Ehefrauen heute

Was mir verheiratete Frauen, meist mit Kindern, in den Therapiestunden erzählen, hat eher selten mit grober Gewalt zu tun, aber häufig mit Unterdrückung, Einschüchterung und eigener Machtlosigkeit:
„Seit ich verheiratet bin, bin ich immer kleiner geworden.“
„Bei meinen Freundinnen ist es dasselbe, wie bei mir: entweder läuft gar kein Sex mehr oder nur ein paarmal im Jahr. Lust habe ich keine mehr, weil keine Nähe da ist.“
„Mein Mann meint, er verdiene schließlich das ganze Geld…(und deshalb könne er etwas erwarten).“
„Er hat immer die besseren Argumente und meine akzeptiert er nicht.“
„Ich gehe abends ganz früh ins Bett, sonst macht er den Fernseher aus und dann will er Sex.“
„Ich will manchmal kuscheln und einfach Zärtlichkeit, aber das funktioniert bei ihm nicht, er kommt gleich zur Sache.“
„Er meint, er tue doch alles für die Familie und ich sei trotzdem unzufrieden!“


„Er versteht nicht, dass ich manchmal genervt bin von den Kindern, der vielen Hausarbeit, dem Garten und meinem Job. Ich hätte es doch gut. Er müsste den ganzen Tag arbeiten.“
„Ich dachte, wir sind dann zusammen eine Familie und glücklich, aber jetzt habe ich das Haus, das ich wollte und einen Garten und die Kinder, aber alles ist Arbeit. Ich hätte gern mehr Leichtigkeit, aber ich habe das alles auf meinen Schultern! Wir streiten wegen Kleinigkeiten, und er zieht sich dann hinter den PC zurück.“
Was sage ich als Therapeutin dazu? Ich sehe die Überlastung von beiden Ehepartnern und spüre die Enttäuschung. Ich schaue auf den Rahmen, das Setting, die Bedingungen und sage: „Es liegt nicht an Ihnen, sondern am Konzept Kleinfamilie. In der mittleren Lebensphase hat man es als (Klein-)familie schwer, man trägt Verantwortung und bleibt selbst oft auf der Strecke. Sorgen Sie gut für sich, nehmen Sie sich Auszeiten! Für sich und mit ihrem Mann.“

Die Märchen von König Blaubart und dem Schneider zeigen es aus meiner Sicht deutlich: es braucht mehr Familie, z. B. Brüder, und Nachbarn, Freunde, Freundinnen und ein Regelwerk von außen (die „Obrigkeit“), damit Entlastung, Sicherheit und mehr Leichtigkeit möglich werden.
Jede*r ist seines Glückes Schmied? Stimmt auch – irgendwie, es sind nicht nur die Umstände. Aber was es mit der individuellen Geschichte der Personen, den Frauen und den Männer selbst zu tun hat, dass sie unglücklich sind, sich hilflos, ungenügend und gefangen fühlen, ist jeweils unterschiedlich und soll ein anderes Mal erzählt werden.

Ein Kommentar zu “Ehefrauen heute

  1. Welch wunderbar entlarvendes Bild!
    Und die interpretation des gruseligen Märchens gibt diesem Text zuletzt doch etwas Ermutigendes! Hinschauen, Helfen, Gewalt abstellen!

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: