Arwen

Immer wieder habe ich mich gefragt, was für eine Frau mir ein Vorbild sein könnte.
Wie wollte ich als Frau sein? Welche mir bekannte Politikerin, Schauspielerin oder in welchem Kontext auch immer wäre es für mich passend und wert, ihr nachzueifern, mich nach ihr auszurichten? Auf der Suche nach einer Geschichte (Buch oder Film) über eine „gute Mutter“ bin ich gescheitert. Und meine Suche nach einer Frau, mit der ich mich identifizieren könnte – am besten gleich mehrere, damit ich mich nicht einengte – war schwierig und unbefriedigend. Vor Kurzem wurde ich fündig. Eine Klientin brachte mich darauf.

Arwen ist wundervoll. Sie ist sehr feminin und gleichzeitig wehrhaft. Und da sie eine Figur aus der Film-Trilogie „Herr der Ringe“ ist, wird sie idealisiert dargestellt. Die Schauspielerin Liv Tyler verkörpert sie mit Anmut und Schönheit, unwirklich und gleichzeitig wirklich, sie wirkt auf uns mit ihrer inneren Stärke und Unabhängigkeit. Es hat den Anschein, dass Arwen sich ihres Körpers sehr bewusst ist, sie bewegt sich leicht und mit Bedacht.
Sie ist eine Halbelbin und kann entscheiden, ob sie sterblich, wie ein Mensch, oder unsterblich sein will. Sie verhält sich selbstbestimmt und lässt sich nicht einreden, dass die von ihr ersehnte Zukunft mit Aragon unerreichbar und unmöglich sei. Ihr Vater malt ihr aus, dass es kein Leben mit Aragon geben wird, er lässt sie seine Vision sehen, in der nur Kummer sie erwartet. Arwen hält stand und bleibt bei ihrer Entscheidung, sterblich zu sein.

Meine Gedanken wandern zu einer ehemaligen Klientin, die psychosomatische Beschwerden hatte. Sie hatte viele Ärzte und Heilpraktiker aufgesucht und war immer wieder verzweifelt, dass sie keine Hilfe erfuhr. Sie hatte sich bereits als Jugendliche zu männlich gefühlt.  
Sie verstand unter ihrem Männlich-sein, dass sie auf das Einhalten von Zeiten, auf Pläne und  Lösungen fokussiert sei und dass sie meistens funktioniere.
Sie wollte gern weiblicher sein, sie sehnte sich danach, sich leichter und weicher zu fühlen.

Wir stellten uns vor, dass Arwen anwesend wäre und versuchten, sie zu erspüren.
Sie schien mit allem um sich herum verbunden zu sein, Weitblick und Intuition zu haben, der sie vertraute. Leila, so hieß meine Klientin, fühlte sich von ihr beschützt, „anders als bei männlichem Schutz“.

Das Bild von Arwen wurde uns immer deutlicher. Leila stellte fest, dass Arwen beide Seiten hat, weibliche und männliche. Auch ich bemerkte, dass sich eine friedliche, harmonische Stimmung ausbreitete, was von diesem inneren Gleichgewicht von Arwen ausgelöst wurde. Vor allem nahm ich wahr, wie Arwen Vertrauen hatte darauf, dass es sich lohnt zu kämpfen.
Wir beschlossen die Stunde in einer heiteren Stimmung. Ich habe das nicht vergessen.

Als ich gestern durch ein Kaufhaus strich, fiel mir oben auf einem Stapel ein weißer, weicher Pullover auf. Nur so aus Neugier, wieviel er kosten sollte, drehte ich das angehängte Etikett um und konnte es nicht glauben: da stand „Arwen“.

Was weiblich ist und was eine Frau ausmacht, habe ich vor einiger Zeit auch meinen weitgereisten Chef gefragt. Er antwortete, dass für ihn eine ideale Frau auf der Stirn einen Ausdruck von Friedlichkeit habe. Ich nickte und konnte das nachvollziehen. Das klang wunderschön, erschien mir aber unerreichbar. Es war mir außerdem zu einseitig.

Ein Kommentar zu “Arwen

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