden in seinem Job, kann das aber nicht so recht mit seinem Chef klären und seinen Ärger nicht ausdrücken, deshalb hat er sich ein passendes Buch von einem Coach gekauft.  

„Ich sitze neulich abends mit dem Buch in der Hand im Wohnzimmer“ erzählt er, „und lese, dass man als Mann Gefühle zulassen und über sie sprechen soll, und ich sehe das natürlich ein und stimme dem innerlich zu.
Und gerade da kommt mein Sohn zur Tür herein und beschwert sich aufgeregt über einen Lehrer, er werde ungerecht behandelt, der habe es auf ihn abgesehen… Mit halbem Ohr höre ich zu und sage zu ihm, dass er jetzt sofort ins Bett gehen soll, anstatt hier so ein Theater zu veranstalten.

Dann halt ich inne, mein Blick richtet sich wieder auf die Buchseite, und ich merke plötzlich: genau das, was da steht, was man nicht machen soll, habe ich gerade bei meinem Sohn getan, seine Gefühle weggeschoben und unterdrückt.

In dem Moment habe ich gedacht, das kann ja wohl nicht wahr sein! Ich habe ihn zurückgerufen und ihn die Situation in der Schule und seine Gefühle von Ungerechtigkeit schildern lassen, und ihm auch erzählt, wie es mir in ähnlichen Situationen früher ging.
Ich hatte mich zum Beispiel mal über eine Note in Mathe geärgert und vom Lehrer die Antwort bekommen: „Lass‘ mal gut sein, Ärger schwächt“. Also macht man lieber einen Deckel drauf und fühlt sich stark. Das wird ja erwartet, dass man stark ist.

Die Tochter kam noch dazu, und es wurde ein schönes Gespräch, nah und verbunden, und mein Sohn hat sich beruhigt, er fühlte sich nicht mehr allein und nicht mehr so hilflos.
Unglaublich, wie automatisch die gelernten Muster ablaufen und man sie an die Kinder weitergibt.“

Wir lassen das beide auf uns wirken und staunen gemeinsam über die Kehrtwende.
Und ich ergänze noch, dass unterdrückter Ärger Magenschmerzen macht. Und unterdrückte Wut oft der Grund für Kopfschmerzen ist. Wo soll die Gefühlsenergie auch hin, sie staut sich im Körper.

„Mit dem Problem sind Sie außerdem nicht er einzige“, füge ich hinzu. „ich höre öfter auch von Frauen, dass sie sich mit einem Mann zwar übereinstimmend über feministische Themen unterhalten können, er sich dann aber anders verhält, ohne es zu merken.“
Und später denke ich: Wie gut, dass sich was tut, es ist ein weiter Weg.

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