Liegt das Glück in mir?

Die Quellen des Glücks liegen innen, in meinem Selbst, ich muss in der Tiefe suchen, mich vielleicht belehren lassen, mich finden, Buddha, Seneca und Menschen wie Mutter Theresa fragen, mein Ego überwinden, herausfinden, was ich (wirklich) will, Ziele setzen und erreichen oder einfach bescheidener sein. Das habe ich gedacht und vermutlich ganz viele andere auch. Dass es an und in mir liegt, das Geheimnis des glücklich seins.

Wer kennt es und zeigt mir den Weg? Schaffe ich das, bis ich alt und grau bin, glücklich zu sein? Mutter Theresa war jedenfalls sehr unglücklich, sie fühlte in sich ein schwarzes Loch, das wissen wir aus ihren Tagebüchern. Buddha war am Ende seines Lebens immerhin zufrieden als Fährmann, so beschreibt es Hermann Hesse in „Siddharta“. Aber was ist mein eigener, persönlicher Schlüssel zum Glück? Zufriedenheit finde ich langweilig, weil ich es mit Stillstand verbinde, während doch alles Lebendige wachsen will.

Vielleicht geht es gar nicht um Glück im Leben? Auch das ist eine wichtige Frage. Stefan Aust, der ein erfülltes Leben als Korrespondent hatte, wurde im Alter gefragt, was ihn glücklich macht, und die Antwort machte mich nachdenklich: es sei ihm nie um glücklich sein gegangen.

„Meine Mutter will Zufriedenheit, ich will glücklich sein, Zufriedenheit reicht mir nicht!“ sagt meine Patientin Rita neulich zu mir. Das weiß sie sicher. Aber sie kommt zu mir, weil sie die Tage voller grauer Sinnlosigkeitsgefühle überwinden will und nicht weiß, wie. Der Schlüssel zum Unglück wird bald klar: sie will immer alles richtig machen. Sie sperrt sich ein. Festgefahrene Überzeugungen, die Lebendigkeit blockieren, die im Laufe der Kindheit oder Jugend entstanden sind zu überwinden ist mein Ziel als Psychotherapeutin, vieles löst sich erst durch Schmerz, Trauer und Körperbewusstsein, den Weg gehe ich auch für mich selbst immer wieder. Aber das allein macht noch nicht glücklich.

Das Glück liegt vielleicht gar nicht im Kopf und hängt nicht primär von der inneren Einstellung ab.
Es könnte sein, dass es vorwiegend davon abhängt, welche Quellen des Glücks ich im Außen habe, wie viel Verbundenheit ich spüre, wie ich am Leben teilnehme, wie eingefahren oder kreativ ich bei meinen alltäglichen Aktivitäten bin. Lasse ich mir am Tag Freiräume und Luft zum Atmen?

Gerald Hüther, der bekannte Neurowissenschaftler, wird nicht müde, in seinem Podcast über das Altwerden zu wiederholen, dass unser Gehirn Glückshormone ausschüttet, wenn wir uns gern um etwas kümmern und die anerzogene Orientierung am Funktionieren und Arbeiten überwinden. Das Gehirn sei plastisch. Macht etwas Neues und verbindet euch mit anderen Menschen! Das ist seine Botschaft.

Wenn wir uns anderen Menschen zuwenden, fühlen wir uns lebendig, wenn wir arbeiten und Dinge erledigen, sind wir bestenfalls zufrieden. Routinen geben uns ein Gefühl der Sicherheit, aber aus ihnen auszubrechen, etwas auch mal anders zu machen als gewohnt, eine Fahrt ins Blaue zu wagen, neue Kontakte zu suchen, das alles löst das Gefühl von lebendig sein aus. Sicherheit und Geborgenheit sind wichtig, aber zu viel davon macht träge.

Geht es überhaupt um Glück? Oder ist es wichtiger, dass man Lebendigkeit sucht und dem Leben vertraut, dass man einen Schritt nach vorn macht, ohne schon genau zu wissen, was kommt, dass man nicht an immer dieselben Orte fährt, dass man sich bewegt und sich bewegen lässt, und dass man dabei die Kriterien „wie werde ich gesehen, was erreiche ich damit, ist das sinnvoll, wie stehe ich da, kann ich das, bin ich ein guter Mensch“ usw. durch ein einziges Kriterium ersetzt, das im Kontakt entsteht: Fühlt es sich lebendig an?

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